Innere Aufbrüche, Wasserfälle und Sirenen: die Alben der Woche vom 01. Mai

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Innere Aufbrüche, Wasserfälle und Sirenen: die Alben der Woche vom 01. Mai

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Tocotronic – Das rote Album

Album der Woche:

Tocotronic – Das rote Album

Welch köstliche Genugtuung müssen all die Distinktionsposer verspüren, die auch diese Platte abfeiern werden? Man sieht die Elogen schon vor sich: „Das beste Tocotronic-Album seit dem letzten Tocotronic-Album“, „Das Beste seit Beethoven“ … und dergleichen mehr. Naturgemäß kommt die Band noch immer, um sich zu beschweren. Noch immer kontert Dirk von Lowtzow den alltäglichen Stumpfsinn mit Quasi-philosophischem und Naturalismus-Verweisen, von Thomas Bernhard bis Joris-Karl Huysmans. Und wer möchte nicht mit ihm in diesem Elfenbeinturm, diesen Kathedralen der Überlegenheit hausen?

„Das rote Album“ ist nun der Punkt, an dem das ganze Konstrukt unter der Last der Selbstgewissheit zusammenkracht. Schon „Schall & Wahn“ war ja der Gipfel der Prätention. Die neueste Inkarnation gibt sich zwar wiederum den Anschein, ein musikalischer Meilenstein zu sein, variiert aber nur die bekannten Manierismen. „Wir wollen in unseren Zimmern liegen und knutschen, bis wir müde sind/ Neue Hymnen, alte Lügen werden an ihren Tischen angestimmt/ Wir sind Babys/ Sie verstehen uns nicht/ Wir sind Babys/ Wir spucken ihnen ins Gesicht“, singt von Lowtzow in „Die Erwachsenen“, einer Mischung aus Achtziger-Synth-Rock und Erbauungsschlager. Andere Stücke muten wie Überbleibsel von „Kapitulation“ an, nur mit lyrischen Schnellschüssen. „Ich will keine Treueherzen/ Kannst du mir Liebe geben/ Flucht und Himmelfahrten/ Sind unsere Koordinaten/ Check dich mit mir ein/ Kannst du mich befreien?“, heißt es in „Rebel Boy“. „Zucker“ ist ein munterer Verschnitt aus Violent Femmes und Replacements, „Solidarität“ bedient sich bei „Im Zweifel für den Zweifel“. Akustische Gitarre, Streichquartett und von Lowtzows Lieblingsthema: „unter Spießbürgern Spießrutenlauf“.

Ist das nun süffisant oder doch nur peinliche Pennälerlyrik? Ist diese Mischung aus Kunst und Dilettantismus ironisch gemeint oder dient die Ironie hier bloß dem Zweck, jegliche Kritik abprallen zu lassen?

(Max Gösche/ROLLING STONE 05/2015)

Weitere Veröffentlichungen:

My Morning Jacket haben mit „The Waterfall“ eine psychedelisch-impressionistische, spirituelle Platte aufgenommen. Zu den gewohnten epischen und feingliedrigen Gitarrenklängen kommen diesmal Synthesizer hinzu und die eine oder andere Natur- und Lebensbetrachtung. Natürlich verweist hier alles auf Pink Floyd und The Grateful Dead. Dazu gibt es buntgefärbte Wasserfälle und mit „Only Memories Remain“ sogar eine Discoballade wie in den 1970ern. Man muss es so sagen: Jim James und seine Band haben das perfekte Frühlingsalbum aufgenommen.

Weg mit den Banjos! Das war wohl die wichtigste Vorgabe, als sich Mumford & Sons ins Studio begaben, um „Wilder Mind“ einzuspielen. Natürlich locken inzwischen die Arenen – und die Band sucht deshalb nach einem coolen, urbanen Image. Songs wie „Believe“ klingen nun eher nach Coldplay-Bombast (und, oh weh, Rea Garvey) als nach den Folk-Hymnen aus der Anfangszeit der Briten. Der einstmals handgemachte Lagerfeuer-Sound ist wohl endgültig atmosphärischen und zuweilen uninspirierten Rock-Nummern gewichen.

Blank geputzter, Artschool-Indierock kommt von Django Django. Die Londoner hatten nach ihrem gefeierten Debüt keine Lust mehr auf niedliche Rhythmen und arbeitete deshalb für ihren zweiten Longplayer an einem wuchtigeren Sound. Der auf Melancholie und Depression verweisende Titel „Born Under Saturn“ will zwar nicht recht zu den groovenden, durchaus von den Beach Boys infizierten Liedern passen. Aber die nach Größe und Erhabenheit strebenden Refrains dokumentieren den Stilwillen der Kunstschüler.

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