Hurricane 2012, Tag 1: Fußball vs. Musik 1:2


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„Mensch, bist du groß geworden!“ Eine Zeile, die man früher am Morgen in einer Bäckerei im Städtchen Zeven gehört hat, als eine ältere Frau einem 16jährigen den Kopf wuschelte, kommt einem wieder in den Sinn, als man am frühen Mittag die erste Runde über das Hurricane-Gelände macht. Was 1997 noch in die Rennbahn des Eichenring passte, mit einer Hauptbühne und einem Zelt, ist inzwischen links und vor allem rechts über den Parcour gewachsen und nicht weniger als ein Festival, das sich mit europäischen Größen wie dem Reading Festival in England oder dem Pinkpop in Holland locker messen kann.

Warum einem das gerade in diesem Jahr auffällt? Liegt vielleicht daran, dass das ja immer recht kuschelige Zelt der Red Stage – wenn man denn rein kam – in diesem Jahr gegen eine weitere Openair-Bühne eingetauscht wurde, die anderswo in der Kategorie „Hauptbühne“ rangieren würde. Auch die hochgestellten Zelte mit VIP-Lounges, die nun doppelt so groß wie im Vorjahr an der rechten Geraden des Eichenrings platziert sind, lassen ein gesundes Wachstum erkennen. So was kann natürlich auch in die Hose gehen, aber im Falle des Hurricane – das kann man nach dem Freitag beruhigt feststellen –  ist die Operation geglückt. Trotz Bändchen-Chaos im Vorfeld läuft der Laden, und das Publikum ist genauso herrlich laut und bekloppt wie immer.

Aber genug der festivaljournalistischen Faktenhubereien! Ist ja schließlich Festival und da will man ja nicht bierernst durch die Zeilen eiern. Ob man es dann allerdings sprachlich so derb treiben muss, wie Jennifer Rostock, die später von der Blue Stage skandiert „Festival ist Tittenzeit!“ sei mal so dahingestellt. Was für eine Zeit die Festivalzeit auch für wen auch immer sein mag, die ersten Stunden auf dem Hurricane-Gelände hatten auf jeden Fall einen ganz besonderen Charme. Als sich um 14 Uhr 30 die Pforten öffneten, kippte das Wetter kurz von sonnig auf stürmisch und die ersten Besucher, die über den da noch gesunden Rasen in Richtung der Bühnen liefen, wurden von einem saftigen Platzregen begrüßt. Aber das schien die Euphorie eher noch zu schüren, vermutlich weil sich all die Staublungen über ein wenig Feuchtigkeit im Boden freuten. Auch die Sonne, die sofort im Anschluss den ja eher mittelmäßigen Wettervorhersagen trotzte, tat ihres dazu bei und spendierte ein paar Stunden feinsten Sonnenschein.

Musikalisch wurden die ersten Akzente nicht auf der Hauptbühne gesetzt. Da spielten Switchfoot ihren etwas pathetischen Gutmenschen-Rock, den man vielleicht aus dem Film „Die Chroniken von Narnia: Prinz Kaspian von Narnia“ kennt, wo sie den Titelsong „This Is Home“ stellten. So ungefähr war dann auch ihr Konzert: Viel große Geste, viel Hollywood-Zauber – aber Tiefgang war nicht zu erkennen, obwohl man ja gerade den durch diese ach so spirituellen Lyrics erreichen will. Nein, dann doch lieber ins Zelt der White Stage, die in diesem Jahr nicht nur als reines Elektro-Zelt benutzt wird, sondern gerade am Freitag auch von Acts wie My Morning Jacket und Ed Sheeran bespielt wurde. Den Anfang machten We Inventend Paris aus Basel, die ja schon seit einer Weile durch die Indiewelt segeln und irgendwie immer besser werden. Ein wenig mehr Abwechslung könnten ihre Songs vertragen, aber diese wundervolle Melodie eines „Iceberg“ oder eines „Lonely Places“ und diese sanfte Stimme von Sänger Flavian waren in diesen noch frühen Festivalstunden geradezu verzückend. Blöd nur, dass sich die Show mit der des Bombay Bicycle Club überschnitt, die mal quirlig zappeln, mal melancholisch kopfnickern – und mit Jack Steadman auch eine dieser Stimme haben, die runtergehen wie gekühltes Zitronensorbet.

