Kessler-Zwillinge kündigten pünktlich zum Todestag ihr Abo
Assistierter Suizid, DGHS-Begleitung und ein Leben im Gleichklang: Der Tod der Kessler-Zwillinge wirft Fragen nach Selbstbestimmung und Ritualen auf.
Wenige Wochen nach ihrem 89. Geburtstag haben Alice und Ellen Kessler ihrem Leben gemeinsam ein Ende gesetzt. Begleitet wurden sie dabei von der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Der Bayerische Rundfunk berichtete, dass die beiden langjährige Mitglieder der DGHS waren.
Ein letzter, sorgsam geplanter Schritt
Der 17. November als Todestag war nicht zufällig gewählt. Die Münchener „Abendzeitung“ erhielt wenige Tage später ein Schreiben von Alice Kessler – die Kündigung ihres jahrzehntelang gehaltenen Abonnements. Ursprünglich war der 30. November eingetragen; die handschriftliche Korrektur auf den 17. November zeugt von der Konsequenz und Disziplin der Zwillingsschwestern – bis zur letzten Formalie.
Die Nachricht vom Tod des berühmtesten deutschen Zwillingsduos, das besonders in den Anfängen der westdeutschen Show-TV-Ära allgegenwärtig war, berührte nicht nur die Szenerie der leichten Muse. Gerade der gewählte Weg und die Symbolkraft ihres letzten gemeinsamen Schritts verliehen ihr zusätzliches Gewicht.
Ein Leben in Einheit
Die Tänzerinnen, die in den 1950er-Jahren in Paris ihren internationalen Durchbruch feierten und bald prägende Figuren der europäischen Revue-Zunft wurden, starben in ihrem Haus in Grünwald bei München.
Ihr letzter Weg wurde von einer Ärztin und einem Juristen begleitet, die nach Eintritt des Todes die Behörden informierten. Der assistierte Suizid ist in Deutschland erlaubt, solange die Sterbewilligen die entscheidende Handlung selbst vornehmen.
Ihr Leben war geprägt von einer Einheit, die im internationalen Showbiz früh zur Marke wurde. „Ellen ist der Motor, ich bin die Bremse“, sagte Alice einmal über das Gleichgewicht zwischen ihnen. Der Gedanke, ohne die andere weiterzuleben, war unvorstellbar.
Rituale, Disziplin und ein gemeinsamer Wille
Im Jahr 2024 erklärte Ellen offen: „Im Tode vereint, so hätten wir es gern – und so haben wir es auch testamentarisch verfügt.“ Die Schatzkammer der Kessler-Anekdoten ist voller eigener Traditionen.
Kurz vor dem ersten Auftritt des Abends klopfte Ellen – fast unhörbar – dreimal gegen Alice’ Handinnenfläche, als stumme Erinnerung daran, dass sie ihren Weg immer nur gemeinsam gingen. Es sind eher poetische als protokollarische Wahrheiten, die das Bild prägen, das Fachwelt und Fans mit ihnen verbinden.
Es soll zudem vorgekommen sein, dass die Zwillinge – trotz streng geregelter Orchesterproben – nachts noch einmal über die Bühne gingen, um einen Schritt zu perfektionieren, von dem das Publikum vermutlich nie erfahren hätte, wie viel Arbeit darin steckte. Ihre Hingabe an die Genauigkeit war legendär – und wurde von Tänzern und Musikern gleichermaßen respektiert.