Mick Jagger und der Classic Blues. Seine Top 10 kommentiert und im Stream


von

Ich habe versucht, verschiedene Stile und Phasen zu berücksichtigen, doch die Gewichtung liegt eindeutig auf den Fünfzigern. Popmusik in England wurde damals durch einen großen Apparat gefiltert. Bei diesen Platten hingegen hatte man den Eindruck, dass sie direkt zu einem kamen. John Lee Hooker, Memphis Slim, Big Bill Broonzy – sie wurden sogar im englischen Fernsehen gezeigt, aber gleich in der Folk-Kunst-Ecke abgestellt. Das war zwar arg gönnerhaft, aber immerhin bekamen wir so die Essenz dieser Musik mit.

1. „I Got To Go“ von Little Walter, 1955
Ein getriebenes, seltsames Tempo – der Rhythmus eines Zuges wohl, weil es ein On-the-move-Song ist. Little Walter war einer der großen Einflüsse, er war der Charlie Parker der Mundharmonika.

2. „First Time I Met The Blues“ von Buddy Guy, 1960
Ein wahrer Virtuose. B.B. King und Otis Rush beeinflussten zahlreiche englische Gitarristen, aber Buddy spielte mehr die ungewöhnlichen Licks, die man gern abkupferte. Auch als Sänger fiel er stilistisch aus dem Rahmen: Er klang roher und harscher als jeder andere.

3. „40 Days And 40 Nights“ von Muddy Waters, 1956
Es sind die religiösen Obertöne, die diesem Song seine besondere Dringlichkeit geben. Man könnte viele Tracks von ihm herausgreifen, aber bei diesem hier läuft es mir noch immer kalt den Rücken runter.

4. „Stones In My Passway“ von Robert Johnson, 1937
Es ist diese unbehauste Atmosphäre, die eins seiner Trademarks ist – und dieser Track liefert dafür ein gutes Beispiel: einmal im Text, aber auch durch die Art, wie er ihn interpretiert. Bei Blues-Lyrics weiß man nie so recht, wer sie ursprünglich geschrieben hat. Es sind kompositorische Flickenteppiche: Die Leute greifen sich einen Vers und vermischen ihn mit ihren eigenen. Aber einen Song wie diesen hier hatte ich noch nie gehört. Er scheint wirklich ein Original zu sein.

5. „Lonely Avenue“ von Ray Charles, 1956
Großartiges Tempo, ein wundervoller Shuffle. Ich habe den Song mit den Stones gesungen und mit anderen auch. Doc Pomus war ein sträflich unterschätzter Songschreiber, auch wenn er bei mir immer hoch im Kurs stand.

6. „Cold Shot“ von Stevie Ray Vaughan, 1984
Ein Gitarrist, der alle Einflüsse verarbeitet hat: Country, Hendrix, aber auch schwarze Musik. Er liebte die langsamen Tempi wie dieses hier, er gräbt sich ganz tief in den Groove ein.

7. „Everybody Knows About My Good Thing“  von Z.Z. Hill, 1982
Ich habe ihn nie live erlebt, aber ich liebe diesen Song. Es gibt ein ganzes Genre von Blues-Songs, in dem es um Eifersucht geht und darum, niemanden in sein Haus zu lassen. In diesem Song aber dürfen alle rein – die Ehefrau lädt eben jeden in ihr Haus.

8. „Dark Was The Night, Cold Was The Ground“ von Blind Willie Johnson, 1927
Er reiste von Kirche zu Kirche und sang nur über religiöse Themen. Er verfügte über ein ganzes Arsenal an seltsamen Stimmlagen. Mal sang er mit einer brummigen Gospel-Stimme, dann wieder klang er wie eine Frau. Er konnte nahtlos von einer Lage in die andere wechseln – es war wirklich gespenstisch.

9. „Forty Four“ von Howlin’ Wolf, 1954
Ein Piano-Blues mit einer eigenartigen Rhythmik, sehr beeindruckend. Und seine Stimme konnte sowieso niemand kopieren. Er kam aus einem anderen Universum: Sein Gesang war nicht von dieser Welt, alles war ganz eigen.

10. „Going Down“ von Freddie King, 1971
Er kam oft für Konzerte nach England, und ich sah ihn auch regelmäßig in Los Angeles. Dieser Song ist großartig – und anders: Es ist mehr als nur ein zwölftaktiger Blues. Hier hat sich jemand richtig Gedanken gemacht, wie man diese Bass-Figur integrieren konnte. Der Track legte die Messlatte ein Stück höher, das ist kein Durchschnitt mehr.