Während auf der White Stage später My Morning Jacket dem perfekten Gitarrensound nachspürten und Rotschopfschnuckel Ed Sheeran souverän von Lego Häusern, Junkie-Schönheiten und Haustieren sang, die Broilers auf der Hauptbühne die Ärmel hochkrempelten, bevor dann im Anschluss – was für ein Kontrast – Mars Volta zu psychedelischen Sternzeitkreuzfahrten ins All luden und sich auf der Red Stage die Zwei- und Drei-Akkord-Acts abwechselten, begann auf der Blue Stage das Heimspiel der deutschen Musikszene. Jennifer Rostock überrissen es vielleicht ein wenig mit ihren Sauf- und Fummel-Spielen, aber danach folgte ein Siegeszug heimischer Acts vergleichbar mit der neuen Flügelzange Reus / Schürrle (um schon mal so langsam die Fußballmetaphern ins Spiel zu bringen…). Wie Bosse es im Interview mit uns sagte: „Bis zur letzten Wurstbude waren die Leute dabei und haben mitgesungen.“ Die Zahl dieser Leute betrug ungefähr 40.000, denn zeitweise schien an der eigentlich zweitgrößten Bühne mehr los zu sein, als an der eigentlichen Hauptbühne – der grünen Stage.

Bosse eröffnete diese Sangesstunden mit seinen groß klingenden Lieder auf die kleine Melancholie, die in den letzten Jahren nicht nur immer griffiger geworden sind, sondern ihm auch eine beträchtliche Fanschar eingespielt haben. Sein Geheimnis: Bodenständigkeit und eine unglaublich sympathische Präsenz. Und natürlich Zeilen wie diese: „Herz alle, Konto leer, das letzte Geld. Wohnungstür, Treppenhaus, Straßenlicht, verloren gehen, bleich im Gesicht. Ein letzter Gruß von der Theke an das Leben das du kanntest.“ Na, wer kennt diese Assoziationskette denn nicht?

Ähnliches Rezept, ganz andere Musik: Casper setzte sich im Anschluss mal wieder zwischen die Stühle zwischen Pop, Emo und natürlich Rap und ließ den Druck noch ein wenig steigen. Wo bei Bosse die Melancholie kultiviert wird, ist es bei Casper ein Duo aus Aggressivität und einer ähnlich alle umarmenden Textwelt, die jeden mitnimmt, der sich für einen Underdog hält – was ja im Alter zwischen 15 und 25 ja fast jeder tut. Mit „So Perfekt“ verabschiedete er sich – und bei seiner Medien- und Bühnenpräsenz in den vergangenen Monaten, hatte man fast den Eindruck, er nimmt sich jetzt noch diesen fast perfekten Bühnenabgang mit nach Hause und sperrt dann erstmal eine Weile die Tür zu.

La Brass Banda sorgten dann für die Bläsergaudi, die sie so erfolgreich gemacht hat, und bei der eine Hälfte springt und gröhlt und tanzt und die andere sich das anschaut und überlegt, was „I don’t get it“ auf bayerisch heißen mag. Da der Autor dieser Zeilen zur zweiten Kategorie gehört, kann hier leider nicht erklärt werden, warum das so wahnsinnig gut funktioniert.

Letzter deutschsprachiger Act auf der Blue Stage waren dann die Sportfreunde Stiller, denen ja noch immer ihr Sommermärchenhit und somit der Ruf, eine „Fußballband“ zu sein, anhängt. Dass ausgerechnet sie zum Start der zweiten Halbzeit auf die Bühne mussten, hatte im Vorfeld zu den wildesten Gerüchten geführt. „Die spielen doch nicht!“ „Die werden sich einen Fernseher auf die Bühne stellen!“ „Die werden auf der Leinwand das Fußballspiel zeigen.“ Das waren nur ein paar Variationen. War aber alles Quatsch. Auch bei den Sportfreunden geht die Musik vor – und obwohl ihre Bandbelegschaft mit Bläserverstärkung Mannschaftsstärke hatte, war der Fußball trotz des furiosen Spiels eher Beiwerk während des Sets. Sehr charmant war es, wie sie jeden neuen Spielstand nannten und in ihre Show einbauten: „Wir haben die Ehre diesen Song zu einem wundervollen 4:1 ankündigen zu dürfen.“ Und, auch wenn man sie nach ihrem sommerlichen Höhenflug vielleicht ein wenig über hatte: Mit dieser Show, die übrigens dank zwei verschiedener Bühnenetagen und Leinwände recht bombastisch ausfiel, haben sie sicher den ein oder anderen Nörgler noch bekommen.

