„I, Tonya“: Die Leiden einer Eishexe

Das kollektive Gedächtnis ist unerbittlich. Da rackert man sich jahrelang für die Karriere ab, und was bleibt? Der Fehltritt. Man denke an Bill Clintons Vorliebe für Zigarren und Sarah Connors Nationalhymnen-Brühsaster.

Auch Tonya Hardings Name klebt an einer Begebenheit, die ein eher unschönes Licht auf die einstige Eiskunstläuferin wirft, die eine Konkurrentin mittels einer Eisenstange aus dem Wettbewerb drängen wollte. Doch scheint sich in ihrem Fall gerade der Wind zu drehen. Vor ein paar Monaten hat Sufjan Stevens bereits ­eine Ode an sie veröffentlicht, und nun folgt mit „I, Tonya“ auch die cine­astische Rehabilitierung.

Was ist die Wahrheit? Der Zuschauer muss entscheiden

Das Eislauftalent von Harding, die in armen Verhältnissen und unter dem Drill ihrer alkoholabhängigen Mutter aufwuchs, entdeckte man schnell. Aber mit ihren selbst genähten Kostümen, ihrer burschikosen Art und der ZZ-Top-Playlist wurde sie statt zu einer Pirouetten­prinzessin zu einer Eishexe. Und nach dem Angriff auf ­ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan folgte eine bis dahin selbst in den USA unbekannte Berichterstattung: Die Kameras folgten ihr auf Schritt und Tritt, permanent wurde live berichtet – der Fall Tonya Harding war quasi die Generalprobe der medialen Abgründe, die direkt im Anschluss im Prozess gegen O. J. Simp­son perfektioniert wurden.

Kooperation

„I, Tonya“ ist kein klassisches Sportler-Biopic, sondern spiegelt zugleich das Medienwirrwarr von damals wider. Das Drehbuch basiert auf aktuellen Interviews mit Harding und ihrem Exmann, die dann mit O‑Tönen und Interviews von vielen Beteiligten von damals verdichtet wurden. So entstand ein Kaleidoskop von Erinnerungen und Sichtweisen, die den Zuschauer herausfordern, seine „Wahrheit“ zu finden. Im Zentrum steht aber die Version von Tonya Harding, die von Margot Robbie großartig interpretiert wird.

Craig Gillespie inszeniert seine mitunter sehr skurrilen Figuren mit komödiantischer ­Verve und schafft es zugleich, mit jeder Pointe immer mehr Tragik zu ­offenbaren.


Die besten Konzeptalben aller Zeiten: The Who - „Quadrophenia“

Der alles überwältigende Song kommt am Schluss. Regen prasselt, als die ersten Klavierakkorde zu „Love, Reign O’er Me“ einsetzen, dieser Sehnsuchtshymne adoleszenter Jugendlicher, zu der im Jahre später gedrehten Kinofilm (mit Sting!) der Held, ein Mod namens Jimmy, von der Klippe ins Open End springt und sein Scooter zerschellt, während er auf dem Doppelalbum mit einem Bötchen aufs Meer hinausrudert, was natürlich ein bisschen weniger offensichtlich ist. Für „Quadrophenia“ sprechen vor allem drei Argumente: Die Mod-Kultur, die schönste Jugendkultur aller Zeiten; ihre Musik (Northern Soul) war so hitzig wie ihre Tänze elegant und ihr Styling (Parkas, Ponys, enge Anzüge, Mädchen…
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