Kanye West in den Niederlanden: Minimalistischer Extremismus

Nazi-Skandale, Konzertabsagen, gesellschaftliche Ächtung: Eigentlich sollte Kanye West erledigt sein. Seine Europa-Tour wurde weitestgehend gecancelt. Nur in den Niederlanden kann er noch auftreten. Ein Konzert-Besuch in Arnhem.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Zugegeben, es hat schon etwas Subversives, hier zu stehen, irgendwo nahe der deutsch-niederländischen Grenze, in einem Ort namens Arnhem, gut eine Stunde entfernt von Amsterdam. Der Himmel ist grau und wolkenverhangen, und das Wetter passt zu der Stimmung, die auf dem Weg zum GelreDome, zum Fußballstadion der Stadt, in der Luft liegt. Alles ist ein wenig angespannt, es scheint niemand so recht zu wissen, wer und was einen hier heute so alles noch erwartet. Kanye West, der sich im Zeichen des neuen Minimalismus heute nur noch Ye nennt, soll am Abend auftreten. Alles andere als selbstverständlich.

West war vor nicht allzu langer Zeit einer der größten Superstars der Welt, ein musikalisches Wunderkind, ein Mann, der gewissermaßen im Alleingang für die Evolution des modernen Hip-Hop verantwortlich zeichnete. Mindestens drei Mal hat er den Sound des Genres revolutioniert. Wahrscheinlich sogar noch öfter. Aber wie so oft liegen Genie und Wahnsinn nahe beieinander. West leidet an manischen Depressionen, und seine Ausfälle wurden in den vergangenen Jahren so schwerwiegend, dass er mittlerweile in der Szene weitestgehend isoliert gilt. Seine Werbepartner sind allesamt längst abgesprungen, die Musiker, die früher um Audienzen beim Meister gebeten haben, wollen nun nicht mehr mit ihm gesehen werden.

Nicht ohne Grund. Vergangenes Jahr fiel West durch seine öffentlich zur Schau gestellte Nazi-Liebe und einen radikal formulierten Antisemitismus auf. Er veröffentlichte einen Song namens „Heil Hitler“, verkaufte in seinem Online-Shop T-Shirts mit Hakenkreuzen und der Modellnummer „HH-01“. West hat sich mittlerweile für seine Ausfälle vielfach entschuldigt, rechtfertigt diese mit seiner psychischen Erkrankung, aber der Schaden ist längst angerichtet. Das erfährt West jetzt erneut sehr deutlich. Nahezu sämtliche Termine seiner Europa-Tour wurden gecancelt. Entweder von den Veranstaltern selbst oder sie wurden, wie etwa in Großbritannien, durch Einreiseverbote unmöglich gemacht. Nur in der Türkei und in den Niederlanden war es West noch möglich zu spielen.

Ein Wir-Gegen-Die-Gefühl gibt es hier nicht

Was wird einen an diesem Abend also erwarten? Im Stadion angekommen, fällt die Anspannung dann deutlich ab. Die Stimmung hier ist gelöst. Knapp 40.000 Menschen haben sich eingefunden, im Schnitt sind sie noch recht jung, es sind Fashionistas und Cool Kids, auf deren Klamotten Markennamen wie Dior, Fendi und Prada dominieren. Die Gespräche drehen sich hier nicht um Politik, sondern erstaunlicherweise um Nirvana, David Bowie und die neue Kanye-Platte. Hier geht es nicht um Rebellion, es stellt sich kein Böhse-Onkelz-Typeshit-„Wir gegen die Welt“-Gefühl ein, mehr so das Klassentreffen-Feeling von Musiknerds, die einen guten Abend haben wollen. Eben trotz allem.

