Jaimoe ist das letzte Originalmitglied der Allman Brothers. Er hat es kommen sehen

„Manche Dinge weiß man einfach“, sagt der Drummer, der kurz vor seinem 82. Geburtstag noch immer mit dem Verlust von Duane, Gregg und seinen gefallenen Brüdern hadert.

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Jaimoe muss nicht weit schauen, um an die Vergangenheit erinnert zu werden – an die Freunde und Bandkollegen, die er verloren hat. An jedem beliebigen Tag genügt ein Blick auf seine rechte Wade.

An diesem Tag entspannt sich Jaimoe in einem Aufnahmestudio in der Nähe seines Hauses in Bloomfield, Connecticut, wo er seit mehr als 35 Jahren lebt. Er ist kräftig gebaut, sein Kopf von weißem Haar gesprenkelt – und doch strahlt er noch immer die beeindruckende Intensität seiner frühen Tage als Co-Drummer und Perkussionist der Allman Brothers Band aus. Ein Paar Drumsticks in der Hand, lässig in T-Shirt und weiter Hose gekleidet, erinnert er sich an die Verbindung zu Duane Allman, dem walrossschnurrbärtigen Gitarristen und Spiritus Rector der Band. An die gemeinsamen Besuche in Pfandleihäusern, wo sie Gitarren und alte Schlagzeuge aufstöberten. Dann hält Jaimoe inne, blitzt ein kurzes, verspieltes Grinsen auf – und er krempelt das rechte Hosenbein bis zum Knie hoch.

Und da ist es: das letzte der originalen Allmans-Bandtattoos.

Das Pilz-Tattoo von Winterland

Die Geschichte – dokumentiert in einem ROLLING-STONE-Titelbeitrag von 1971 – geht so: Die Allmans waren in San Francisco, hatten gerade ein typisch furioses Set im Winterland gespielt, als sie beschlossen, ihre Verbundenheit mit Hilfe von Lyle Tuttle, einem stadtbekannten Tätowierer, zu besiegeln. Zu Ehren der psychedelischen Pilze, die sie gemeinsam konsumierten, wählten sie ein Pilzmotiv und ließen sich je eines auf das rechte Unterschenkelbein stechen. Auf Jaimoes Wade ist es ein kleiner, leicht verwischter Pilz, dunkel ausgefüllt – anders als die farbigeren Tattoos der anderen Bandmitglieder. „Meins ist das einzige dieser Art“, sagt er. „Die mit Farbe sehen überhaupt nicht so aus wie das hier.“

In seiner Zeit bei den Allmans – die den größten Teil, wenn nicht die gesamte Existenz der Band umfasste – stach Jaimoe in vielerlei Hinsicht heraus. Als Jazz-Enthusiast, bevor er zur Gruppe stieß, brachte er die improvisatorische Leichtigkeit dieses Genres in das Bluesfundament der Band ein. „In gewisser Weise ist er eines der prägendsten Mitglieder“, sagt Gitarrist Warren Haynes, der 1989 zu den Allmans kam und bis zu ihren letzten Shows dabei blieb. „Alle sechs Originalmitglieder hatten unverwechselbare Persönlichkeiten und brachten viel mit. Aber was Jaimoe einbrachte, war einzigartig. Die Allman Brothers wären ohne ihn nicht dieselben gewesen. Diese Jazz-Dimension hätte gefehlt. Sie spielte eine so entscheidende Rolle im Klang der Musik.“

Auch optisch machte Jaimoe auf sich aufmerksam. Als seltener schwarzer Musiker in der Welt des Southern Rock der Siebziger besaß er eine athletische Statur, die, wie er sagt, aus den Jahren stammte, „als ich von acht Jahren bis zum vorletzten Schuljahr Mr. America werden wollte.“ Dazu sein Stil – Barett und Brille – machten Jaimoe schlicht zu einem der coolsten Typen im Musikbusiness. „Er war dieser schwarze Typ am Schlagzeug, mit seiner Sonnenbrille und der Armeejacke sah er aus wie Black Power in Person“, sagt Bert Holman, der die Originalbesetzung der Band noch live erlebt hatte und schließlich ihr Manager wurde. „Er war immer dieses Rätsel.“

