Mit „The Raven“ setzt Lou Reed Edgar Allan Poe ein musikalisches Denkmal – und ist selbst so begeistert davon, dass er ausnahmsweise einmal gute Laune hat

Die Situation ist so bizarr, dass sie schon wieder zu Lou Reed passt. Der Journalistenschreck sitzt in einem schicken französischen Restaurant im New Yorker Meat Packing District, schaut aber gar nicht auf all die Menschen links und rechts von ihm, sondern starrt nur sein Gegenüber an. Er plaudert so freundlich, dass einem Angst wird. Fragt nach Alter und Wohnort, ob die Plattenfirma einen First-Class-Flug bezahlt habe und wie oft man sein neues Album „The Raven“ gehört habe. Mit einer zweistelligen Zahl hat man schon gewonnen. So viele Durchgänge braucht es allerdings auch, um die komplexe Zusammenstellung von Hörspielen und Gedichten, Songs und Sounds, die fast alle auf Ideen von Edgar Allan Poe basieren, einigermaßen zu begreifen.

Die Naivität, mit der Reed neuerdings davon spricht, „nur Spaß“ haben zu wollen, und seine scheinbare Unwissenheit über Poes Schaffen, mit der er gern kokettiert, muss man ihm nicht ganz abnehmen. Sie ist aber allemal angenehmer als seine frühere Arroganz und Eiseskälte, Vorhang auf für Lou Reed, den Altersmilden.

Wann haben Sie sich zu diesem ja doch sehr mutigen Projekt entschlossen?

Vor fünf oder sechs Jahren habe ich bei einer Halloween-Veranstaltung zum ersten Mal „Tell-Tale Heart“ laut vorgelesen. Und es zum ersten Mal verstanden. Es war faszinierend. Da fing ich an, mich richtig mit Poe zu beschäftigen. Dann kam Robert Wilson mit der Idee zum Theaterstück „POEtry“, das wir in Hamburg aufgeführt haben. Und danach wollte ich all das auch auf CD bannen- so, dass man keine Augen braucht, sondern nur Ohren und Kopf.

Wie haben Sie die Geschichten ausgewählt? Es gibt ja so viele.

Gute Frage. Ich bin kein Poe-Experte, ich habe nicht alles von ihm gelesen. Ich habe instinktiv ausgesucht, was mich interessiert. Was man umsetzen kann. Was jeder verstehen kann.

Warum gibt es zwei Versionen des Albums?

Die einfache CD ist quasi eine Baby-Version – für Leute, die sich nicht allzu sehr damit auseinandersetzen wollen. Die lange Version gefallt mir natürlich besser, aber nicht jeder hat so viel Geduld.

Poes Kompositionstheorie besagte, dass Geschichten so kurz sein sollten, dass man sie in einer Sitzung lesen kann.

Wirklich? Warum?

Damit die Spannung nicht verloren geht.

Interessant. Es macht auf jeden Fall viel mehr Spaß, wenn man sich wirklich hineinversetzt und vertieft. Wer zum Beispiel nur Teile dieses Albums runterlädt, der zerstört viel – weil der Sound auf einer MP3 niemals so wunderbar klingt. On this CD, you get a lot of bangjbryour bucks. Wenn man Sound mag. Manchen ist der ja egal, oder sie sind taub. Aber mir ist das wichtig. Ich fragte mich immer, ob die Leute das zu schätzen wissen?

Zumindest scheinen all die Stimmen wirklich aus unterschiedlichen Ecken zu kommen, was schon gruselig wirkt, wie bei „The Fall Of The House Of Usher“.

Gut, dass es wenigstens schon mal einer gemerkt hat. Ich freue mich immer, dass man so viel auf so eine kleine Disc packen kann. Ist das nicht erstaunlich?

Haben Sie auch Stücke ausprobiert, die nicht funktioniert haben?

Natürlich. Wir waren ja wie Versuchskaninchen. Haben dies und jenes versucht, und manches hat uns einfach nicht berührt. Dann muss man es wegwerfen. Musik ist eben keine Mathematik, wo jede Gleichung aufgeht.

Hat man nicht Angst, dem Werk von Poe eigene Verse hinzuzufügen?

Ich hatte nur Spaß. Ich bin ja nicht in der Schule, wo man benotet oder bestraft wird.

Aber „The Raven‘ ist ja an sich schon perfekt. Wie geht man da an eine Neubearbeitung heran?

Ich habe den Rhythmus beibehalten, aber alles andere geändert. Dieser Rhythmus, den ich liebe, war mein take-off-point, von dem aus ich versucht habe, mich und Poe unter einen Hut zu kriegen. Ich, Poe, ich, Poe. Schwierig.

Warum haben Sie das Stück nicht selbst vorgetragen, sondern es den Schauspieler Willem Dafoe machen lassen?

