Jesus ist ein Bär – Matthew E. White live in Fribourg


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Und plötzlich diese Wärme. Nichts von der Art, wie man es am April-Anfang erwartet. Die knapp 200 Besucher (300 Gratistickets waren im Vorfeld vergeben worden – wo sind die alle?!) im „Nouveau Monde“ im Schweizerischen Freiburg werden aus dem eiskalten Vorfrühling unversehens in den Süden der USA versetzt. Denn Matthew E. White und Band stammen aus Virginia. Die fast klassisch besetzte 5er-Kombo (nur eine Gitarre, aber ein zusätzlicher Perkussionist) sieht aus wie das Freizeitprojekt von Gymnasiallehrern. Und der Frontmann mit Zottelhaar und Vollbart wie ein übergewichtiger Hippie.

Den sanften Anfang macht „Will You Love Me“ und demonstriert zugleich das Prinzip der Live-Wiedergabe von Whites hochgefeiertem Erstling „Big Inner“: Der auf der LP allgegenwärtige Gospel hat plötzlich ein funky Reggaefundament. Sanft gehauchter White Boy-Soul bekommt kernigen Bluesrock-Biss. Und das ist erst der Anfang einer Revue von Südstaaten-Sounds der Siebziger.

Hatte man sich auf der Platte manchmal gewünscht, der Gesang würde aus dem leicht bekifften JJ-Cale-Timbre ausbrechen, zeigt White bei „Are You Ready For The Country“ (die von Neil Young gecoverte Waylon Jennings-Nummer), dass er auch die Register des Southern Rock beherrscht. Da wimmert die Gitarre, es jault der Sänger. Doch die Jungs können noch viel mehr, als auf die Tube zu drücken. „Steady Pace“ wartet etwa mit einem astreinen New Orleans-Groove auf, wie ihn die Neville Brothers patentiert haben, versehen mit wohldosierten Synthesizern. Kaum sichtbare Bewegungen auf der Bühne, und doch schwingt der ganze Saal mit. Genrewechsel vollziehen sich fließend und mühelos.

Mit ihrer traumwandlerischen Sicherheit und unwiderstehlichem Groove erinnert die Band bei „One of these Days“ noch an Little Feat; um gleich darauf Randy Newmans „Sail Away“ (Whites Lieblings Songwriter, wie er erklärt) zum psychedelischen Tagtraum zu machen. Die Jungs auf der Bühne machen Magie, wem diese Musik nicht das Herz wärmt, hat vielleicht keines.

Die Bandbreite von Stilen, mit der White sein eigenes Material interpretiert, verweist auf seinen Hintergrund als gestandener Jazzer, Arrangeur und Produzent. Doch das fliegt nicht allen zu. Ließ sein Debüt Anfang Jahr die Kritiker Kopf stehen, waren im Vorfeld von Fribourg schon weinerliche Unkenrufe vernommen worden: Der flüsternde Riese sei auf der Bühne ein Haudegen, der Soul gehe im Hardrockgewitter unter. Die Entscheidung, die mysteriöse Aura der Platte live nicht reproduzieren zu wollen (ohne Streicher und Bläser ohnehin unmöglich), geht aber mehr als in Ordnung.

Denn der weisse Bär tanzt hier um seine Wurzeln, wie er es beseelter und eleganter nicht tun könnte.