Der letzte Überlebende

Doch heute sticht Jaimoe auf eine andere, tiefere Weise heraus. Mit dem Tod von Gitarrist Dickey Betts vor zwei Jahren – nach dem Ableben von Gregg Allman und Band-Co-Drummer Butch Trucks – ist Jaimoe nun das letzte lebende Mitglied der ersten und klassischen Allmans-Besetzung von 1969. Diese Erkenntnis trifft ihn immer wieder, so auch jetzt, als er auf sein Tattoo starrt und sich daran erinnert, wie Duane auf einem Hocker saß und sich als Erster stechen ließ. Das war nur passend, schließlich war er der Gründer der Band – aber Jaimoe war der erste Musiker, den Duane rekrutierte.

„Ich war der Erste, und ich wusste, dass ich der Letzte sein würde“, sagt er nach einem Moment des Schweigens. „Manche Dinge weiß man einfach.“

Jaimoe wird nächsten Monat 82, und er gibt zu, dass das letzte Jahrzehnt hart war. Er krempelt jetzt beide Hosenbeine hoch und zeigt Narben an jedem Knie von Operationen, dann deutet er auf seine rechte Schulter. „Das ist Titan!“, sagt er. „Die nennen mich den bionischen Drummer.“ Er geht mit Hilfe eines vergoldeten Gehstocks, den ihm der spätere ABB-Neuzugang Derek Trucks, Butchs Neffe, geschenkt hat, und sein linkes Auge, das schon lange ein Lazy Eye ist, ist ausgeprägter geworden.

Krankenhaus, Reha, Rücken-OP

Letzten Sommer wurde er wegen Dehydrierung ins Krankenhaus eingeliefert – die Folge, sagt er, davon, ein bisschen zu viel Wein und Bier getrunken zu haben. „Ohne zu wissen, dass ich meinem Körper dabei was wegnahm“, sagt er mit einem seiner gelegentlich herzhaften Lacher. Danach verbrachte er Wochen in einer Reha-Klinik, was nicht nur schlecht war. „Die haben mich in diesen Raum gebracht mit einem riesigen Sessel wie ein elektrischer Stuhl, und da setzt du dich drauf und wirst gebadet“, erzählt er. „Das war ziemlich cool.“

Er lehnt sich vor und zeigt auf seinen unteren Rücken, wo bei einem weiteren Eingriff drei Schrauben eingesetzt wurden. „Als wir die Operation gemacht haben, sagte der Arzt, es dauert normalerweise etwa vier Stunden – es hat sechs gedauert“, erzählt er. „Er sagte: ‚Mann, Sie sind wirklich zäh.‘ Ich sagte: ‚Doktor, ich sitze seit meinem 16. Lebensjahr auf meinem Hintern und mache das hier. Ich sollte verdammt nochmal zäh sein.’“

Johnie Lee Johnson, wie er bei der Geburt hieß, begann tatsächlich als Teenager in Mississippi, auf die Felle zu hauen – unter anderem in der Marching Band seiner ausschließlich schwarzen Schule. Sport reizte ihn, Musik aber noch mehr, und schließlich spielte er hinter Soul- und R&B-Acts wie Otis Redding, Joe Tex, Patti LaBelle and the Bluebelles und Clarence Carter.

