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Jenni Zylkas Typewriter: Lügenpresse etc.

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Jenni Zylkas Typewriter: Lügenpresse etc.

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Merkwürdige Zeiten sind das. Medien werden „Lügenpresse“ genannt, wenn sie versuchen, sich an die Anti-Diskriminierungs-Richtlinien des Presserats zu halten, aber unbewiesene Nachrichten aus sozialen Netzwerken breiten sich aus wie Lauffeuer. Nimmt die „Lügenpresse“ eine solche Nachricht auf und sie erweist sich als Falschmeldung (früher hieß das unschuldig „Zeitungsente“), ist sie unglaubwürdig und hat verschissen. Wartet sie, bis alle Nachweise erbracht sind, wird ihr wissentliche Zurückhaltung der Fakten vorgeworfen, ergo „Lügenpresse“.

Das führende deutsche Nachrichtenportal setzte in seinem ersten längeren Artikel über die Silvesternacht in Köln den Begriff der „tausend Täter“ in die Welt – und auch wenn danach überall konkretisiert wurde, dass es sich um tausend Feiernde mit einer Anzahl von X Tätern darunter handelte, sind die tausend Täter nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis rauszukriegen, allein schon wegen der hübschen Alliteration.

Dass jener erste Bericht zudem mit weiteren Texten verlinkt wurde, die Übergriffe in Hamburg und Stuttgart beschrieben, obwohl nicht bewiesen war, dass es einen städteübergreifenden Zusammenhang zwischen Tätern oder Motiven gab, tat ein Übriges: Im Kopf des Lesers hat sich längst ein Bild festgehakt.

Dass die Presse – von wegen Zurückhaltung der Fakten – erst zwei Tage später berichtete, lag an einer unzureichenden Pressemitteilung der Polizei, die keinen Nachrichtenbedarf erkennen ließ.

Und eventuell daran, dass einige Medien immer noch, romantisches Relikt aus alten Zeiten, feier- und arbeitsfreie Tage haben und einhalten – Printredaktionen sind tatsächlich zuweilen am Wochenende spärlicher besetzt als in der Woche. Denn jedem Menschen auf der Welt ist klar, dass das Leben mit all seinen Katastrophen samstags und sonntags keine Atempause einlegt, um endlich mal wieder einen trinken zu gehen.

Proteste in Folge der sexuellen Übergriffe der Kölner Silvesternacht.
Proteste in Folge der sexuellen Übergriffe der Kölner Silvesternacht.

Onlinemedien sind längst über die Einteilung in Nacht und Tag, Wochenende und Werktag hinaus und beschäftigen Mitarbeiter in Redaktionen, die auf der anderen Seite der Erdkugel angesiedelt sind. Was aus diesem stetigen Informationsfluss entsteht, bezeichnen Wissenschaftler als „mediale Schieflage“: Weil permanent neue Meldungen aus unzähligen Quellen ins Bewusstsein drängen und diese inhaltlich negativ sein müssen – sonst bräuchte man sie nicht zu beachten –, hat man das Gefühl, heute Abend oder spätestens morgen früh müssten sämtliche Spatzen „It’s The End Of The World As We Know It“ von den Dächern pfeifen.

Weil aber diese ganzen Dinge wirklich passieren – Flüchtlinge ertrinken im Meer, Heime werden angesteckt, Helfer brechen zusammen und denken sich Dinge aus, russische Medien berichten nicht – verifizierte Meldungen, organisierte Taschendiebe klauen Handys und Portemonnaies, und Männer beleidigen, begrapschen und vergewaltigen Frauen –, dann muss man auch über sie berichten. Sonst Lügenpresse, Vertuschung, Zurückhaltung wegen Gutmenschentums und so weiter.

Dabei ist es nicht die Aufgabe der Medien, manipulationsfrei zu arbeiten. Denn das geht schlichtweg nicht: Jede Entscheidung für ein Thema und gegen ein anderes, jedes ausgewählte Bild, jedes Wort, jede Platzierung in den 20- oder 12-Uhr-Nachrichten, dem Aufmacher oder der Randspalte, jeder gezählte Klick, der den Text nach oben rutschen lässt, ist eine Manipulation.

Medienforscher haben zwei Theorien. Die eine lautet: „Die Medien“ manipulieren „uns Menschen“. Die andere: „Die Konsumenten“ steuern „die Medien“. Das Irre ist, dass beide stimmen.

Wir sind Konsumenten, die durch unser Verhalten – durch Klicken, Kommentieren, Verbreiten – die Berichterstattung steuern. Und aus unseren Reihen kommen wir Medienmacher, die von den gleichen Dingen beeinflusst werden, die wir selbst in Gang gesetzt haben.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder lesen wir alles, schauen uns alles an, berichten alles und vertrauen darauf, dass sich irgendwann daraus ein Ergebnis herauspulen lässt. Oder wir ignorieren alles, warten ein paar Jahre und lesen dann nach, was damals passiert ist. Ich würde gern die zweite Variante wählen. Das geht aber nicht – ich stecke zu tief drin.

ROBERTO PFEIL AFP
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