Kritik: Kendrick Lamar in Berlin – „The Greatest Show On Earth“


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Eine Stehlampe, ein Liegestuhl, ein Klavier. Was wie das Bühnenbild eines modernen Theaterstücks über Psychoanalyse aussieht, ist der Beginn von Kendrick Lamars Konzert. Wobei „Konzert“ nicht ganz reicht, um dieses Gesamtkunstwerk zu beschreiben – diese Verbindung aus Hip-Hop-Show und modernem Tanz, aus Videokunst, Performance Art und Blockbuster-Pop. Es ist ein Erlebnis, eine Erfahrung. Ein Spektakel.

Es ist die Tour zu seinem neuen Album „Mr. Morale & The Big Steppers“, einem introspektiven Album, das eigentlich kaum für Orte wie die Mercedes-Benz-Arena geeignet ist, in der Lamar an diesem Dienstagabend auftritt. Aber er macht dieses neue Album selbstbewusst zum Zentrum seiner Show, beginnt mit dem ersten Song der Platte, endet mit dem letzten, gibt ihr viel Raum. In diesen Songs zeigt er sich als Zweifler, als gebrochenen Mann, der Hilfe braucht (und sie annimmt), der sein Innerstes nach außen kehrt. Die Stimme einer Therapeutin, gesprochen von Helen Mirren, bildet das erzählerische Leitmotiv.

Diese Stimmung ist schwer in Einklang zu bringen mit, sagen wir, dem harten Trap des vorigen Albums „DAMN“. Es gibt also durchaus einige abrupte Wechsel, einige plötzliche dynamische Kehrtwenden, die nicht ganz glücken. Zugleich gelingen ihm geniale Momente, wie den, als eine  Klavier-Interlude des neuen Albums mühelos in der alles niederbrennenden Pianofigur des Über-Hits „Humble“ mündet. Fantastisch!

„The Greatest Show On Earth“

„You could be anywhere in the world“, sagt er an einem Punkt, in einer der ganz wenigen Ansagen. „But you’re right here. At the greatest show on earth.“ Drunter macht er es nicht. Die Größe seiner Ambition ist bemerkenswert. Dass seine Fähigkeiten dieser Ambition standhalten, ist erstaunlich.

„The Greatest Show On Earth“, das ist ein altmodischer Begriff, das ist die Sprache der Varietés und der Wanderzirkusse, und Lamar kommt früh im Konzert mit einer Bauchredner-Puppe auf die Bühne, die so gekleidet und frisiert ist wie er selbst. Er ist ein Entertainer und scheint, in der unironischen Tradition amerikanischer Unterhaltung, sein Publikum vor allem zum Staunen bringen zu wollen.

Wie meisterhaft er den Raum dieser großen Halle nutzt: Von der Hauptbühne führt ein Laufsteg weit in die Mitte des Innenraums und endet in einer B-Stage. Leuchtende Quadrate schweben von der Bühnendecke und verkleinern den Raum. An einem Punkt schwebt ein Corona-Testzelt (!) von der Decke, das Kendrick umschließt, und in dem er dann performt, von vier Tänzern in Schutzkleidung umzingelt.

Hits und Introspektion

Dass seine neuen Songs nicht die Energie seiner Hits haben, ist ihm klar. Er platziert viele seiner bekanntesten Tracks früh im Set – „Backseat Freestyle“, „Humble“, „King Kunta“ –, treibt die Temperatur nach oben, und schärft die Aufmerksamkeit für die introspektiveren Passagen. Ein wenig schade, dass er kaum etwas von „To Pimp a Butterfly“ und gar nichts von seinem ersten Album „Section.80“ spielt. Aber, natürlich, er muss sich beschränken, muss aus seinem mittlerweile beträchtlichen Werk eine Auswahl treffen, und seine Auswahl – der klare Fokus auf „Mr. Morale“, mit sporadischen Adrenalin-Injektionen von „good kid, m.A.A.d city“ und „DAMN“ – ist eine sehr gute.

„I can’t please everybody“, heißt das Mantra des neuen Songs „Crown“, den er als einen der letzten spielt. „Ich kann es nicht allen recht machen.“ Ein Satz aus einer Therapiesitzung, eine Erkenntnis, ein Eingeständnis. Und doch – als Künstler, als Performer, als Entertainer – macht er es allen recht. „I am not your savior“, der letzte Satz. Aber: Bewegt er sich über die Bühne, leuchtet der Boden, auf dem er geht.