Dieser Weg führte auch zu seinem Spitznamen, als Saxofonist Rudolph „Juicy“ Carter den Drummer eines Tages ansah und „Jaimoe“ sagte. „Ich fragte: ‚Wer zum Teufel ist Jaimoe?’“, erinnert er sich. „‚Das bist du, Scheiß­kerl. Du bist Jaimoe.’“ Jaimoe ist sich nicht ganz sicher, was Carter zu diesem Namen inspirierte; vielleicht eine Hommage an den bahamaischen Sänger Jamo Thomas. Aber der Name blieb hängen und wurde viele Jahre später sein offizieller Name. Auf einer späteren ABB-Tour beobachtete Haynes amüsiert, wie Jaimoe in einem Hotel eincheckte und die Rezeptionistin damit rang, ob „Jaimoe“ Vor-, Nach- oder Gesamtname war.

Begegnung mit Duane Allman

Desillusioniert vom Leben auf dem sogenannten Chitlin Circuit – vor allem wegen der schlechten Bezahlung und des allgemeinen Umgangs mit Musikern – rutschte Jaimoe zufällig in ein neues Leben, als sein Freund, Sänger und Songwriter Jackie Avery Jr., in höchsten Tönen von einem überirdisch begabten jungen Gitarristen namens Duane Allman schwärmte, der in Muscle Shoals, Alabama, aufnahm. „Ich war auf dem Weg nach New York, um ein hungerleindender Jazz-Musiker zu werden“, sagt Jaimoe. „Das klingt komisch und so, aber genau das war der Plan. Ich hatte die Nase voll von Rhythm-and-Blues-Bands.“ Jaimoe gibt zu, dass sein Wissen über den Blues, den Allman liebte, begrenzt war: „Ich hatte keine blasse Ahnung vom Blues. Und ich wollte auch keine haben. Ich wollte mehr über Miles wissen.“ Doch als er und Allman erstmals gemeinsam loslegten – Schlagzeug und Gitarre –, spürte Jaimoe, dass sich ein neues Terrain auftat. „Duane wollte das hier machen“, sagt er und hebt die rechte Hand zu einer ausholenden Geste.

Jaimoe erinnert sich noch gut daran, wie er und Allman auf mehreren Ebenen harmonierten: „Wir saßen im Park und er fand vierblättrige Kleeblätter. Ständig! Ich hatte eine besondere Beziehung zu Duane.“ Die beiden bildeten den Ausgangspunkt für das, was die Allman Brothers Band werden sollte – der bald Betts, Butch Trucks, Bassist Berry Oakley und Duanes jüngerer Bruder, der bluesige Sänger Gregg, beitraten. „Die Leute reden über diese ‚Familienbands‘ und den ganzen Kram, aber die Allman Brothers waren wirklich wie eine Familie“, sagt er. „Wenn wir in einem Hotel wohnten, besorgte uns unser Tourmanager Twiggs Zimmer, bei denen jedes Zimmer eine Verbindungstür hatte. Alle Türen standen offen, man konnte geradeaus durch alle Zimmer gehen und sehen, was los war. Was auch immer passierte – man wusste davon.“

Im neuen Dokumentarfilm „Gregg Allman: The Music of My Soul“ reflektiert Jaimoe über seine Chemie mit dem Sänger. „Alles, was Gregory war, war mir recht“, sagt er in dem Film, der am 17. Juni als einmaliges Sonderevent in den Kinos Premiere feiert. „Weil wir das, was wir taten, gemeinsam getan haben … das meiste davon einfach als Menschen, als uneingeschränkte schwarze und weiße Brüder.“

Duanes Tod und das Weitermachen

Jaimoe (der in frühen Albumcredits als Jai Johanny Johanson geführt wurde) machte die Band mit seinen John-Coltrane-Platten vertraut, die ihre langen, verschlungenen Jams befeuerten. Doch die Band drohte zu zerbrechen, als Duane 1971 bei einem Motorradunfall ums Leben kam – kurz nachdem das Album „At Fillmore East“ ihren Rockstar-Status zementiert hatte. Jaimoe erinnert sich, dass er die Nachricht von Duanes Tod in der Wohnung eines Freundes erfuhr. In dem ersten von vielen solchen Momenten im Gespräch hält er inne und grübelt mehrere Minuten lang, und man spürt das Gewicht der Geschichte auf ihm, als verdaue er es noch immer. „Jemand rief mich an und sagte, er hat es nicht geschafft“, sagt er schließlich, mit gedämpfter Stimme. „Ich weiß nicht, Mann. Das Leben ist seltsam.“