Wir geben ab zur Hauptbühne: Da hatten ja The xx die Bürde, den ersten Song zum Anpfiff zu spielen. Und man hatte sich durchaus ein wenig gesorgt, wie das denn werden würde so vor der Main Stage. Nachdem sich schon Stunden zuvor die Menschenmassen zum Public Viewing auf dem Campingplatz geschoben hatten, rechnete man permanent mit, wieviel Leute, denn dann noch auf dem eigentlichen Gelände blieben. Und man erinnerte sich an das Dilemma vor Jahren, als die Public Viewing Fläche nicht reichte, und man mitten in der Show von Nada Surf auf einmal die Partie auf die Leinwände neben der Bühne schaltete – leider hatte man der Band nicht gesagt, dass man das aus Sicherheitsgründen machte. Dann wäre sie vielleicht nicht stinksauer abgerauscht. Diesmal reicht die Fläche, und es blieben seltsamerweise noch genügen Menschen, um die Show zur Abenddämmerung von The xx nicht zur Geisterstunde werden zu lassen. „We are not used to play in daylight“, sagte Oliver Sim lächelnd – und man wollte fast rufen: „We are not used to listen to your music in daylight!“ Aber es funktionierte, zumindest wenn man diese Musik – dieses minimalistische, Gänsehaut verursachende Zusammenspiel dieser drei jungen Künstler an sich ran, in sich hinein ließ. Mit einem neuen Song zu starten, dem leisen – tja, wie heißt er denn nun? „Love Love Love?“ Oder: „Being as in love with you as I am“? – war dann auch gleich ein mutiger Move. Der Song sorgte für stumme Begeisterung, zumindest während des Songs, bevor man dann wieder die vertrauten Gefilde des Debüts befuhr.

Leider merkte man wieder, dass das Hurricane manchmal ein Alkoholproblem hat, das gerade bei den ja gerne gebuchten atmosphärischen Acts zum Störfaktor werden kann. Testosteron-befeuerte, betrunkene Kerle in Ganzkörpertierkostümen kann man halt nur schwer vermitteln, dass sie bei einem so wundervollen Song wie „VCR“ doch einfach mal die Fresse halten sollten.

Ein wenig awkward war dann auch der Moment, in dem der Fußball in diese knisternde Spannung einbrach und man plötzlich auf der Leinwand das „1:0“ blinken sah. Kurzer, lauter Jubel – und die Band wusste, dass sie dagegen nicht ankommt und brach das gerade begonnene Stück noch einmal ab.

Der Rest der Nacht gehört dann den alten Helden von The Cure und den Stone Roses. Ein mutiger Schritt, wenn man bedenkt, dass ja Horden von gut betankten glücklichen Fußballfans nach dem Spiel wieder zum Gelände wollten. Ob da die überirdische Musik von The Cure die richtige Medizin war? Hätte das nicht besser zu einer Niederlage gepasst? Nö. Robert Smith mag zunehmend verschroben aussehen, aber diese Stimme, dieses eigene Gitarrenspiel und diese Songs sind einfach ganz und gar einnehmend und klingen, live gespielt, so gar nicht in ihrer Zeit eingestaubt. „Pictures Of You“, gleich der zweite Song, sorgte schon gleich für ehrfürchtige Starre. Was für ein Lied! Wer dazu nicht mal zu einer Trennung geflennt hat, will das ab sofort nachholen. Ach, und so ging es immer weiter. Natürlich spielen The Cure auf Festivals eine Best-of-Show ohne große Überraschungen, aber wer mit Stücken wie „The End Of The World“, „In Between Days“, „Just Like Heaven“, „A Forest“ , „Disintegration“ und natürlich „Boys Don’t Cry“ wuchern kann, der brauch doch kaum mehr – schon gar nicht für ein eher junges Publikum, das es noch zu gewinnen gilt. Und wenn man dann noch einen charismatischen Kauz wie Smith auf der Bühne hat, der immer noch bei jedem gesungenen Wort wirkt, als würde er es immer wieder durchleiden, kann doch eigentlich nix mehr schiefgehen.

Danach dann noch einmal die Alte-Helden-Rutsche, nicht unbedingt bei Pennywise, die auf der Red Stage mit „OHHHHHOHHHOHHHOHHO“ & Co. das Licht ausmachten, sondern bei den wiedervereinten Stone Roses, die natürlich ihre beiden Alben ausspielten, es aber nicht vermochten, neue Freunde zu finden. Vor leider recht leeren und ab der fünften, recht müden Reihen bemühten sie sich redlich, ohne dass der Funke mehr erreichte, als die bereits bekehrten und den mitgereisten englischen Fans. Dafür ist Ian Brown dann wohl doch zu knurrig, als dass er das Jungvolk mitreißen könnte. Andererseits war es mal wieder erstaunlich zu sehen, wo sich Oasis ihre Gitarrenriffs und Liam seine Posen abgeschaut hat. So wurde es ein etwas geisterhaftes Ende, dass mal wieder die Frage auf das staubige Feld stellte, ob es denn wirklich immer so günstig ist, mit gut gefüllten Festivalbookingtaschen in eine wiederkehrende Legende zu investieren, die dann im Rahmen dieser riesigen Veranstaltung einfach nicht so funktioniert, wie sie es im richtigen Club mit richtigen Fans täte.

Aber wir wollen mal nicht meckern. Im Gegenteil. Wir wollen schon wieder los! Morgen folgt Teil 2.