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Highlight: Die 100 größten Musiker aller Zeiten: David Bowie – Essay von Lou Reed

Last Great American Whale – Zum Tod von Lou Reed

Jeder Musikjournalist, der ein Interview mit ihm führen sollte, hat eine Geschichte über das Treffen mit Lou Reed. Er galt als übel gelaunter Misanthrop und Zyniker, ein alternder Rock-Star mit Allüren, eine Diva, die sich schnell langweilt. Seine Launen waren willkürlich oder folgten einem geheimen Plan – wer davon kam, der berichtete erstaunt von einem aufgeräumten und angenehmen Mann, der gern noch ein wenig länger sprechen wollte. Doch die meisten kamen nicht davon. Auf Drogen durfte man ihn niemals ansprechen – tat man es doch, wurde Reed zur Bestie, da half auch das Prozac nicht. Die Autorin Sylvie Simmons dokumentierte einen Wutanfall, bei dem der Künstler sie als Hure beschimpfte. Vielleicht waren es die Elektroschocks, die Lou Reed in seiner Jugend gegen die latente Homosexualität verabreicht wurden, vielleicht waren es all die Rauschgifte, die er später konsumierte: Mit ihm war nicht gut Kirschen essen.  

Geboren wurde er am 2. März 1942 als Lewis Allan Reed auf Long Island. Er wuchs in Brooklyn auf, entfremdete sich früh von der Familie und studierte in Syracuse bei dem Schriftsteller Delmore Schwartz, der sein Mentor wurde. Damals liebte er die harmlosen Vokal-Ensembles des Doo-Wop (den Sänger Dion führt er später in die Rock And Roll Hall Of Fame ein), und 1963 zog er nach New York City, wo er Auftrags-Songschreiber bei Pickwick Records wurde. Bis hierhin ähnelt sein Weg den Karrieren von Neil Diamond und Donald Fagen, wenn er auch nicht lange studiert haben kann.

Das musste er allerdings auch nicht, denn jetzt studierte er die Straße und hörte experimentelle Musik, etwa die von La Monte Young, mit dem ein junger walisischer Musiker namens John Cale zusammenarbeitete. 1964 gründeten sie die Band The Primitives, danach The Velvet Underground. Cale behauptet, er habe bereits das Stück „Heroin“ gehört, als er Reed kennenlernte – das deutet darauf hin, dass die Songs von „The Velvet Underground & Nico“ schon lange vor der Platte ihre Gestalt angenommen hatten. 1966 suchte Andy Warhol eine Band und entdeckte die düsteren, kurzhaarigen jungen Männer nebst der knabenhaften Mo Tucker am Schlagzeug. Das Album mit der Banane erschien im Frühjahr 1967 – und löste nichts aus. Stoischer elektrischer Gleichklang, wo nicht Krach, mit dem sonoren Gesang einer blonden deutschen Walküre war das Allerletzte, was im psychedelischen Summer of Love gebraucht wurde. Heute steht das Album in jedem Kanon der Welt unter den besten zehn Rock-Platten aller Zeiten.



Mark E. Smith: Poet der spuckenden Wortkaskaden

Es ist schnell gesagt und oft den Toten nachgesagt: Da war einer einzigartig. Mark Edward Smith war es. Und er hätte darüber höhnisch gemeckert und sich ein bisschen geschmeichelt gefühlt. Es ist nämlich nicht so, dass Mark E. Smith, „Sänger der Post-Punk-Band The Fall“, wie es überall heißt, seine Einzigartigkeit nicht bemerkt hätte. Denn Mark E. Smith war kein „Sänger“. Er war ein Beschwerdeführer, ein Poet der spuckenden Wortkaskaden, ein Nuschler und Grantler. Und The Fall waren keine „Post-Punk-Band“, sie waren Mark E. Smiths Rhythmusmaschine. Die steht jetzt still. Und ihr tyrannischer Chef, der große nordenglische Gossendichter und Drei-Akkorde-König, ist…
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