Lenny Kaye, Gitarrist von Patti Smith, gibt sein Solodebüt – mit 79
Mit „Goin' Local“ überrascht Patti Smiths langjähriger Gitarrist Lenny Kaye selbst seine engste Weggefährtin – und gibt mit 79 sein Solodebüt.
Nach 55 Jahren der Zusammenarbeit gelang es Lenny Kaye, Patti Smith noch einmal zu überraschen – als er ihr sein neues Album „Goin‘ Local“ vorspielte, das am 29. Juli erscheint. „Ich habe dich noch nie so klingen hören“, sagte sie zu ihm.
Das Album markiert Kayes längst überfälliges offizielles Debüt als Solokünstler – im Alter von 79 Jahren. Dabei blickt er auf eine außergewöhnlich vielseitige Karriere zurück: Neben seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Smiths Gitarrist und enger Mitstreiter hat er zahlreiche Bücher geschrieben, Künstler von Suzanne Vega bis Soul Asylum produziert und das legendäre Garagenrock-Boxset „Nuggets“ zusammengestellt. „Ich habe immer Songs geschrieben“, sagt Kaye. „Manchmal sind sie sehr persönlich. Manchmal schreibe ich sie nur für mich. Das Timing? Wie Orson Welles sagte: Es gibt keinen Wein vor seiner Zeit. Ich kann mich wirklich oft nur auf eine Seite meiner Persönlichkeit zur selben Zeit konzentrieren. Und natürlich – mit dem Schreiben der Bücher, der Arbeit mit Patti und all den anderen Dingen, die ich tue – stand ich auf der Prioritätenliste immer ganz hinten.“
Smith wird wohl nicht die Einzige sein, die das Album überrascht. Es verbindet Downtown-Rock mit sanften, verspielten Story-Songs, die sich einer fast Buddy-Holly-haften melodischen Süße annähern. Dazu kommt ein wunderschöner gemeinsamer Song mit Smith: das poppige, mittelschnelle „Solstice“. „Einiges davon ist sehr emotional und zärtlich – auf eine Art, die die Leute vielleicht nicht mit mir verbinden“, sagt Kaye. „Ich bin bekannt für Garagenrock, Anführungszeichen auf und zu, den ich immer feiere und hochhalte. Aber das war die Musik, die ich als Teenager gemacht habe. Ich bin in vielerlei Hinsicht längst darüber hinausgewachsen.“
Einflüsse und Vorbilder
Als Bezugspunkte für das weichere Material des Albums nennt Kaye Townes Van Zandt, Eric Andersen, Kevin Kinney von Drivin‘ N Cryin‘ und Alejandro Escovedo. Prägend war auch seine Arbeit in den Achtzigern als Produzent einer anderen Singer-Songwriterin. „Die Arbeit mit Suzanne Vega“, sagt er, „hat mir die Schönheit der Akustikgitarre beigebracht, die schlichte Intimität des Fingerpickings und wie man einen Song atmen lässt.“
Das Solodebüt-Label verdient allerdings ein kleines Sternchen: 1984, während Smith der Musik den Rücken gekehrt hatte, veröffentlichte Kaye das härtere „I’ve Got A Right“ unter dem Bandnamen Lenny Kaye Connection. „Das war eher eine Band“, sagt Kaye. „Da das jetzt 40 Jahre zurückliegt, ist dies wohl mein Solodebüt für dieses Jahrtausend… Ich fühle mich wirklich wie ein neuer Künstler… Was auch immer ich früher gemacht habe, besonders in der Bandwelt, gehört einer anderen Ära an. Ich habe das Gefühl, ich bewege mich in die Zukunft – und das ist ein großes Geschenk.“
Sechs der Albumtracks entstanden in abgebrochenen Sessions in den 2010er-Jahren mit Patti-Smith-Group-Bassist Tony Shanahan. Vor zwei Jahren begann Kaye, in einem Studio in der Nähe seines Hauses in Pennsylvania das Angefangene zu Ende zu bringen und neues Material hinzuzufügen. „Manche Songs sind 15, 20 Jahre alt“, sagt Kaye. „Manchmal begegne ich einer jüngeren Version von mir selbst. Der Titelsong ‚Goin‘ Local‘ stammt aus einer Zeit, als ich auf der Lower East Side noch ein bisschen mehr wildes Tier war als heute.“
Sammler, Erinnerungen, Vergänglichkeit
Zu den bewegendsten Tracks des Albums gehört die Sammler-Elegie „The Things You Leave Behind“. „Ich gehe in meinen Keller und sehe Berge von großartigem Zeug“, sagt er. „Das ist wirklich schwer. Da ist dieses Stück Memorabilia, hier irgendwelche Notenblätter, die ich irgendwann aufgetrieben habe. Dann gehe ich nach oben, und da ist der Gitarrenraum mit tollen Gitarren und Verstärkern. Und natürlich all die Bücher… Dieser Song wurde ausgelöst durch zwei, drei, vier Menschen, die plötzlich diese Welt verlassen – und was passiert dann mit all dem Zeug? Das fragt mich meine Tochter ständig: ‚Papa, bring das Zeug endlich aus dem Haus.’“
Der Abschlusstrack des Albums, „Yes I Will“, trägt Texte von Kayes verstorbenem Onkel Larry Kusic – einem erfolgreichen Hollywood-Songwriter, zu dessen Credits „Speak Softly Love“ gehört, das englischsprachige Liebesthema aus „The Godfather“, sowie „A Time for Us“, das Liebesthema aus dem Romeo-und-Julia-Film von 1968. Es ist nicht ihre erste Zusammenarbeit. 1966 bat Kusic den damals 19-jährigen Kaye, einen Folk-Protestsong zu singen, den er gerade mit Richie Adams geschrieben hatte: „Crazy Like A Fox“. Es war Kayes erste Aufnahme, veröffentlicht unter dem Namen Link Cromwell. Zu dieser Zusammenarbeit zurückzukehren „berührt mich wirklich tief“, sagt Kaye.
Im Frühjahr wird Kaye einige akustische Solokonzerte mit Dave Alvin und Jimmie Dale Gilmore spielen sowie einen Festival-Auftritt allein. „Ich mag diese Art der Präsentation wirklich, weil man dabei sehr tief in die eigenen Songs eintauchen kann“, sagt er. „Ich stehe da oben mit meiner Gitarre, meinen Songs und meinem Sinn für Humor.“
Lenny Kaye Tourdaten
- 25. April – Avalon – Easton, MD
- 26. April – Rams Head – Annapolis, MD
- 27. April – The Birchmere – Alexandria, VA
- 29. April – City Winery – New York, NY
- 30. April – The Ardmore – Ardmore, PA
- 2. Mai – Levon Helm Studios – Woodstock, NY
- 5. Mai – Iron Horse – Northampton, MA
- 6. Mai – Bull Run – Shirley, MA
- 8. Mai – 3S Artspace – Portsmouth, NH
- 9. Mai – Opera House – Bellows Falls, VT
- 26. Juni – Dex Fest – Carrboro, NC
- 27. Juni – Dex Fest – Carrboro, NC