Die Allmans machten weiter, und das Post-Duane-Album „Brothers and Sisters“ katapultierte sie in echten Superstar-Status. Doch die Tragödien und Rückschläge, die die Band noch jahrzehntelang verfolgen sollten (Oakley starb 1972 ebenfalls bei einem Motorradunfall), betrafen auch Jaimoe. Beginnend mit einer Verletzung, die er sich beim Footballspielen mit Mitgliedern von Percy Sledges Band zuzog, plagten ihn wiederkehrende Rückenschmerzen, die sein Verhältnis zu seinen Bandkollegen belasteten. „Ich war ungeduldig und ließ mich leicht reizen“, sagte er damals.

Die Allmans lösten sich 1976 auf, nachdem Gregg gegen den Tourmanager der Band, Scooter Herring, ausgesagt hatte, der wegen Drogendelikten verhaftet worden war. Der Rest der Gruppe war empört über Allman; selbst der sonst zurückhaltende Jaimoe veröffentlichte ein seltenes öffentliches Statement: „Ich kann nicht länger mit oder für Gregg Allman arbeiten, aber ich bete weiterhin, dass Gott ihm und uns allen hilft.“ Mit Allmans Keyboarder Chuck Leavell und Bassist Lamar Williams, einem Schulfreund, der Oakley ersetzt hatte, gründete Jaimoe Sea Level, eine weitgehend instrumentale Jam-Band, die mehrere Alben veröffentlichte.

Rückkehr, Rauswurf, Reunion

1978 kam Jaimoe zur Allman Brothers Band zurück, als sie sich neu formierten – doch wenige Jahre später wurde er in einem Streit um die Geschäftsangelegenheiten der Band gefeuert. Jaimoe blieb in Macon, Georgia, wo er Schlagzeugunterricht gab und mit einem Freund in einer lokalen Band spielte. Als die Allmans 1989 erneut für eine Tour zur Promotion einer Box-Set-Veröffentlichung zusammenkamen, saß Jaimoe wieder hinter dem Drumkit. „Ich mag ein Drummer sein, aber ich bin kein Idiot“, sagt er. „Ich wusste, dass das für mich die beste Bühne war – für das, wo ich hinmusste, und für die Dinge, die ich wollte. Mehr Geld und bessere Sichtbarkeit. Es ergab Sinn, zurück in der Band zu sein.“

„Er fühlte sich rehabilitiert“, sagt Holman, der erklärt, dass eine der Bedingungen für Jaimoes Rückkehr war, dass er eine Klage gegen die Band fallen ließ.

Für die nächsten rund 25 Jahre hielten Jaimoe und Butch Trucks gemeinsam den Takt für die Allmans, während die Band in eine neue Ära eintrat. Es gab kreative Höhepunkte, vor allem als Haynes und Derek Trucks frische Energie einbrachten, aber auch anhaltende Turbulenzen, die schließlich in Betts‘ Rauswurf im Jahr 2000 gipfelten. „Es hatte sich abgenutzt“, sagte Jaimoe 2017 zu ROLLING STONE über die Situation mit Betts. „Er sagte: ‚Ich muss mich wieder in den Griff kriegen‘ – und das wollte er tun. Manchmal sagten Gregory und Butch: ‚Wir holen jemanden, der spielt, bis du zurück bist.‘ Diesmal hat er sich nicht wieder in den Griff gekriegt.“

„Jaimoe war immer in der Mitte“, sagt Holman. „Die Machtbasis war lange Zeit Butch und Dickey auf der einen Seite und Gregg auf der anderen. Jaimoe schloss sich häufig der Mehrheit an, es sei denn, er hatte eine starke Meinung – dann meldete er sich zu Wort. Jaimoe verstand das Prinzip, dass das Wichtigste ist, was am besten für die Band ist. Und er sagte zu Dickey: ‚Ich gehe mit der Mehrheit.’“

