
Jeff Buckley und ein Königreich für einen Kuss
Der ergreifende Dokumentarfilm „It’s Never Over, Jeff Buckley“.
Im Sommer 1994 ging ich in einen winzigen Kellerclub in Hamburg, Knust. Jeff Buckley trat auf. Sein Debütalbum, „Grace“, war gerade veröffentlicht worden. Ich kannte ihn von seiner EP „Live At Sin-é“, einer Aufnahme aus einem Café in New York, in dem er als Barista und Kellner gearbeitet hatte. Manchmal sang er Songs wie „The Way Young Lovers Do“ von Van Morrison. Das Sin-é wurde das beliebteste Café von Brooklyn.
Ein Mann, eine Gitarre. Es war das beste Konzert, das ich je erlebt habe. Man fragte Jeff, ob er bei einem Tribute für seinen Vater, Tim Buckley, in einer Kirche in New York auftreten würde. Tim hatte Mary Guibert verlassen, als sie schwanger war. Sein Sohn hatte ihn ungefähr eine Woche in seinem Leben gesehen, bevor Tim Buckley 1975 starb. Jeff trat auf unter der Bedingung, dass nichts aufgezeichnet würde. Er ging mit 60 Visitenkarten von Plattenfirmenleuten aus der Kirche.
Bei Columbia Records sah er im Foyer die Fotos von Bob Dylan, Bruce Springsteen, Nina Simone und Miles Davis. Bei diesem Label wollte er sein. Er unterschrieb den angeblich lukrativsten Vertrag aller Zeiten für ein Debütalbum. So erzählt es Amy Bergs Dokumentarfilm „It’s Never Over, Jeff Buckley“. Mutter Mary Guibert spricht und Jeffs letzte Geliebte, Joan Wasser, die wir als Joan As Police Woman kennen. Die Musiker aus seiner Band sprechen. Und der Produzent Andy Wallace, der Alben für Slayer, Sepultura, System Of A Down und „Nevermind“ von Nirvana eingerichtet hat: „Ich bin bekannt für diese eine Platte.“
Jeff Buckley bewunderte Dylan und Morrissey, Judy Garland und Nina Simone, und am meisten liebte er Led Zeppelin. Den pakistanischen Sänger Nusrat Fateh Ali Khan bezeichnete er als „meinen Elvis“. Buckley strahlte wie ein Ölgötze, als er den Qawwali-Meister in New York treffen konnte.
„Jeff, du brauchst keinen Sex, sondern Liebe“
„Grace“ war ein gewaltiger Erfolg – in Australien und Frankreich. In den USA Rang 148. Buckleys schönstes Lied, „Forget Her“, wurde erst später hinzugenommen. Es ist auch das schönste Video, wackelige Impressionen von Paris, der Stadt
der Liebe. In seiner Unsicherheit schrieb Buckley an die Songschreiberin Aimee Mann. Sie sagt in dem Film: „Er wollte verführerisch sein. Aber ich fand ihn zu fluid. Ich sagte: ‚Jeff, du brauchst keinen Sex, sondern Liebe.‘“
Die Songschreiberin Joan Wasser gab ihm Liebe. Bei einem französischen Festival trat Buckley vor Jimmy Page und Robert Plant auf. Ben Harper erinnert sich daran, dass er Buckley vor dem Auftritt von Page und Plant suchte. Er fand ihn nicht. Während des Konzerts sah er einen Mann, der an den seitlichen Gerüsten hinaufkletterte, um die Elektrizität zu spüren. Nach dem Auftritt sagte Robert Plant zu Buckley: „Du bist der beste neue Sänger.“
Jeff Buckley verschwand für zwei Tage. Nach „Grace“ schuldete er Columbia die zweite Platte. Zu Joan Wasser sagte er: „Ich werde es nicht lange schaffen.“ Buckley mietete ein Haus in Memphis und nahm Demos über Kopfhörer auf. Einmal
sprach er auf den Anrufbeantworter einer Freundin: „Ich glaube, ich bin nah an ‚Grace‘.“ Die Songs auf dem posthum veröffentlichten „Sketches For ‚My Sweetheart The Drunk‘“ sind so gut wie die Lieder seines Freundes Chris Cornell. Aber
sie sind nicht so gut wie „Grace“, von dem David Bowie sagte: „Die beste Platte, die je aufgenommen wurde.“
Am Abend des 29. Mai 1997 ging Jeff Buckley mit seinem Gitarrentechniker spazieren. Dann sprang er bekleidet in den Wolf River in Memphis. Die Strömung zog ihn unter Wasser. Der letzte Song, den er hörte, war „Whole Lotta Love“ von Led Zeppelin.