Malik Harris: Kein Rockstar


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Man erkennt einen Profi daran, dass man ihn jederzeit aufwecken kann und er bereit ist für einen großen Auftritt. Barbara Schöneberger und Bülent Ceylan haben die Aufgabe, nach Ingo Zamperonis Spendengala für die Ukraine, in der Peter Maffay „Eiszeit“ sang, eine Sendung zu moderieren, bei der bestimmt wird, welches Lied im Mai nach Turin reist.

Das Publikum im Berliner Studio ist vorsichtshalber mit blauen und gelben Masken angetan. Schöneberger singt zur Melodie von „Gloria“ einen Text, in dem „über den Brenner“, „Liegen reservieren“, „mickriges Trinkgeld“, „Nudeln zerschneiden“ und „Wir lieben euer Land“ vorkommen, also ungefähr die Fußballweltmeisterschaftshymne von 1990. Dann häutet sich die Wunderbare und steht in einem voluminösen weißen Kleid da, und Bülent Ceylan erscheint mit Halbbrille – die beiden mimen Al Bano und Romino Power mit einer Verballhornung („Barbicitta“). Abermals verwandelt sich Schöneberger und trägt nun eine schwarze Lederjacke mit Nietenbesatz: Nun parodieren sie die enthemmten Vorjahressieger Maneskin und sagen das auch, falls jemand sich nicht daran erinnert.

Wo ist Nicole?

Auf der Nostalgiecouch sitzen endlich wieder Thomas Hermanns, ein ausgebuffter Aficionado des Eurovision Song Contest, außerdem die Veteranin Jane Comerford und der adoptierte österreichische ESC-Gewinner Conchita, wie immer eine Augenweide. Comerford intoniert ihren Evergreen „No No Never“ von 2006 mit Conchita, sodann „Rise Like A Phoenix“, Conchita bringt einen Auszug aus „Euphoria“ (Gewinner 2012), ehe eine gemütlich-vertraute Stimme „Ein bisschen Frieden“ intoniert: Gitte Haenning schreitet auf die Bühne, um etwas tantenhaft den Schlager zu geben, mit dem Nicole vor 40 Jahren den Wettbewerb gewann. Wo ist Nicole? Der legendäre Songtext erscheint auf der Videowand im Hintergrund; Barbara Schöneberger nötigt das Publikum zum Weitersingen.

Nun tritt der erste Kandidat auf: Malik Harris, ein blondierter Deutsch-Amerikaner aus dem bayerischen Landsberg, der zum Zeichen seines Multiinstrumentalistentums anfangs in ein Keyboard greift, dann auf eine elektrische Trommel haut, schließlich eine akustische Gitarre schollert. Er trägt das von ihm verfasste Allerweltslied „Rockstars“ vor, in dem der 24-Jährige sentimental seine Jugend verabschiedet. In einer Art Überkompensation betont er das Amerikanische zu grell; einen atemlos vorgetragenen Sprechtext hechelt er direkt in die Kamera. Aber was ist das? Der enthusiasmiert im Publikum grimassierende Malik-Vater erinnert an jenen Ricky Harris, der einst im Nachmittagsprogramm eines Privatsenders eine Krawall-Talkshow betrieb. Und er ist es!

Auch das Koblenzer Freundesgespann Mael & Jonas hat einen Vater mitgebracht, der bemützt am Keyboard die im Wesentlichen aus einem Riff und dem Refrain bestehende Rocknummer „I Swear To God“ entbietet. Wie Bülent Ceylan später bemerkt, gemahnen die beiden ungleichen Knallchargen an das Nordseeküstenduo Klaus & Klaus. Ein Flensburger Jungspund namens – echt jetzt? – Eros Atomus überspringt gleich das Lied und kommt zum Finale, steht mit „Alive“ und Akustikgitarre in der Windmaschine und rennt gleich zum Publikum. Ein Cellist fiedelt, zwei Männer mit Bratgitarren hampeln herum.

Die Hamburger Halbengländerin Emily Roberts – einst Klassensprecherin, jetzt Prinzesschen im Tüllkleid mit dicken Stiefeln – vergisst vor lauter Seifenblasen auf der Bühne einen Vers ihres an Olivia Rodrigo geschulten Racheliedes „Soap“ und will sich anschließend im Gespräch mit Schöneberger vor Lachen gar nicht mehr einkriegen. Kein übler Song, aber letzter Platz.

Den einzig konkurrenzfähigen Beitrag singt Felicia Lu, 2017 schon einmal Bewerberin: Ihr „Anxiety“ ist ein richtiger, schlank und schlüssig dargebotener Pop-Song. Während Nico Suave schweinchenschlaumäßig zwei Frauen und einen Mann um sich versammelte, sie „Team Liebe“ nannte und mit dieser Brotherhood of Men ein Nichts mit dem Titel „Hallo Welt“ rapt und gospelt.

Die erhofften zwölf Punkte werden ungefähr die Gesamtheit der für den Beitrag abgegebenen Stimmen in Turin sein

Dieses sehr durchsichtige Manöver wird von den ESC-Durchschauern Thomas Hermanns, Jane Comerford und Bülent Ceylan anschließend goutiert, weniger vom Publikum. Die Hörer der Pop-Wellen von neun ARD-Anstalten einigten sich fast unisono auf Mael & Jonas, Malik Harris und Felicia Lu, und zwar immer in dieser Reihenfolge, wie Vertreter dieser Sender jetzt vortragen. Bei den Fernsehzuschauern verlieren erwartungsgemäß Lu und Mael & Jonas – „Rockstars“ siegt. Die erhofften zwölf Punkte werden ungefähr die Gesamtheit der für den Beitrag abgegebenen Stimmen in Turin sein.

In einem gespenstischen Moment trägt die aus der Ukraine geflüchtete Jamala mit der Flagge ihres Landes in der Hand ihren Song „1944″ vor, Gewinner von 2016, ein Meisterwerk der kontrollierten Emphase. Stolz schreitet Jamala aus dem Studio. Sie lässt schlechte Gewissen zurück.