Lesung von Flake im VENUE BERLIN: Der Schelm in der Ecke

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Lesung von Flake im VENUE BERLIN: Der Schelm in der Ecke

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Das Vorlesen ist das eine, aber das Erzählen ist etwas anderes. Flake hat seine Geschichten aufgeschrieben, in zwei Büchern: eine Autobiografie in Schwänken, Anekdoten aus dem Leben eines fahrenden Musikers, der mit einer Spektakel-Krach-Band zu Weltberühmtheit gekommen ist. Die Band ist weltberühmt, Flake ist der Tastendrücker, mit seinem Wort: der Tastenficker, der sein Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ in einen Umschlag gewickelt hat, weil er in der Bahn manchmal etwas nachliest und Notizen für Lesungen macht: Die Leute sollen nicht denken, dass er sein eigenes Buch liest. In Berlin wird Flake erkannt.

Das Aufgeschriebene ist lustig, aber Flakes extemporiertes Erzählen – das ist ungefähr die Hälfte seines Vortrags – ist unwiderstehlich, weil er das gespielt Naive, das Lakonische, die Selbstironie und  die übertriebene Pedanterie des Eckenstehers mit der, wie man so sagt: abgehobenen Existenz des hauptberuflichen Rockmusikstars konfrontiert. Er ist immer drinnen und immer draußen. Rammstein sind eine fabelhaft bizarre Band, aber all der Grusel ist gemacht, und Flake berichtet lustvoll davon, wie es gemacht ist: Sie reiben Körper und Gesichter mit verschieden starken Mischungen von Kaffeepulver ein, sie ejakulieren saure Milch aus einem großen umgeschnallten Gummipenis, sie schleudern Flammen und Feuersbrünste, sie prügeln mit Leuchtstangen und kleiden sich in muffige Kostüme. Flake ist immer der sechste in der Band, der zuletzt gekommen ist und stoisch am Keyboard steht. Er hat manchmal nicht viel zu tun – deshalb wird er kujoniert, mit einem Ball im Mund an der Leine geführt, auf einem Rollbrett über die Köpfe des Publikums gereicht. Er ist das ausgewählte Opfer. Aber er ist nicht hilflos.

Flake

An seinem Berlinern, am „Ha’ick“, an den manchmal zuschnappenden Rudimenten eines Stotterns, der absichtlichen Umständlichkeit liegt die Komik des Außenseiters, der eine seltsame Rolle spielt. Der durch die Industriebrachen und Ghettoviertel amerikanischer Großstädte läuft, der über das Fehlen von Bürgersteigen nachdenkt (die Städte wurden erst gebaut, als es schon Autos gab), der ausgiebig über Gerüche und Ausdünstungen, Haarausfall und Blessuren, Blähungen, Harndrang und Flatulenzen, über das merkwürdige Verhalten von Fans, die Strapazen und die Wonnen des Reisens, über die Tröstungen des Alkohols (Bier ist zu schwach und treibt die Säfte, Schnaps trocknet aus und macht schwummerig, Sekt und Weißwein bringen nichts) und über den Luxus des Reisens im gemieteten Kleinflugzeug (praktischer und sogar billiger – und alles, was man sonst darüber denkt, stimmt auch) plaudernd schreibt.

In ein paar Sätzen porträtiert er liebevoll den furchterregenden Brummler und Gemütsmenschen Till Lindemann, seinen Antipoden. Die Musiker könnten nicht weiter voneinander entfernt sein, doch sie sind Freunde. Geblieben.   

Flake schreibt das groteske Logbuch einer Tournee durch die Welt, von Konzerten im Vorprogramm von Kiss, den armseligen Anfängen in New York, der Tristesse der Garderoben in Sporthallen, den Aufmärschen, Absperrungen und Polizeieskorten. Er entmystifiziert den Rummel. Er entmystifiziert das Rockstartum. Er entmystifiziert das Künstlertum. Neben seinem Keyboard hat er einen Zettel mit den Songs des Programms, die er abhakt, damit er nicht denselben Song zweimal spielt. Er erzählt Ruhm und Glorie aus der Froschperspektive, er sammelt die Nebenschauplätze, die Routine, die Peinlichkeiten. Er schreibt ohne Eitelkeit die menschliche Komödie von einem Außenposten aus, den jeder Chronist haben möchte und kaum ein Chronist je hat. Ein Glücksfall, auch.

Der Keyboardspieler verkleidet sich als Kasper, als Clown – und  das ist seine Maske: Er ist der freundliche leptosome Narr mit Brille und Hut, der alles sieht. Und es erzählt. Seine Geschichte ist auch die eines Musikers aus dem Osten, dessen Eltern ihm einen Fernseher vorenthielten, woraufhin er nach 1989 immerzu „Tutti Frutti“ und „Richterin Barbara Salesch“ schaute und den Fernseher nicht mehr ausschaltete, weil die sich solche Mühe mit dem Programm gaben, und der noch immer „Tatort“ schaut, weil er vom unserem Leben erzählt, ohne es uns vorzuhalten.

Den Clown haben wir uns als einen ernsten Menschen vorzustellen. Am Ende bietet er an, eine kleine Unterschrift in die mitgebrachten Bücher zu schreiben. Und dann erklärt er sorgfältig, weshalb er von Fotos mit dem Handy absehen möchte. Die schönen Momente soll man besser in seiner Erinnerung aufbewahren. 

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Sebastian Gabsch
Sebastian Gabsch
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