Mehr Blut für die Popkultur – Happy Birthday, Bret Easton Ellis


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Viele Schriftsteller bekommen böse Fanpost, aber Bret Easton Ellis bekam eine zeitlang nur noch böse. Eine Keule, gespickt mit Glasscherben, die müsste man ihm in den Hintern rammen und dann langsam wieder rausziehen. Andere Leute wollten ihn schlicht und einfach tot sehen.

Mit seinem Roman „American Psycho“, den Ellis 1990 im Alter von 26 Jahren veröffentlichte, zog er den Zorn vieler Leser auf sich. Sie sahen mit dem Buch eine Grenze überschritten. Erzählt wurde darin die Geschichte des New Yorker Brokers Patrick Bateman, jung und schön, der nicht nur mit vielen Frauen schläft, sondern auch viele davon tötet. Es kommen Kettensägen vor, Ratten, Rohre und Käse. Eine nackte und gefesselte Frau auf dem Bett. Der Wall-Street-Gigolo Bateman philosophiert nach seinen Taten über Popmusik und berichtet seitenlang über Modemarken. Heute gilt „American Psycho“ als moderner Klassiker der Literatur.

Dass Bret Easton Ellis so gleichgültig vor seine Kritiker trat, machte die Leute nur noch wütender. „Es war nicht die Passage mit der Ratte, die mir Schmerzen beim Schreiben bereitete“, sagte er im Interview, „sondern über die Band Genesis zu schreiben. Als ich Bateman über diese Musik schwärmen ließ, hatte ich zum ersten Mal überhaupt das Gefühl für meine Arbeit extra bezahlt werden zu müssen, so schlimm war das.“

Wie immer man auch glaubt, die Realität in Ellis’ Werk zu finden, es gehört zu seinem Verständnis als Pop-Literat, dass er sich als Mensch nicht fassen lassen will. So wie Bateman sich seitenlang über Kragenweiten und Schuh-Modelle den Kopf zerbricht, so viel Quatsch redet der Schriftsteller auch in der Bewertung seiner eigenen Arbeit.

Viele Rezensenten, auch Filmemacher („American Psycho“ wurde im Jahr 2000 als Satire ins Kino gebracht), versuchen Ellis’ Geschichten abzuwerten, indem sie sie als zynische Kommentare zum Stand unserer Gesellschaft umdeuten. Oder gar als Fantasien der Romanfiguren. Vielleicht möchte man mit der Meta-Ebene die Wirklichkeit einfach abwehren, weil man Brutalität nicht ertragen kann? „Ich muss irgendetwas falsch gemacht haben“, sagt Ellis, „wenn jemand denkt: Was im Roman geschieht, sind die Hirngespinste der Figur.“

1985 erschien Ellis’ Debütroman „Less Than Zero“, er schrieb ihn im College. Es war seine eigene Geschichte einer Jugend unter reichen Kids. Die Form war nicht neu, aber so etwas hatte lange kein Autor mehr getan: Hier berichtete jemand nüchtern, geradezu dokumentarisch über Drogen und Style. Das so genannte  philosophische Schreiben über Oberflächen, etwa: wie das Tiefe im Flachen zu finden, erhob Ellis zum obersten Prinzip. Mit „Less Than Zero“ wurde der damals 23-Jährige zum Star unter den Jungschriftstellern, die geistesverwandten Jay McInerney und Dennis Cooper konnten einpacken.

Bis heute handeln Ellis’ Romane meist von Individuen, auf deren beruflicher Sturz auch der Verlust von Freunden und Familie folgt. Nach der Drogensause kommt der einsame Entzug. Das war auch bei seinen letzten beiden Büchern so, der nicht wirklich geglückten Stephen-King-Hommage „Lunar Park“ (2005) und der etwas lustlosen „Less Than Zero“-Fortsetzung „Imperial Bedrooms“ (2011).

Er habe nur diese eine Geschichte, und die müsse er immer wieder variieren, sagte Ellis mit Blick auf seinen „American Psycho“. So werden die Abstände zwischen seinen Romanen auch immer länger. Seit seines Umzugs von New York nach Los Angeles versuchte er sch in Hollywood. Konzipierte mit Paul Schrader das Mord-Drama „The Canyons“ mit der gescholtenen Lindsey Lohan in der Hauptrolle. Zuletzt preschte Ellis mit der albernen Idee an die Öffentlichkeit, für Kanye Wests Album „Yeezus“ ein Drehbuch schreiben zu wollen; außerdem soll er mit Rob Zombie fürs Fernsehen die Geschichte der Manson Family aufbereiten.

Derzeit lebt Ellis in Los Angeles. Er mag die Stadt nicht, sagt er immer wieder, er sähe dort immer aus wie ein roter Hummer, aber die Ostküste hatte ihn auch nur fertig gemacht. Im nächsten Jahr soll ein neuer Roman folgen: „Tranquil Reflections“.