Der gute Abend beginnt um 20.42 Uhr, als ein schwerer und lang anhaltender Bass als Auftaktsignal ertönt. Und dann ist er tatsächlich da. Kanye West steht einsam auf einer spektakulären, meterhohen Weltkugel, die im Zentrum des Stadions aufgebaut wurde. Ein Bild, das sehr viel über die Gefühlswelt von West verraten dürfte. Es ist sehr einsam on the top of the world. Ye beginnt sein Set folgerichtig mit „King“ von seinem neuen Album „Bully“. „This that feelin‘ we need more of / The hatin‘ just brought me more love“, rappt, nein, predigt er von seiner Weltkugel herunter. Dann folgt ein Triptychon aus „Father Stretch My Hands“, „Can’t Tell Me Nothing“ und „Ni**as in Paris“, und Ye hat das Stadion völlig in seiner Hand. Auf der profanen Stadionerde vor der Weltkugel gibt es Massenhysterie und Mosh Pits. Bei „All of the Lights“ wird die gesamte Halle von messerscharfen Lasern zerschnitten.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Optisch gehört das zum Besten, was man seit langer Zeit auf europäischen Bühnen gesehen haben dürfte. Und auch musikalisch werden keine Kompromisse gemacht. Ye spielt sich in seinem Set einmal quer durch seine Diskografie, jede Phase seines Schaffens bekommt ihre Zeit und auch den angemessenen Raum. West verfällt nicht in den Medley-Reflex, er spielt seine Songs aus, würdigt sie, ja, es scheint, als würde er von seiner Weltkugel herunter gar nicht so sehr performen wie vielmehr präsentieren. Hört, das ist mein Werk, das ich euch gebracht habe.

„Drake liefert Hits. West liefert Mythologie“

Schon nach ein paar Minuten verliert man sich in Bühnenbild und Lasershow, und man vergisst, wo man sich eigentlich befindet, hat eher das Gefühl, man wohnt einer heiligen musikalischen Messe bei. Alles hier ist absolutes Mega-Star-Level. Vergleicht man die Show mit den Europa-Konzerten von Drake im vergangenen Jahr, dann wird sichtbar, warum Kanye West trotz allem eine Ausnahmefigur geblieben ist. Drake liefert Hits. West liefert Mythologie.

Das Schrödingers-Ye-Paradoxon

Das Set hält permanente Highlights bereit, etwa wenn Ye das bislang unveröffentlichte, aber von Fans heiß erwartete „Everybody“ spielt, das durch sein prägnantes Backstreet-Boys-Sample heraussticht, wenn er „Good Life“ mit einem Snippet von Michael Jacksons „P.Y.T.“ einführt oder wenn sich die Halle bei „Flashing Lights“ in den Armen liegt. Diese Nacht ist in keiner Sekunde politisch, sie ist eine Zelebration von Musik in ihrer reinsten Form. Kanye West allein auf einer Weltkugel. Das ist ein minimalistischer Extremismus, wie es ihn so konsequent selten zu sehen gibt.

Und ja, denkt man sich in diesem Moment, es ist natürlich schon merkwürdig. In dieser Halle ist Kanye gerade der größte Superstar der Welt, während man ihn da draußen längst als verglühten Stern betrachtet. Beides ist richtig und falsch zugleich. Vielleicht ein Paradoxon, das sich nicht aufklären lässt, vielleicht ist das hier Schrödingers Ye. Das Konzert endet mit „Runaway“. Dann wird die Weltkugel dunkel und Kanye West verschwindet. Für einen Moment bleibt nur das Dröhnen des Basses in den Tribünen zurück. Draußen wartet wieder die Wirklichkeit, die Skandale, die Schlagzeilen, die Debatten.

Vielleicht liegt genau darin das Mysterium von Kanye West. Kaum ein Künstler hat in den vergangenen Jahren so viel zerstört, kaum einer kann einen Raum noch immer so vollständig beherrschen. In Arnhem wirkt er an diesem Abend gleichzeitig wie ein gefallener Mann und wie der größte Popstar der Welt. Und doch steht auf dieser Weltkugel ein Mann, für den die Regeln des Pop offenbar noch immer nicht gelten.

Warum denkt Campino, dass es manchmal gut ist, einfach mal den Mund zu halten? Antwort liefert er in unserer Titelgeschichte zum großen Abschied der Toten Hosen. Dem Heft liegt weltexklusiv die 7-Inch-Single „Immer nur geliebt“ bei. Die ROLLING-STONE-Ausgabe gibt es hier bequem zum Bestellen.