Jeff Buckley: Die tragische Todesursache des Ausnahmekünstlers


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Die Todesursache von Jeff Buckley ist im Kontext der vielen anderen Tode großer Rockstars fast lächerlich banal. Der berühmte Club 27 mit Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain und schließlich Amy Winehouse ist dabei die tragische Speerspitze dessen, was zahlreiche andere ihrer Berufskollegen über die Jahrzehnte das Leben kostete – Alkohol, Drogen, Depressionen. Genau deswegen ist Buckleys Tod besonders frustrierend. In seinem Fall fehlt die Erklärung. Weder starb er an einer Überdosis, noch nahm er sich – entgegen mehrer Theorien – das Leben oder wurde gar ermordet. Jeff Buckley starb aufgrund eines Unfalls, den man am liebsten ungeschehen machen möchte.

Jeff Buckley wächst heran

Geboren wurde Buckley am 17. November 1966 in Anaheim, Kalifornien. Sein Vater Tim war selbst Musiker und nahm in den späten 1960er-Jahren einige vielbeachtete Alben auf. Weil sich seine Eltern bald nach seiner Geburt 1966 trennten, verbrachte er später nur eine Woche mit seinem Vater – kurz vor dessen Tod. Tim Buckley starb 1975 an einer Überdosis Heroin. Später distanzierte sich sein Sohn einerseits vom Werk des Altvordern, ehrte aber andererseits sein Andenken. „Wir waren unser Leben lang getrennt, und jetzt liegen wir in einem Regal beieinander. Doch er sollte sein eigenes Fach haben, und ich meines. Oder habe ich eine andere Chance, ihm meinen Respekt zu erweisen?“

An irgendeinem Punkt vergaß man einfach, wie unbehaglich man sich fühlte, weil man merkte, dieser Mann hat vor nichts und niemandem Angst. Ihn singen zu hören ist einer dieser Hinweise darauf, dass die Menschen nicht alle schlecht sind und es im Leben tatsächlich so etwas wie Schönheit und Genialität gibt.

Die hatte er nicht. Bei allem Bemühen um Distanz blieb Jeff Buckley zumal mit seinem Gesang dem Vater nah. Bereits die ersten Aufnahmen – seine eigenen Songs „Mojo Pin“ und „Eternal Life“, Van Morrisons „The Way Young Lovers Do“ in einer mäandernden 10-Minuten-Fassung – erinnerten in ihrer zerquälten Uferlosigkeit an Tim Buckleys manische Exerzitien. In Sachen Talent stand Sohn Jeff seinem Vater sicherlich in nichts nach. Im Alter von fünf Jahren begann er, Gitarre zu spielen, und beschloss als Pubertierender schließlich, Musiker werden zu wollen.

New York, New York

In seiner Jugend spielte Buckley in diversen Bands im Großraum Los Angeles – von Reggae über Jazz bis Prog-Rock. Nach der Schule besuchte er eine Hochschule für Musik. Eine Zeit, die er im Nachhinein als enorme Zeitverschwendung betrachtete. Sich selbst als Musiker zu finden, war ihm dort nicht möglich, weshalb er sein Glück ab 1991 in New York suchte. Zuvor hatte er vor allem Gitarre gespielt, doch an der Ostküste entdeckte er seine Vier-Oktaven-Stimme. Vorrangig im Club Sin-é im Greenwich Village spielte er Abend für Abend Sets aus Coverversionen und vereinzelten eigenen Songs. Led Zeppelin, The Smiths und Elton John waren seine maßgeblichen Einflüsse, die nun auf neue Gesangsvorbilder wie Van Morrison, Robert Johnson und Billie Holiday trafen.


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Jeff Buckleys Auftritte sprachen sich schnell herum. Bald zogen die A&R-Manager der großen Plattenfirmen ins Sin-é, um mit eigenen Ohren zu hören, wer ihr nächster Coup sein sollte. Columbia Records machte das Rennen und nahm Buckley im Oktober 1992 unter Vertrag. Die erste EP „Live at Sin-é“ erschien 1993.

„Grace“

1993 begannen die Arbeiten an „Grace“. Die ersten Versionen seiner Lieder blieben unfertig und wurden für das Debüt mit Band neu eingespielt; an Emphase und Intensität waren sie freilich kaum noch zu überbieten. Seine schmale EP „Live At Sin-é“ war ein Versprechen, die Erfüllung folgte schnell: Auf „Grace“ sind Buckleys Songs samt Cover-Versionen ausformuliert und ausarrangiert – ein fast perfektes, beinahe zu pathetisches Debüt-Album. Leonard Cohens „Hallelujah“ und Benjamin Brittens „Corpus Christi Carol“ singt er mit religiöser Inbrunst, da ist kein Zweifel, kein Bruch, keine Dekonstruktion. Bei Konzerten herrschte eine andächtige, schmerzliche Stille, wenn er nur seine Stimme vibrieren ließ, eine androgyne, weinende Stimme – wieder dachte man an den Vater, auch an Morrissey (dessen „I Know It’s Over“ Buckley ebenfalls sang), an Van Morrison und Nick Drake.

