Konzertbericht



Muse live in Köln: Sci-Fi im Gewerbepark


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Es wird dunkel im Mediapark, der Regen fällt unaufhörlich auf die für die innerstädtische Gewerbeparks typischen Glasfronten und Büro-Bauten, als das Muse-Logo nervös zu flackern beginnt. Matt Bellamy, Dominic Howard und Chris Wolstenholme sind berüchtigt für ihre extraordinären Liveshows und auch diese bildete keine Ausnahme. Die britische Rockband präsentierte ihren hörbar entflammten Fans in etwas mehr als einer Stunde neben bekannten Hits wie „Plug In Baby“ und „Psycho“ auch Titel aus ihrem neuen Album.

„Will of the People“: Verkapptes Best-Of-Album mit neuen Tracks?

Mit ihrem unlängst erschienenen, von Science-Fiction-Stoffen inspirierten und dem aktuellen Weltgeschehen erschreckend nahekommenden Album „Will of the People“ spalteten Muse Ende August die Musikkritiker*innen. Und auch schon im Vorfeld herrschte im Hintergrund Uneinigkeit über den Charakter des neunten Muse-Studioalbums: Die Plattenfirma wünschte sich eine Best-Of-Kompilation, das Trio um Frontmann und Kopf der Band Matt Bellamy lieferte stattdessen zehn komplett neue Tracks: Dance-, Glamrock- und Metal-Hymnen, die thematisch und stilistisch an ihre größten Hits anschließen.

Bellamy hatte sein Publikum im Griff

Als Muse mit dem titelgebenden Track „Will of the People“ die Bühne im Mediapark betraten, hatte Bellamy sein Publikum ohne großen Aufwand im Griff: Im eigenen Album-Shirt und einer modisch gewagten Hose mit wilden Aufdrucken bewegte er sich intuitiv über die Bühne. Mal sah man ihn auf Knien spielen, mal sprang er energetisch und wirkte dabei stets in seine Musik versunken.

Muse im Mediapark: „Simulation Theory“ in echt

Ein „supermassiver“ Bildschirm, der sich über die gesamte Bühne zog und dystopische Szenen aus den videospielartig anmutenden Musikvideos der Band zeigte, unterstütze die Show. Auch an Lichteffekten wurde während des Sets nicht gespart. Besonders beeinflusst wurde die Atmosphäre aber ganz beiläufig durch das graue, regnerische Wetter, das den Abend begleitete. Während Muse schwere Riffs und Lyrics über Krieg, autoritäre Verhältnisse und Massenverführung niederprasseln ließen, tat der Regen seinen Teil, das Erlebnis abzurunden.

Es ging sogar so weit, dass sich während „Hysteria“ auf dem Bildschirm ein Gewitter abspielte, das vom tatsächlichen Wetter perfekt ergänzt wurde. Dadurch entstand der Eindruck, sich in einer umfassenden Simulation zu befinden, die akribisch durchgeplant wurde und mit der Thematik von „Will of the People“ verschmolz.

Muse live in Köln 2022

Fans zeigen Muse ihre „Compliance“

Das umfassende Konzept der Show spiegelte sich auch in der Dynamik zwischen Bellamy und seinem Publikum wider. Für die Zeilen „We just need your compliance/You will feel no pain anymore/ No more defiance/Just give us your compliance“ aus dem neuen Titel “Compliance” schlüpfte er in die Rolle des autoritären Oberhauptes. Mit geballter Faust und stolzer Haltung trug er die Lyrics vor, die vielfach als Anspielung auf die Corona-Politik interpretiert wurden. Das Publikum „unterwarf“ sich währenddessen ergeben mit rhythmischem Kopfnicken im Takt der eingängigen Dance-Melodie und bekannte sich immer wieder gesanglich zur Fügsamkeit.

Beobachter mit Vorliebe für Sci-Fi-Dystopien

Welcher politischen Meinung sich die Band selbst zuordnet, bleibt weitestgehend unbekannt. So offenbart sich Bellamy lediglich als Beobachter, ohne politisch aufs Ganze zu gehen. In einer Welt, in der zunehmend gefordert wird, sich für das ein oder andere zu entscheiden, um dann schnell in Kategorien eingeordnet zu werden, verarbeiten Muse in ihrer Musik Beobachtungen mit Bellamys Vorliebe für dystopische Geschichten.

In einem Interview erklärte er, das Gefühl zu haben, dass etwas aufbreche, sich verändere, der Westen zerbrechen könnte. Er wünsche sich daher eine friedliche Revolution, bei der alle Seiten zusammenarbeiten und sich auf ihre Gemeinsamkeiten konzentrieren. Daher würde er es als positiv ansehen, wenn sich Menschen mit unterschiedlichen Ansichten mit dem neuen Album identifizieren könnten.

Bellamy mit LED-Jacke und Synthesizer-Handschuh

Identifikationsfurcht herrschte während des Konzerts definitiv nicht – jeder Song, ob alt oder neu, wurde vom Publikum freudig angenommen. Spätestens bei ihrem 2006er-Hit „Supermassive Black Hole“, dessen Gesang von Prince inspiriert und gleichzeitig mit Death-Metal-Anklängen versehen ist, standen auch alle Zuschauer*innen auf der Tribüne auf.

Es folgten weitere Klassiker wie das mehrfach für sein Gitarrenriff gekürte „Plug In Baby“ und „Uprising“. Für die zweite Hälfte des Konzertes, eingeleitet mit „Behold, The Glove“, trug Bellamy eine leuchtende LED-Jacke, die Fans bereits aus dem dazugehörigen Musikvideo kennen dürften. Auch der zum Outfit gehörende Handschuh mit eingebautem Synthesizer kam dabei zum Einsatz. Dieses Tool überraschte einerseits, passte andererseits so perfekt in das Gesamtkonzept der Show, dass es schon kaum mehr schockieren konnte.

Das schwermütige, mysteriös anmutende Instrumental „The Gallery“, das Assoziationen von Videospiel-Soundtracks hervorruft, stellte den einzigen ruhigen Moment der Show dar. Weitestgehend lebte der Abend von heftigeren Titeln wie beispielsweise „Won’t Stand Down“.

Muse liefert trotz Kultstatus bodenständige Best-Of-Show

Obwohl Muse sich über die Jahre mit ihrer Experimentierfreude und Offenheit überzeugten, erschienen alle Mitglieder auf der Bühne ausgeglichen und bodenständig. Das zeigte sich unter anderem in ihrer Fähigkeit, für einige Songs in Rollen zu schlüpfen, diese aber auch rechtzeitig wieder zu verlassen. Dass Bellamy, Howard und Wolstenholme bereits über 30 Jahre hinweg ununterbrochen gemeinsam Musik machen, zeigt sich auf der Bühne in ihrer Präzision und Versunkenheit in ihr Werk.

Muse live in Köln 2022

So verliehen sie ihren teilweise abgehobenen Titeln eine menschliche, charakterstarke Komponente. Mit ihrer in Regen gehüllten Präsenz füllten sie die Szenerie des Mediaparks aus und boten ihrem feierwütigen Publikum eine ehrwürdige Best-Of-Show.

Das Konzert wurde von der Telekom live übertragen und kann nun über MagentaMusik gestreamt werden.

Andreas Rentz Getty Images
Andreas Rentz Getty Images