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Maske auf und Wahnsinn genießen: So war der Samstag beim Hurricane 2022


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Samstage sind für Festivals oft besonders – jeder, der am Tag zuvor noch arbeiten musste und am Montag früh rausmuss, versucht das Meiste aus seinem Besuch herauszuholen. Für manche lautet die Aufgabe daher: So viele Bands wie nur möglich ansehen und Haken schlagend in den Moshpit springen. Andere bevorzugen dagegen den gepflegten Bier-Exzess im Kollektiv. Wonach einem der Sinn auch steht, das Hurricane 2022 hat das passende Line-up aufgestellt.

Der Mix aus Punk, Rock, Indie am Nachmittag und frühem Abend sowie Rap und HipHop zu späterer Stunde macht es möglich, sich erst strampelnd auszupowern und sich im Anschluss bei musikalischen Gerstensaft-Huldigungen („1000 Jahre Bier“ von Deichkind, „Bier“ von K.I.Z) noch ein wenig unter Aufsicht die Kante zu geben. Wer zwischendurch mal schlappmacht, wird – und das ist wirklich großartig – sofort von umstehenden Zuschauern mit Wasser versorgt oder im Ernstfall auch medizinisch versorgt.

Juju heizt ein

Bei den hohen Temperaturen am Hitzewochenende sind Flüssigkeitszufuhr und Elektrolyte natürlich mindestens genauso angesagt wie Sonnencreme, deren süßlicher Duft sich mit dem erdigen Acker vermischt. Der Geruch von Festivalsommer hat einfach was – Pathos hin oder her, jetzt wird auch klar, wie sehr es gefehlt hat. „Damn, Leute, ich kollabiere gleich“, übertreibt auch Juju etwas, die den Leuten vor der River Stage ihr wunderbar obszönes Liedgut präsentiert. Auch ein SXTN-Song schafft es auf die Setlist: Zu „Fotzen im Club“ singt das ganze Publikum mit: „Vom Donnerstag-Suff noch die Reste zwitschern, Make-up draufklatschen, bis die Fresse glitzert, einen reindübeln, weil im Club ist zu teuer“. Nur wirklich wenige im Publikum wollen angesichts der Polizeipräsenz später zugeben, dass sie gerade einen durchziehen, sind aber gern bereit, Auskunft über früheren Graskonsum zu geben.

Foals

Der Moshpit, der sich bei Juju gebildet hat, wird für den Rest des Tages noch größer. Viele haben aus dem staubigen Freitag gelernt (beim Nase schnauben kamen einige interessante Überraschungen zum Vorschein) und sich ihre FFP2-Masken aufgezogen. Auch Foals hatten vor dem Auftritt einen gewissen Respekt: „Wir hatten Angst, dass es zu heiß oder staubig werden könnte. Aber ihr gebt uns Leben“, bedankt sich Gitarrist und Sänger Yannis Philippakis. Auch „Spanish Sahara“ ist unter diesen Bedingungen ein Muss, bevor sich die Band aus Oxford einem Rockfestival gemäß mit Songs wie „Inhaler“ freispielen.

Idles – die wahren Rockkönige des Tages

Während Mando Diao auf der Forest Stage sich selbst großspurig als schwedische Kings of Rock’n’Roll anpreisen (cringe), wird beim Set von Idles auf solche Ego-Manieren – sagen wir es, wie es ist – geschissen. Die Band aus Bristol macht, was sie will: Gitarrist Mark Bowen marschiert wild gestikulierend im sommerlichen Maxi-Kleid über die Bühne, Bassist Adam Devonshire schimpft vor sich hin, Gitarrist Lee Kiernan wirft sich mit seinem strahlend weißen Outfit in die Menge vor ihm, um dort weiterzuspielen. Als man ihn wieder herausfischt, bekreuzigt sich Sänger Joe Talbot, zieht aber zum harten Schlagzeugspiel von Jon Beavis weiter durch: brüllend wütende Texte bei bester Laune vorzutragen, das muss man auch erst mal hinbekommen.

K.I.Z

Vom Riesenrad aus lassen sich zum Sonnenuntergang die Dimensionen des Festivals noch besser überblicken. Am Samstag scheinen noch mehr Menschen als am Tag zuvor über den Platz zu strömen, um bei einem rap- und hiphoplastigen Headliner-Line-up zu feiern. Etliche bringen sich nun für K.I.Z vor der River Stage in Stellung. Dennoch schauen viele auch der Antilopen Gang auf der Mountain Stage zu.  Andere genießen den unbeschwerten Indie-Pop der Berliner Von Wegen Lisbeth, die mit ihrem neuen Song „Elon Musk kommt nicht ins Berghain“ auf der Forest Stage über den berufsjugendlichen Tesla-Chef singen.

Frisch aus der Nervenheilanstalt Birkenhain eingetroffen: Tarek, Maxim und Nico. In Anstalts-Jogginganzügen starten sie ihr Set mit „VIP in der Psychiatrie“. Mit Political Correctness ist es jetzt erst mal vorbei, wenn Tausende „unterfickt und geistig behindert“ brüllen. Wie sang Danger Dan gerade noch so schön nebenan: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“. Und auch wem das jetzt nicht gefällt, muss angesichts der wahnsinnigen Texte und Ansagen des Trios, das sich auf die „Essentials des HipHop“ konzentriert, doch das eine oder andere Mal schallend lachen oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Deichkind am Limit

Zeitweise ist der Andrang bei Deichkind so groß, dass die Show kurz unterbrochen werden muss, um Engstellen aufzulösen und die Sicherheit aller zu gewährleisten. Das hat später Auswirkungen auf den Livestream, denn weil auch die pompös flackernde Bühnenshow von Twenty One Pilots gezeigt werden soll, werden Zuschauer zu Hause der großen Zugabe mit „Remmidemmi“ beraubt. Zur Versöhnung gibt es einen kleinen Einblick hier:

Ein glorreicher Abriss ist es dennoch für die Menschen vor Ort und vor dem Bildschirm, denn die Bühnenshow mit durchchoreografierten Elementen, Lichterfest und wechselnden Kostümen ist wie immer sehenswert und höchst unterhaltsam. Um in einen gesellschaftstauglichen Geisteszustand zurückschalten zu können, ist das bereits erwähnte Musiker-Duo aus Ohio anschließend gern behilflich. Und auch wenn die Texte nun vielleicht wieder etwas zahmer werden – optisch steht die Show von Twenty One Pilots den Auftritten ihrer Vorgänger mit Highlights wie einem Bühnenlagerfeuer in nichts nach.