Das Cover von „Grace“

Mit „Grace“, seinem einzigen kompletten Studioalbum, hat sich Jeff Buckley einen festen Platz in der Popgeschichte gesichert. Keine leichte Kost: melancholische Melodien und nachdenkliche Texte über unerfüllte Liebe. Doch die zehn fragilen Songs zwischen Folk, Jazz und Rock sind so schön, dass David Bowie „Grace“ als eines von zehn Alben mit auf die einsame Insel nehmen würde. Der Heidelberger Jazzmusiker Karl Berger, der für die Streich-Arrangements verantwortlich zeichnete, erinnert sich: Jeff war musikalisch sehr offen und kannte Musik von der klassischen Avantgarde bis zum modernen Jazz. Er ließ mich schreiben, was immer ich wollte.“

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Die Lehrjahre sind vorbei

Tatsächlich kündigte Jeff Buckley an, er werde künftig keine Cover-Versionen mehr aufnehmen. „Meine Lehrjahre sind vorbei.“ Jeff Buckley wirkte manchmal wie ein Frühvollendeter, als wüsste er, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde. Hochfahrend und überfordert zugleich, absolvierte er den Medien-Parcours zur Veröffentlichung, registrierte dankbar die Euphorie – und war nicht mehr ganz bei sich. Natürlich gibt es die schlauen Schwarzseher, die den Niedergang einer zarten Seele im Malstrom der Industrie prophezeien – doch Jeff Bucley wollte ins Licht, nicht zurück in die Kaschemmen und Bars seiner Anfänge.


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„Lilac wine, I feel unsteady, where is my love?“ klagte Buckley wie einst Nina Simone, „I cannot see clearly.“ Der schaffe das nicht mit dem Ruhm, hörte man damals, der sei zu nett, zu sensibel, zu fragil. Ein Träumer womöglich. Aber nicht der einzige. Buckley nahm schnell für sich ein und erreichte auch Menschen, die sich für Songwriter-Musik üblicherweise nicht interessieren – und vor allem das Rock-Publikum, das sich bei Lenny Kravitz‘ geschickten Rückgriffen wohlfühlt und das ihm so wichtig war. Größte Dimensionen, auch in der amerikanischen Heimat, schienen mühelos erreichbar.

Eine Vorahnung

Dennoch brach ein seltsam langes Schweigen an, nachdem all der Tumult um „Grace“ vorbei war. Drei Jahre sind eine Zeit, die keine Plattenfirma für ein Nachfolge-Album, und sei es noch so erfolgreich, empfehlen würde. Das Gedächtnis auch der Plattenkäufer ist kurz. Nun war die Endproduktion eines neuen Albums jedoch anberaumt, die Songs also vermutlich komplett geschrieben und im Demo-Zustand. Und einer Legendenbildung wird auch Jeff Buckley nicht entkommen. Schon treten die Intimfreunde zahlreich und leutselig hervor.

Im vielleicht schönsten Lied, „Lover, You Should Have Come Over“, singt Jeff Buckley bereits sein Epitaph: „Looking out the door/ I see the rain fall upon the funeral mourners/ Parading in a wake of sad relations/ As their shoes fill with water/ And maybe I’m too young/ (…) Sometimes a man get carried away/ When he feels like he should having his fun.“

Jeff Buckley auf der Bühne

Jeff Buckley stirbt in Memphis

Im Mai 1997 hielt sich Jeff Buckley in Memphis, Tennessee auf. Mit seinem Freund Keith war Buckley auf dem Weg ins Studio, wo die Produktion des neuen Albums beginnen sollte. Die beiden hielten an einem Yachthafen, wo Jeff bekleidet ins Wasser sprang und etwa 15 Minuten lachend und singend herumschwamm. Keith hielt Sichtkontakt. Als vorbeifahrende Boote, so die Pressemitteilung, Wellen erzeugten, brachte der Freund einen am Ufer aufgestellten Kassettenrecorder in Sicherheit. Danach sah er Jeff nicht mehr. Als sein Rufen erfolglos blieb, alarmierte er nach zehn Minuten die Polizei. Eine Woche lang blieb eine aufwendige Suche nach Buckley vergeblich, dann herrschte Gewissheit. Die Behörden rekonstruierten derweil den Unfall: Ein von den Booten erzeugter Unterstrom habe den Schwimmenden unter Wasser gezogen.

Buckleys Mutter Mary Guibert ließ verlautbaren: „Mir ist klar geworden, dass mein Sohn nicht wieder aus dem Fluss auftauchen wird. Es ist an der Zeit, ein Leben zu preisen, das einmalig war.“ Auch bat sie darum, keine Gerüchte und Vermutungen über das Evidente hinaus zu verbreiten. Es wurde betont, das Verschwinden von Jeff Buckley stehe nicht im Zusammenhang mit Alkohol- und Drogenkonsum – eine nicht absichtslose Erklärung.

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Frans Schellekens Redferns