Mike Love erklärt, wie es zur Reunion der Beach Boys kam…


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Mike Love gilt  vielen als der Bösewicht in der Beach-Boys-Saga. Er sabotierte „Smile“, schrieb in den Neunzigern schlimme Schlager wie „Kokomo“ und verklagte Brian Wilson mehrmals auf Tantiemen. Wie es trotzdem zum neuen Album „That’s Why God Made The Radio“ kam und wie er die Geschichte sieht, erklärt der  Sänger und Meditationslehrer im Interview.

Hätten Sie sich, sagen wir: vor zehn Jahren träumen lassen, dass es noch einmal ein neues Beach-Boys-Album mit Brian Wilson geben würde?

Naja, damals war Brian mit seinen eigenen Touren und Albumproduktionen beschäftigt; ich war mit Bruce Johns­ton und der Band als Beach Boys unterwegs. Wir waren also beide in paral­lelen Richtungen ziemlich fleißig.

Andererseits war ja nur wenige Jahre zuvor Carl Wilson gestorben, Sie hatten gerade zum zweiten Mal Brian­ Wilson wegen Rechten am Katalog verklagt. Von außen sah das nicht gut aus. Wie sind Sie denn wieder zusammengekommen?

Naja, der 50. Geburtstag der Beach Boys ist natürlich ein fantastischer und auch bemerkenswerter Meilenstein. Und die Klage war kein besonderes Problem. Manchmal nimmt eben die Business-Seite in solchen Beziehungen überhand. Aber musikalisch haben wir uns immer gut verstanden. Wir singen schließlich seit der Kindheit zusammen. Von daher war es eigentlich nie so weit hergeholt, wie es vielleicht von außen aussah. Und natürlich ist Brians Fähigkeit, musikalische Harmonien zu strukturieren, unerreicht. Er hatte ein paar Songs, deren Texte er nicht beenden konnte, und da hat er mich gefragt. Und ich habe das getan. Der einzige Unterschied zu früheren Alben besteht bei diesem Album darin, dass wir nicht die Möglichkeit hatten, uns zu treffen, um gemeinsam etwas Neues zu komponieren. Mit anderen Worten: Es gab Songs, die er allein oder mit anderen Leuten angefangen hatte, und so war es meine Aufgabe, an den Lyrics zu arbeiten. Wenn Sie sich aber die Musik anhören, klingt das ja, als wäre es wieder 1965.

Sie sind ja beide um die 70. Gibt es da nicht auch manchmal Probleme mit der Stimme?

Naja, jeder von uns hat seine Stärke in einer bestimmten Lage. Ich singe ja zum Beispiel Lead in Songs wie „California Girls“, „I Get Around“ oder „Fun Fun Fun“. Allen Jardine und Brian­ klingen jeweils in ihren speziellen Lagen super. Wir klingen einfach gut in unseren jeweiligen natürlichen Bereichen. Deshalb war es auch jetzt kein Problem, es war einfach so wie immer.

Aber Stimmen sind doch ein bisschen wie Ohren und Nasen. Sie wachsen das ganze Leben lang, aber nicht unbedingt zum Vorteil. Muss man da vielleicht ein bisschen Autotune-Lifting betreiben?

Nein. Schauen Sie sich Tony Bennett an, gerade hat er ein Album rausgebracht und sich damit sofort an die Chartspitze gesetzt. Und der ist 85 (lacht). Seine Stimme klingt super, weil er in Form ist, er lebt gesund, treibt Sport. Und mit der Stimme ist es wie mit einem Muskel. Wenn man ihn nicht benutzt, verkümmert er. Aber wenn man ihn trainiert und benutzt, dann behält er seine Form. Und so ist das mit unseren Stimmen.

Hatten Sie denn jemals den Gedanken, Ihren Sound zu modernisieren? Oder umgekehrt, war es eine bewusste Entscheidung, wie Mitte/ Ende der Sechziger zu klingen?

Ich denke, dass die Beach Boys – wie soll ich sagen – immer in einer eigenen musikalischen Welt gelebt haben. Bei all unseren musikalischen Einflüssen, haben uns Trends – sei es Disco, Bluesrock, Country oder heute HipHop – nicht weiter berührt. Wir waren immer ganz bei uns und haben nie versucht, Anschluss daran zu finden, was gerade angesagt ist. Wir haben unsere Musik immer so gestaltet, wie wir fanden, dass wir am besten klangen.