Philosophie statt Lieblingsbesetzung

Jaimoe lehnt es ab, eine Lieblingsbesetzung der Band zu nennen, und wählt stattdessen eine andere Perspektive. „Kochen Sie?“, fragt er. „Sie fangen an, etwas zu kochen, oder Ihre Frau fängt an zu kochen, und Ihre Tochter kommt dazu und wirft etwas rein – Krümel oder Wasser oder so. Und es verändert sich. Wann immer man irgendetwas mit anderen Dingen vermischt, ist es eine andere chemische Reaktion.“ Haynes über Jaimoes Umgang mit dem Chaos: „Es war immer irgendwas im Gange, aber er hatte stets eine wunderschön philosophische Art, es zu betrachten.“

Als Allmans Gesundheit fraglich wurde, gaben die Allman Brothers 2014 ihre letzte Show. Haynes erinnert sich, wie er beim letzten Auftritt zu Jaimoe hinüberschaute – der lächelte und wirkte stolz auf ihr Vermächtnis. „Niemand hat sich wirklich verändert in den letzten 45 Jahren oder so“, sagte Jaimoe einige Jahre später zu ROLLING STONE. „Wir wurden einfach besser in dem, was wir taten, oder wir haben Mist gebaut. Es war immer dasselbe.“

Wer auch immer Jaimoe kennt, wird ihn ähnlich beschreiben: Er sagt meistens nicht viel – aber wenn er redet, sollte man genau zuhören. Diese Eigenschaft tritt schmerzlich deutlich zutage, wenn das Gespräch auf die musikalischen Brüder kommt, die er im letzten Jahrzehnt verloren hat. Er sagt, er konnte mit dem Mann, den er häufig „Gregory“ nennt, noch ein paarmal sprechen, bevor Allman 2017 an Leberkrebs starb. „Gregory rief mich an und sagte: ‚Hey, Bro, wann kommst du runter?’“, erzählt er – was allein schon eine Dringlichkeit anzeigte. „Er hat nie viele Anrufe gemacht.“

Abschied von Gregory und Butch

Er greift nach seinen Sticks und fängt an, auf dem Sofa zu trommeln, hört dann auf und entscheidet, dass er nichts zu Persönliches über ihre letzten Gespräche preisgeben möchte. „Es war sehr persönlich“, sagt er. „Darüber würde ich nicht reden wollen.“ Nach einer Pause fügt er hinzu: „Er war siebenmal verheiratet? Oder achtmal? Ich erinnere mich, dass ich ihn fragte: ‚Warum willst du heiraten?‘ Und er sagte, weil er nicht gerne allein war.“

Jaimoe erinnert sich daran, wie er Betts bei Greggs Beerdigung in der Reihe hinter sich sitzen sah, und er sagt, die beiden hätten sich soweit versöhnt, dass sie ein Gespräch führen konnten – bevor der hitzköpfige Gitarrist aus dem Ruhestand zurückkehrte, um vor seinem eigenen Tod im Jahr 2024 noch ein paar Shows zu spielen. Es klingt, als hätten er und Betts nach so vielen Jahren eine gemeinsame Basis gefunden. „Ich weiß nicht, wie viele Konzerte er gespielt hat, aber ich schätze, er hat gemerkt, dass er es nicht mehr konnte oder wie wenig leicht es sein würde“, sagt Jaimoe. „Das Schöne daran, mit jemandem zu reden, ist, dass man merkt, dass alle im Grunde auf derselben Wellenlänge sind.“

Der Tod von Butch Trucks, der 2017 durch Suizid starb, löst eine weit schwermütigere Reaktion aus. „Ich wusste, dass etwas [im Gange war], weil er mich immer wieder anrief“, sagt Jaimoe leise. Er hält inne, beginnt auf dem Sofa zu trommeln, hört auf, fängt wieder an. „Zwei oder drei Mal in vier oder fünf Stunden oder so. Was will er? Butchie wollte immer irgendwas.