Ich kann ganz gut lesen, aber mein Freund Willem ist großartig. Ich liebe seine Stimme, sie ist faszinierend und verführerisch, sowas hört man nicht oft. Genau wie Steve Buscemi – der ist doch unglaublich. Sobald er den Mund aufmacht, muss man einfach lachen. Komischerweise muss man ihn gleichzeitig mögen. Er ist erstaunlich.

Ihren Klassiker „Perfect Day‘ singt auf „The Raven“ ein Typ namens AntonyIst der nicht toll? Ich bekam ein Tape von Antony und konnte kaum glauben, dass ein Mann mit dieser Stimme keinen Plattenvertrag hat. Wir wollen demnächst zusammen „Berlin“ neu aufnehmen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Glauben Sie, dass auch Leute, die Poe gar nicht kennen, „The Raven“ verstehen werden?

Unbedingt! Man soll die Geschichten gar nicht lesen, bevor man das Album hört. Zumindest muss man es nicht. Dies ist doch kein Examen! Man muss gar nichts lesen, das ist keine Voraussetzung. Es soll nur Spaß machen, so wie es uns Spaß gemacht hat Ziehen Sie immer an einem Strang mit Ihrem Produzenten Hai Willner oder waren Sie auch manchmal uneins?

Oh no. Hai und ich streiten nie. Wenn wir uns nicht einig sind, machen wir woanders weiter. Ich würde niemals mit Willner streiten. Ich liebe ihn.

Aber es ist doch sicher nicht leicht, mit einem Perfektionisten wie Ihnen zusammenzuarbeiten.

Für Hai schon. Wir sind beide so. Sicher, ich sehe jedes Mal Fehler. Ich wünsche mir immer, alles könnte lauter sein. Ich will Lautsprecher zerbersten sehen. Lauter und größer. Ich möchte den Hörer umarmen und einschließen mit den Sounds. An aural embrace.

Dabei sind gerade die leisen Passagen manchmal am eindrucksvollsten – etwa bei „Vanishing Act“, bevor das Orchester einsetzt…

Oh, Sie haben das bemerkt! Das meine ich: Wenn einer das auf MP3 komprimiert, dann wird man diese Steigerung nicht hören können. Dann werden einen diese Streicher nicht berühren. Manchmal denke ich – bei allem Spaß, den ich dabei habe- dass es keiner kapiert. Frustrierend. Aber ich kann ja nicht „einfachere“ Alben machen, weil das vielleicht so gewünscht wird. Da kann ich mir doch gleich ins Bein schießen.

Sie können es sich mit Ihrem Namen wohl auch leisten, nicht so viele Alben zu verkaufen…

Das hoffe ich. Wer weiß, ob ich demnächst noch einen Plattenvertrag habe – falls sich dieses Album nicht verkauft…

Aber Sie würden doch weiter Platten machen, auch wenn diese ein Misserfolg würde?

Privat, ja. Vielleicht würde ich sie nicht mehr veröffentlichen. Daran denke ich oft. Ich habe wirklich genug anderes zu tun. Ich will nicht gegen das System kämpfen. Wenn man nicht unterstützt wird, ist es zu anstrengend. Ich bin ja schon froh, dass die Plattenfirma dieses Album überhaupt rausbringt. Dies ist kein Mainstream, und jeder weiß das.

Ihr Alben drehen sich immer um das Thema Veränderungen….

Veränderung ist die einzige Konstante im Leben. Alles verändert sich ständig, zumindest darauf kann man sich immer verlassen.

Immer zum Schlechteren, wie im Song „Change“?

Das gilt nur auf dem Album, ich glaube das nicht. Der Song ist sehr lustig. Vor allem, wenn man ein Mann ist.

Er beschreibt ziemlich drastisch, was dann alles nicht mehr so funktioniert. Fällt es Ihnen leicht, sich über das Alter lustig zu machen?

Ha-ha-ha. Und wie ich darüber lache… Im Ernst, das Alter hat gewisse Vorteile. Ich bin heute sicher schlauer als früher. Fitter auch. Erfahrener auf jeden Fall. Man kann auf vieles zurückblicken. Wenn man sich erinnert.

Können Sie sich an alles erinnern?

Das Problem ist, dass man anfangt, die Geschichte neu zu schreiben. Man verändert sie so, dass es einem mehr Spaß macht, sich daran zu erinnern. Man lässt sich selbst besser aussehen. Man verharmlost schlimme Erlebnisse.

Das Album endet mit dem versöhnlichen „Guardian Angel“.

Nach all dem Horror und Krach und der Dunkelheit sollte alles positiv ausklingen, mit einer ruhigen, aber hoffnungsvollen Melodie. Ich bin sehr für Hoffnung.

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