Miss Thompson in: Rodarte – Schwestern mit Tigerblut


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Die Nacht war endlich wieder lauschig. Eine der ersten „Gerne in der Schlange stehen“-Nächte.  L.A. hatte sich  Freitag Nacht zum „Museum of Contemporary Art“ aufgemacht, um die Entwürfe von „Rodarte“ (Kate und Laura Mulleavy) anzuschauen. Wie kommt es bloß, dass wir in einer Schlange warteten, um Kleider zu sehen?

Es war so: „Rodarte“, zwei Schwestern aus Pasadena bei Los Angeles, berühmt in der Modewelt, hatten die Ballett-Kostüme  für Natalie Portman in „Black Swan“ genäht.  Genau, „Black Swan“. Im Prinzip ein Anti-Film, derzeit. Ein völlig unvernünftiger, hysterischer Teenagerfilm (Nägelkauen, Verschwörungstheorien, Early-Twenties-Psychosen, Lesbenküsse mit Natalie Portman und Exstasy mit Alkohol mischen etc.), der Null „Botschaft“ hatte. Außer unfassbarem Konkurrenzkampf und einem daraus resultierenden sehr schön anzuschauenden Wahn. (Publikum für „Black Swan“ im Kino auf dem Sunset Boulevard: Mädchen/ Frauen, die aus einer Kleinstadt stammen und diese „Black Swan“ Träume hatten. Kommt mir bekannt vor.) Die „Rodarte“-Schwestern mussten  irgendetwas mit diesem Film zu tun haben. Also wollten wir sie logischerweise sehen. Sie sind längst Stars in der Mode, aber was war mit ihrer Anti-Celebrity-Aura, von der wir so viel gehört hatten? Wie nahe waren sie diesem Film?

Die Schlange vor der Tür hat Lust auf „Rodarte“ und Museum. Doch im Kopf (oder am Telefon) hingen alle auf Twitter, voll mit dieser Droge. Die Droge für Freitagnacht hieß Charlie Sheen. Charlie tweetete seit Tagen ohne Punkt und Komma, die Schlange vor dem Museum brütetet über dem verdammten Sheen- Rätsel: Gab es Charly Sheen noch? War er tot?  Oder waren es nur noch Moleküle, die in ihrer Zusammenstellung aussahen wie Sheen? Charly sagte im Fernsehen, er besitze Tigerblut, und er sagte, er sei mehr als ein Mensch. Eher ein Jet. Oder etwas aus Stahl, das sehr viele Drogen nehmen kann. (Charlys öffentlichem Absturz folgen derzeit 2.019.647  Menschen auf Twitter.) Ein texanischer Multimilliardär meldete umgehend, er würde Charlie einen Internetsender für eine eigene TV-Sendung hinstellen. Sheen hatte schon vor ein paar Tagen mit dem Unvorstellbaren begonnen: Er hatte im TV geraucht und war eben NICHT Helmut Schmidt. Die Schlange vor dem Museum raisonnierte über ihre eigene  Sheen-Abhängigkeit. Sie kam mit so vielen fremden Botschaften aus dem Jenseits der Sheen-Villa bei Sherman Oaks nicht zurecht.

„Ich frage mich das schon den ganzen Tag. Was genau meint Charlie Sheen, wenn er sagt, er hätte Tigerblut in sich?“,  fragt eine Frau in schwarzen Lederleggins und Lindsay Lohan-Haar. Ob es etwas mit einer neuen Entgiftung, oder Detox-Art zu tun habe.

„Es bedeutet, er ist unbesiegbar. Und er sagt „fuck you, Hollywood!“ Die Antwort von einem jungen Typen in den mittleren Zwanzigern schoss gerade auf uns zu. Er trug ein Tattoo, auf dem sich eine Schlange und eine asiatische Frau küssten, und er wollte unserem Abschnitt der Schlange zu verstehen geben, dass Charly Sheen wohl ein Art Punkocker sei. Jemand, der das „System“ bedroht. Von innen. Und Revolutionen würden doch jetzt generell auf Twitter stattfinden. Yeah.

Wir wollten jetzt aber endlich diese „Rodarte“ Teen-Queen-, Modesystembedroher- Schwestern sehen. Da standen sie.

Mitten zwischen Menschen, die gar nicht zu ihnen passten. Laura Mulleavy in einem simplen Karo-Shirt, kombiniert mit einem absoluten Filmstar-Gesicht. Und dann Kate, die Schwester, die eine sehr starke „Mamas and the Papas“-Erinnerung hervorrief.  Die Schwestern mussten Tigerblut besitzen, soviel war klar. Sie stammten aus einem Vorort von Los Angeles. (Pasadena, dort wo die Entzugsklinik steht, in der Marylin Monroe entzog. Dort leben beide immer noch bei ihren Eltern.) Und sie hatten Anna Wintour überlebt. Wintour hatte ihnen vor Jahren zwecks besserer Erfolgsaussichten gesagt, sie sollten abnehmen und ihnen nahe gelegt, darüber in VOGUE schreiben. Dafür würde Wintour sie zu Stars machen.

Doch „Rodarte“ war schnell mächtiger, als ein VOGUE-Cover sein kann. Die Schwestern hatten in ihrem Zimmer in Pasadena früh die richtigen Filme angeschaut.“Rosemaries Baby“ oder „Bonny und Clyde.“ Sie hatten den schönen Wahnsinn dieser Film mit ewiger Teen-Magie und „Star Wars“ Fantasien gemischt. Seitdem sind Hollywood-Frauen wie Cate Blanchett oder Kirsten Dunst sehr abhängig von „Rodarte“-Kleidern.

Laura und Kate haben nichts mehr von dem Designer-Typus, den wir einmal kannten. Ihre Kleider sind stärker, sie selbst sind ihr eigenes, amerikanisches System. Revolution innerhalb des Systems nicht mehr nötig. Denn es gehört ihnen selbst und das machte andere von ihnen abhängig. Kate und Laura sind Stars einer neuen Zeit. Sie sind stark, weil sie nicht in „In Touch“ ihren Hintern zeigen müssten. Theoretisch.

Wie immer in dieser Stadt war auch Freitag abend  alles um 9.30 vorbei. Vielleicht war Charly noch wach? Ich ging nach Hause und tweetete ein bisschen mit Charly. Ich schrieb ihm, was man genau braucht, um in sein Haus einzuziehen. Ich war Nummer 2.019.611.

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