„Hat er Xanax genommen?“, fragt er sich. „Das ist so ein Beruhigungsmittel oder so?“ Wieder schlägt er einen Rhythmus auf dem Polster und bricht ab. Über diejenigen sprechend, die durch eigene Hand starben, sagt er schließlich: „Es ergibt keinen Sinn. Also, ich weiß nicht. Warum zum Teufel haben die das getan?“

„Butch war ein Schock“, sagt Holman. „Ich glaube, Jaimoe kämpft noch immer damit.“

Memoiren und neue Pläne

In den Jahren nach den Abschiedsshows der Allman Brothers Band hielt sich Jaimoe mit eigenen Bands beschäftigt, oft in Connecticut, wohin er mit seiner neuen Frau Catherine gezogen war. (Die beiden haben drei Töchter, die jüngste ist 16.) Er spielte mit Friends of the Brothers, einer der führenden ABB-Tributebands. Zuletzt arbeitet er an einem Memoir, das er gemeinsam mit Autor und Allmans-Historiker Alan Paul verfasst und das nächstes Jahr erscheinen soll. Außerdem denkt er über weitere Auftritte mit Jaimoes Jasssz Band nach, seinem langjährigen Nebenprojekt, bei dem er nicht nur Jazz, sondern auch andere Stile amerikanischer Musik spielen kann.

Als letztes Originalmitglied der Allmans, besonders nach Greggs Tod, verspürte Jaimoe auch das Gefühl unerledigter Dinge. Es war Jaimoe, der die Mitglieder der letzten, post-Betts-Besetzung kontaktierte, um sich Anfang 2020 für eine Tributeshow im Madison Square Garden zusammenzufinden. „Er rief uns alle an und sagte: ‚Wir müssen spielen, wir müssen eine Show machen’“, erzählt Haynes. „Er ist manchmal ein Mann der wenigen Worte, also hörten wir alle zu – und alle hatten dieselbe Reaktion: Es muss passieren.“ Jaimoe selbst sagt es schlicht: „Ich vermisste das Spielen.“

Das Timing für die sogenannte Brothers-Show im März 2020 erwies sich als heikel: Sie fand zwei Tage vor dem Pandemie-Lockdown statt. Doch niemand schien glücklicher über die Show zu sein – bei der die Musiker vor jubelndem Publikum ins Allmans-Repertoire eintauchten – als Jaimoe. Danach fragte er Holman sofort nach einer weiteren. „Ich sagte: ‚Jaimoe, gerade bricht die ganze Welt zusammen’“, erinnert sich der Manager. Die Brothers spielten dann doch noch ein paar weitere solcher Shows einige Jahre später in derselben Halle. Jaimoe sagt, eine weitere Brothers-Tributeshow sei in Planung, sobald alle nötigen Absprachen mit den verschiedenen Allman-Familienfraktionen getroffen seien.

Falls das nicht zustande kommt, bleiben immer noch die Aufnahmen, die ihn an die Höhen erinnern, die Jaimoe mit den Allmans erreichte – und die den Schmerz bisweilen lindern können. „Ab und zu bin ich irgendwo, in einem Laden oder im Auto beim Radio, und ich höre einen Song, den wir aufgenommen haben“, sagt er. „Und ich denke: ‚Was zum Teufel ist das? Wo kommt das her?’“

Warum denkt Campino, dass es manchmal gut ist, einfach mal den Mund zu halten? Antwort liefert er in unserer Titelgeschichte zum großen Abschied der Toten Hosen. Dem Heft liegt weltexklusiv die 7-Inch-Single „Immer nur geliebt“ bei. Die ROLLING-STONE-Ausgabe gibt es hier bequem zum Bestellen.