Kanye West beweist, dass heute nicht einmal mehr Hitler-Liebe eine Karriere beenden kann
Kanye West feiert ein Comeback – trotz antisemitischer Ausfälle und massiver Skandale. Was das über unsere Gegenwart verrät und warum die vermeintliche Cancel Culture längst ausgehöhlt ist.
Von dem englischen Schriftsteller Oscar Wilde ist ein Zitat überliefert, mit dem er die Dynamiken der digitalen Gegenwart besser vorwegnimmt, als er sich das wohl je hätte erträumen können. „Jeder Heilige hat eine Vergangenheit“, schrieb Wilde im vollständig analogen Zeitalter, „und jeder Sünder hat eine Zukunft.“
Damit trifft er ein Zeitgeist-Phänomen, das die Popkultur gegenwärtig nicht bloß beschäftigt, sondern vor echte Herausforderungen stellt. Wie geht man in Zeiten einer vermeintlichen Cancel Culture mit der Vergangenheit gefallener Musiker um?
Dass hier ein Wandel stattfindet, lässt sich besonders eindrücklich am Phänomen Kanye West beobachten. West zählt ohne Frage zu den erfolgreichsten Produzenten und Rap-Künstlern dieses Jahrhunderts – kaum jemand hat den Sound des Genres in den vergangenen zwanzig Jahren in all seinen kulturellen Stilblüten so geprägt wie Kanye, der seinen Namen mittlerweile auf ein minimalistisches Ye verkürzt hat. Bis zu seinem Absturz.
Vergangenes Jahr fiel er durch seine öffentlich zur Schau gestellte Nazi-Liebe und einen radikal formulierten Antisemitismus auf. Er veröffentlichte einen Song namens „Heil Hitler“, verkaufte in seinem Online-Shop T-Shirts mit Hakenkreuzen und der Modellnummer „HH-01“.
Als wäre das letzte Jahr einfach nicht passiert
Kürzlich entschuldigte er sich für die Ausfälle und veröffentlichte Anfang April sein neues Album „Bully“ – ein lupenreines Comeback-Album. In den USA erreichte es Platz 2 der Billboard-Charts, in Deutschland immerhin die Top 10. Noch wichtiger: Fans und Community feiern es als musikalischen Geniestreich. Zwar gibt es Konzertabsagen, im UK soll Kanye gar nicht erst einreisen dürfen – aber von diesen Störgeräuschen abgesehen, läuft es für West so gut, als wäre das letzte Jahr einfach nicht passiert.
Dasselbe Phänomen lässt sich auch in Deutschland beobachten, wo Xavier Naidoo zu Beginn des Jahres eine nahezu ausverkaufte Stadien-Comeback-Tour spielte. In den vergangenen Jahren hatte er die absurdesten Verschwörungstheorien verbreitet: Er sprach über Flüchtlinge als „reißende Wölfe“, unterstellte dem „Weltjudentum“, Deutschland den Krieg erklärt zu haben, und nannte den Holocaust eine „gelungene historische Fiktion“. Dazu kamen Theorien von kinderbluttrinkenden Eliten – inzwischen ergänzt um Embryonengewürz nutzende Lebensmittelkonzerne. Die Stadien waren dennoch ausverkauft. Ja, auch jeder Sünder – das wird dem tiefreligiösen Naidoo gefallen – hat in der Popkultur noch seine Zukunft.
Kanye West und Xavier Naidoo sind die Speerspitze einer neuen Entwicklung, die nicht bloß belegt, dass die vermeintliche Cancel Culture längst tot ist – sofern es sie je gegeben hat –, sondern auch, dass in den 2020er-Jahren die Entkopplung von Werk und Autor im Bewusstsein einer jungen Generation endgültig und radikal vollzogen wurde.
In der modernen Medienwelt gehören Widersprüche zum Normalzustand
Das Publikum hat sich daran gewöhnt, problematische Künstler trotzdem zu konsumieren – nicht aus Ignoranz, sondern aus einer Art pragmatischem Zynismus. Man höre ja die Musik, nicht den Menschen, lautet die Rechtfertigung. Gerade jüngere Zielgruppen trennen das oft sehr bewusst. Sie wurden in einer Medienwelt sozialisiert, in der Widersprüche zum Normalzustand gehören. Kunst erleben sie nicht mehr als moralische Beziehung zum Künstler, sondern als modularen Content. In dieser neuen Welt ist der Künstler keine Autorität mehr, sondern ein Datenpunkt im Strom der Aufmerksamkeit. Man konsumiert Songs, wie man Memes teilt: fragmentiert, situativ, entkontextualisiert.
Dass die Bindung an den Künstler schwindet, liegt auch daran, dass die Kunst selbst an Wertigkeit verliert. Von der Haptik einer Vinylplatte, der Tiefe eines ausgestalteten Booklets und der – schon monetär bedingten – begrenzten Verfügbarkeit von Kulturgütern weiß eine junge Generation kaum noch etwas. Für sie ist Musik eine jederzeit und überall frei verfügbare Datenmasse, die über Playlists eingespielt wird.
Das hat Konsequenzen, die über den bloßen Musikkonsum hinausgehen. Wenn Kunst nur noch als frei zirkulierender Content wahrgenommen wird, verliert sie ihre moralische Fallhöhe. Der Skandal haftet nicht mehr am Werk, sondern verflüchtigt sich im Strom der nächsten Veröffentlichung. Empörung wird zum kurzen Ausschlag im Aufmerksamkeitsdiagramm – danach kehrt der Algorithmus zur Normalität zurück. Wer heute fällt, fällt nicht mehr tief, sondern bloß noch kurz. Die digitale Öffentlichkeit kennt keine nachhaltige Ächtung mehr; was bleibt, ist die temporäre Irritation.
Der Hörer versteht sich nicht länger als moralische Instanz
Damit verschiebt sich auch die Rolle des Publikums. Es versteht sich nicht länger als moralische Instanz, die über Künstler richtet, sondern als kuratierende Kraft, die auswählt, was im eigenen Feed funktioniert. Man trennt Werk und Autor nicht aus Nachsicht, sondern aus Gewohnheit. Die Widersprüche werden nicht aufgelöst, sondern ausgeblendet. In dieser Logik ist das Comeback von Kanye West oder Xavier Naidoo kein Wunder mehr, sondern die Regel: Wer relevant bleibt, wird gehört – unabhängig davon, wer er ist.
Oder zugespitzt: In einer Kultur, die alles gleichzeitig verfügbar macht, wird auch alles gleichzeitig verzeihbar. Oder, wie Wilde es formulierte: Jeder Heilige hat seine Vergangenheit – und jeder Sünder seine Zukunft.