Kommentar



Prozess Depp/Heard: Es braucht ein salomonisches Urteil in dieser Rechthaber-Schlachterei


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Jetzt hat Kate Moss also ausgesagt. Recht kurz per Videoschalte aus dem englischen Gloucestershire in den Gerichtsaal in Virginia. Zum schwarzen Blazer trägt sie eine weiße Bluse. Offene Haare, klarer Blick. Und nein. Johnny hat mich damals in Jamaika nicht die Treppe herunter geschubst. „Wir verließen den Raum, Johnny vor mir. Es hatte geregnet, und als ich das Zimmer verließ, rutschte ich die Treppe hinunter. Ich verletzte mich am Rücken und schrie vor Schmerzen und wusste nicht, was mit mir passiert war.“

Doch Johnny, der Retter, war umgehend zur Stelle: „Er stürzte zurück, um mir zu helfen, trug mich in mein Zimmer und sorgte für medizinische Hilfe“. Depps Anwalt Ben Chew fragte die britische Zeugin: „Hat Mr. Depp Sie in irgendeiner Weise die Treppe hinuntergestoßen?“ Moss antwortete „Nein“. Nach wenigen Minuten wurde die prominente Zeugin nach nur wenigen Minuten entlassen. Heards Anwaltsteam verzichtet auf ein Kreuzverhör.

Soweit, so banal. Ein lange zurückliegendes Ereignis in den späteren Neunzigern. Dies durfte überhaupt nur Prozess-relevant werden, weil Amber Heard in einer Aussage über eine völlig anderen Treppen-Szene darauf Bezug genommen hatte. Schon damals bei Kate hätte es Treppen-Gewalt gegeben. Hat es aber nicht. Das ist festgestellt, bestätigt unter Eid.

Ein weiteres Mal steht Amber Heard als hysterische Flunkertante da – und die weiter wachsende Depp-Army hat es immer schon immer gewusst. Hunderte Johnny-Jüngerinnen stehen Schlange in den Gängen des Justizzentrums von Fairfax und huldigen einem Bad Boy, der nichts Böses gemacht haben soll. Die „New York Times“ hatte in einem Essay zum Prozess analysiert, dass dieser Furor in den sozialen Medien zum vorläufigen „Tod von #MeToo“ geführt hat. Plattform-übergreifend hätte sich „eine Demütigung im industriellen Ausmaß“ gegen Amber Heard eingestellt. In aller ihrer künstlich wirkenden Tragik, und mit all den Widersprüchen wäre sie das Gegenteil des „perfekten Opfers“. Fairfax wird zum #MeToo-Backlash alleroberster Kajüte.

Heard hat Johnny Depp in ihrem 2018er-Text in der „Washington Post “häusliche Gewalt vorgeworfen. Ohne explizite Namensnennung schickte sie seine Karriere auf steile Talfahrt. Alles Fake!? Er, in Wirklichkeit ein Kümmerer? Sie, ein Ehrgeiz zerfressenes Gebilde aus Lügen? Geht es um Wahrheit oder geht es um wechselseitige Rache?

Auch der letzte Prozesstag vor den Schlussplädoyers Am Freitag wird Gutachten und Gegengutachten bringen. Details, die wohl nur noch Zünglein an der Waage der Justiz sein können.

Man möchte den Beiden ein „Kinders, lasst den Scheiß“ wünschen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes salomonisches Urteil in dieser Rechthaber-Schlachterei würde diesen intimen Wahnsinn vielleicht back to normal runterkochen.

Die aufgerufenen Multimillionen-Summen entsprechen dem Show-Charakter der ganzen Veranstaltung. Doch weder braucht Depp wirklich die 50 Millionen Verleumdungs-Schmerzensgeld. Noch wird Heard 100 Millionen in retour bekommen. Der Prozess stellt im auch im wilden US-Justizsystem ein Brillantfeuerwerk des Narzissmus dar. Es ist der Geschworenen und Richterin Penney Azcaratezu wünschen, dass sie mit einem kühlen Placet gehörig Dampf aus einem unwürdigen Spektakel nehmen werden.