London Calling

Auch in die zweite LP mit den Mescaleros hat JOE STRUMMER enorme Energien investiert

Hart, aber herzlich. So war Joe Strummer schon immer. Ständig in der Offensive, voller Energie. Damals natürlich schon, als Punk akut war und in Notting Hill die Hölle los. Strummer ist stolz auf seinen Beitrag zur Revolte. Immerhin waren The Clash rebels with a cause, und das nicht nur musikalisch, indem sie die unwahrscheinlichste Allianz schmiedeten: die zwischen Rockabilly und Reggae. Fleißig am Fusionieren ist er immer noch, mit den Mescaleros. „Global A Go Go“ heißt ihr neues Album, und es offeriert ein Kaleidoskop von Stilen und Spielarten: Globabilly.

Der Titelsong mutet an wie ein Kreuzzug wider Lauheit und Engstirnigkeit, mit Strummer hoch oben auf den Barrikaden wie einst in Brixton. „Baaba Maal over Stalingrad“, fordert er, „Skatalites over New York“ Zu lustvollen Rhythmen und robusten, überlebensfahigen Melodien. In die Schublade Weltmusik, protestiert er vehement, gehöre das indes mitnichten. Den Multikulti-Schtnus überlasse er gern anderen, und der Kulturtourismus bildungsbeflissener Bürofachkräfte ist ihm nur ein spöttisches Grinsen wert. Heute Kuba, morgen Marokko, übermorgen mal sehen, wohin die Pauschalreise führt.

Nein, Joe Strummer ist aus anderem Holz geschnitzt „Weniger als leidenschaftlich“, postuliert er, „ist nie genug.“ Neben der eigenen Musik liegt ihm sehr viel an der Verbreitung anderer aufregender Klänge, „die man heute suchen muss, weil sie nicht mehr für einen Massen-Markt produziert werden“. Früher sei das anders gewesen. „Die Stones oder Hendrix waren kompromisslos und erreichten dennoch Millionen von Menschen. Inzwischen funktioniert der Markt wie eine gut geölte Maschine. Produkte werden auf ihre Akzeptanz getestet, bevor man sie in Serie gehen lässt. Und wenn sich doch mal etwas unbotmäßig regt, wird es solange konditioniert, bis es genauso klingt wie der Rest.“

Handlangerdienste bei diesen Gleichschaltungsmaßnahmen leiste das Radio. „Es ist doch quälend, sich das noch anzutun“, weiß Strummer. Weshalb er eben erst das Angebot angenommen hat, selbst eine Sendung zu machen. Enthusiasmus ist ein zu schwacher Begriff, um den Wortschwall zu erklären, der aus Joe heraussprudelt Feuereifer passt besser. Gene Vincent, Captain Beefheart, die Bhundu Boys und die Strokes werde er spielen, nur die schärfsten Sachen kämen ins Programm. „I call it »London Calling“‚, zuckt er halb entschuldigend mit den Schultern. Was denn sonst Nach dem Clash-Split war Joe Strummer in ein Loch gefallen. „I was totally burnt out“, erzählt er, „dann starben meine Eltern, meine Kinder kamen zur Welt, es kam alles zusammen.“ Er verließ London, zog ins idyllische Somerset, blieb aber nicht untätig. Joe sprang als Ersatzmann bei den Pogues ein und tourte mit ihnen zweimal um den Erdball. Es folgten Film-Engagements von befreundeten Regisseuren wie Alex Cox oder Jim Jarmusch für die er kleine Rollen übernahm oder Soundtracks komponierte.

Erst die Formierung der Mescaleros brachte ihn zurück in die vordere Kampf- und Krampflinie des Musikbetriebs. „Es macht mir nicht mehr so viel aus, mit Wichtigtuern und Hohlköpfen zu tun zu haben. Ich lasse den ganzen Zirkus nicht mehr an mich heran. Und wenn es mir doch zu blöd wird, fahre ich nach Hause, setze mich unter einen Baum und trinke in Ruhe ein Glas Cider.“ Cheers, mate.

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