Haben Sie bemerkt, dass viele junge Bands versuchen, wie die Beach Boys zu klingen? Nach den elektronischen Neunzigern und Nullern stehen plötzlich Stimmen und ihre Arrangements wieder hoch im Kurs.

Ich höre immer wieder von Leuten, dass sie von der „Pet Sounds“-Produktion oder den Vokalharmonien beeinflusst seien. Das ist natürlich ein nettes Lob. Aber der spezielle Beach-Boys-Ton ist wirklich schwer zu erreichen. Weil es ja bei unserem Sound nicht nur darum geht, die Noten zu singen, sondern vor allem um die Art, wie sich die Stimmen ineinander mischen, um diese ganz besondere Gabe Brians, die Stimmen zu arrangieren.

Wie sehen Sie denn Ihre Rolle in den Beach Boys? Ergänzen Sie Brian­ eher? Oder erden Sie ihn?

Wenn man sich zum Beispiel „Good Vibrations“ anschaut, einen unserer größten Hits, da habe ich den ganzen Text geschrieben, aber auch an der Melodie mitgearbeitet, und Brian hat das dann auf seine unnachahmliche Art arrangiert. Historisch gesehen liegen meine Stärken als Co-Writer aber eher bei den Texten. Wir ergänzen uns also.

Wie denken Sie denn heute über „Smile“? Es heißt, Sie wären damals nicht sehr glücklich mit der Produktion gewesen.

Das stimmt so nicht. Ich fand die Musik großartig, aber manche der Texte, wie soll ich sagen, mochte ich nicht so sehr, weil sie so deutlich von Drogen wie LSD inspiriert waren. Das konnte ich nicht gutheißen. Trotzdem finde ich Songs wie „Wonderful“ oder „Surf’s Up“ bezaubernd und schön. Man hatte mich aber auch nicht gebeten, Texte zu schreiben. Es klingt vielleicht, als wäre das der eigentliche Grund für meine Ablehnung gewesen, aber ich fand die Drogentexte waren nicht die richtige Richtung für die Band.

Wie haben Sie denn den damals üblichen Versuchungen widerstanden? Haben Sie da schon meditiert?

Ja. Wir haben Maharishi im Dezember 1967 getroffen, als wir in Paris einen UNICEF-Auftritt hatten. Ein paar Tage danach hat er uns eingeladen, Transzendentale Meditation bei ihm zu lernen, und einige aus der Gruppe haben das auch getan. Carl und Al. Ich bin ein paar Monate später auch in den Ashram nach Indien. Die Beatles waren da, Donovan war da, und ich bin dabei geblieben. Al und ich sind mittlerweile selbst Lehrer. Das war unser Geheimnis: Obwohl um uns herum schreckliche Dinge geschahen und wir schwierige Zeiten erlebten, hatten wir durch dieses erweiterte Bewusstsein die Kraft und die Ausdauer, uns da rauszuhalten und nicht mitgerissen zu werden.

So schön so ein ausgeglichenes Wesen ist – will man denn als junger Mensch nicht auch ein bisschen ausrasten und Blödsinn treiben?

Ich bin wirklich überzeugt, dass ich ohne Meditation Alkoholiker, drogenabhängig, wenigstens ein Pothead wäre. Ein Teil meiner Persönlichkeit ist sehr zurückhaltend und schüchtern, aber zugleich verlangt unser Leben, dass wir auf Bühnen stehen, uns in dem ganzen Showbusiness bewegen und Interviews geben müssen. Es gibt sehr viele solcher extrovertierten Pflichten und Momente. Durch die innere Ausrichtung der Meditation konnte ich mich immer auf natürliche Weise entspannen und gelassen bleiben und war eben nicht auf Alkohol oder Drogen angewiesen. Es ist einfach die gesündere Methode. 

The Beach Boys live: „Celebration – The Beach Boys‘ 50“
03.08. Berlin, o2 World
04.08. Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle
05.08. Mönchengladbach, HockeyPark