Meister des Universums


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Die Geschichten eilten ihm voraus. Er war jener gewaltige Schatten, der sich eines Abends in den Club in Asbury Park schob, die Tür knallte von einem Windstoß hinter ihm zu. Er war der mysteriöse Riese im weißen Anzug, den Steve Van Zandt und Bruce Springsteen fürchteten, als er ihnen auf nebliger Straße entgegen kam. Er war der Nikolaus auf der Bühne, wenn die E Street Band „Santa Claus Is Coming To Town“ spielte. Und vor allem war er der „Big Man“, spätestens seit „Tenth Avenue Freeze-out“, dem Song auf „Born To Run“: „When the change was made uptown and the big man joined the band …“

Das war 1972, als Clarence Clemons die Band Norman Seldin & The Joyful Noyze verließ, um sich der noch weniger erfolgreichen Bruce Springsteen Band anzuschließen. Springsteens Debüt-Album „Greetings From Asbury Park“ war beinahe abgeschlossen, doch Clemons trug noch etwas zu „Growin‘ Up“ bei. Schon bei „The Wild, The Innocent & The E Street Shuffle“ (1973) gehörte er zum festen Ensemble und lieferte die unvergesslichen Soli für „Rosalita“. Clemons durchlitt mit Scooter – wie Springsteen sich in „Tenth Avenue“ nennt – die Aufnahmen zu „Born To Run“, spielte die berühmten Passagen in „Thunder Road“, „Born To Run“ – und die allerberühmteste, allerschönste in „Jungleland“, dem erschütternden Finale der Platte, wenn die Erzählung abbricht und das Saxofon-Solo berichtet, was der Dichter uns nicht sagen kann. Es ist das Geheimnis der Nacht, das dazwischen liegt, und Clemons‘ Spiel illustrierte dieses Geheimnis auf der Bühne immer wieder in „Spirit In The Night“, in einer umarrangierten Fassung von „The River“, in dem Instrumental „Paradise By The C“ (auf „Live 1975/85“ zu hören), in „Out In The Street“ und in „Bobby Jean“, wenn Springsteen singt: „Now there ain’t nobody nowhere nohow/ Gonna ever understand me the way you did“.

Auf dem Cover von „Born To Run“ sieht man Clemons mit Hut, Springsteen lehnt sich an seine Schulter. „Es ist das innigste Verhältnis, das zwei Männer diesseits von Sex miteinander haben können“, sagte Clemons später. Der Saxofonist, am 11. Januar 1942 in Norfolk geboren und also sieben Jahre älter als Springsteen, gab den Sidekick und Antipoden: Auf der Bühne tanzten sie miteinander, Hintern an Hintern, und manchmal tauschten sie einen Kuss aus. Noch Anfang der 70er-Jahre war dergleichen nicht überall in den USA gern gesehen, und die Band verlor in den Südstaaten manchen Auftritt. „The Wild, The Innocent And The Street Shuffle“ war 1973 eine Rock & Soul-Revue, befeuert vom Jazz-Spiel des schwarzen Keyboardes David Sancious und Clemons‘ Stax-geschulten Einsätzen.

Auf „Darkness On The Edge Of Town“ (1978) spielte Clarence Clemons seine Parts in „Badlands“ und „The Promised Land“, aber erst „The River“ (1980) war ganz und gar sein Album: „The Ties That Bind“, das herrlich übermütige „Sherry Darling“, „Cadillac Ranch“, das sentimentale „I Wanna Marry You“ und schließlich das sehnsüchtige Solo im quälenden „Drive All Night“.

Nach der Tournee zu „Tunnel Of Love“ löste Springsteen die E Street Band auf. 1995 spielte er vier Stücke in der alten Besetzung ein, und 1999 rief er die Band für eine Tournee wieder zusammen, dokumentiert auf „Live In New York City“. Für Clemons schrieb er weiterhin Soli – auf „The Rising“ (2002), „Magic“ (2007) und besonders bei den Sixties-Pop-Stücken auf „Working On A Dream“ (2009). Im Konzert war die Interaktion zwischen Scooter und seinem Big Man längst Ritual geworden: Bei der Vorstellung der galt ihm die längste Ansage, er war „the king of the world“, „master of the universe“, „Soccrates of the saxophone“. Springsteen rief „Do I have to say his name?“ – das musste er nicht, denn das Publikum jubelte längst.

Clarence Clemons nahm nach dem Erfolg von „Born In The U.S.A.“ ein Solo-Album auf, spielte auf dem Comeback-Album von Aretha Franklin und hatte 1986 einen kleinen Hit mit „You’re A Friend Of Mine“, einem Duett mit Jackson Browne. Er übernahm einige Filmrollen, darunter in Martin Scorseses „New York, New York“ und in „The Wire“, schrieb eine Autobiografie und wurde in den Memoiren von Bill Clinton erwähnt (mit leider falsch geschriebenem Namen). Zuletzt wirkte er an „Born This Way“ von Lady Gaga mit. Nach Operationen an den Knien und an der Wirbelsäule stand Clemons noch immer mit der E Street Band auf der Bühne; manchmal setzte er sich auf einen geräumigen Stuhl, der wie ein Thron gestaltet war. Springsteen ließ hinter der Bühne einen kleinen Aufzug für ihn installieren.

Am 14. Juni erlitt der Große Mann einen Schlaganfall, dem er gestern erlag. Er wurde 69 Jahre alt. Wir werden nie wieder „Jungleland“ so hören können, wie Clarence Clemons es gespielt hat. „From the churches to the jails, tonight all is silence in the world.“