Nick Cave: Songs vom Ende der Welt


von

Guten Morgen, Herr Cave.
Nick Cave: (barsch) Ja, hallo, worum geht’s?

Ich würde gerne mit Ihnen über die Songs sprechen, die Sie für den neuen Film von Wim Wenders geschrieben haben.
(erfreut) Oh, es geht um Wim. Das wusste ich nicht.

Sie kennen sich ja schon lange. Seit Mitte der Achtziger…
Ja, irgendwie so.

Können Sie sich noch an das erste Treffen erinnern?
Nein.

Wer sich an die Achtziger erinnern kann…
Tatsächlich ist das alles etwas verschwommen. Ich weiß noch, wie ich ihn getroffen habe, als er „Der Himmel über Berlin“ drehte. Da kannte ich ihn aber schon eine Weile. Wir hatten einen gemeinsamen Freund, und der hat ein Treffen zum Lunch organisiert – aber ich habe zu der Zeit eigentlichnie was gegessen (lacht). Egal, Wim hatte mal gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in dem Film dabei zu sein. Also haben wir uns getroffen. Aber über den Film hat Wim dann kein Wort verloren. Also hat unser Freund noch einen Lunch organisiert, wir trafen uns und nichts passierte. Und bei unserem dritten Lunch habe ich dann gesagt: „Hör zu, willst du, dass wir in dem verfickten Film mitspielen oder nicht?“ Und Wim sagte: „Oh, ja, sehr gerne.“ Das war der Beginn einer sehr langen und fruchtbaren Beziehung (lacht)

Was macht diese Beziehung so fruchtbar?
Wim gibt den Leuten, mit denen er arbeitet, sehr viele Freiheiten. Er vertraut ihnen. Er sagt dir kurz, worum es geht, und das war’s. Als ich zum Beispiel den Song für „Bis ans Ende der Welt“ schreiben sollte, fragte er: Kannst du mir einen Song über Zeit schreiben? Mehr nicht. Er gibt einem viele Freiheiten, und gleichzeitig gibt er eine ziemlich genaue Richtung vor. Für Filme zu schreiben gehört ja für mich nicht zum Stundenplan. Aber so mag ich es. Ich mag es dagegen überhaupt nicht, wenn jemand mich fragt, ob ich einen Song für seinen Film schreiben will, und ich sage: „Klar, worum geht’s?“ Und er sagt: „Naja, ich weiß nicht. Schreib einfach irgendwas.“ Das inspiriert mich nicht besonders und weckt auch nicht gerade mein Vertrauen, was den Film angeht, wenn du verstehst, was ich meine. Andererseits, wenn man zu viele Informationen bekommt, ist es auch schwierig.

Du hast für einige Wenders-Filme Songs geschrieben. Du bist aber auch ein paar Mal selbst in ihnen aufgetreten.
Ja. Eben in „Der Himmel über Berlin“.

Und in „The Soul Of A Man“.
Ach ja, (lacht) stimmt. Das war das letzte Mal, dass Blixa mit uns gespielt hat. Aber die Geschichte werde ich dir nicht erzählen.

Och…
(Lacht) Nein, nein. Aber der Auftritt hat mir viel Spaß gemacht. Das ist ein großartiger Film. Einer meiner liebsten Wenders-Filme.

Kanntest du die Blues-Musiker, um die es da geht, schon vorher?
Alle bis auf J.B. Lenoir. Aber das ist eigentlich der beste Teil des Films. Diese seltsame Beziehung, die Wim zu diesem Blues-Musiker hat. Das war sehr zärtlich und bewegend. Das kam von Herzen. Das ist wirklich mein liebster Wenders-Film. Er macht sehr gute Musikfilme.

Wie kam es denn jetzt zur Zusammenarbeit bei „Palermo Shooting“?
Wieder einmal hat Wim mich angerufen und gebeten, einen Song für seinen neuen Film zu schreiben. Er gab er mir eine sehr kurze Angabe, wovon der Song handeln sollte. Und- wie gesagt- so arbeite ich auch absolut am liebsten. Das ist vermutlich auch der Grund, warum das mit den Songs für Wim immer so gut geklappt hat. Die zwei Songs, die wir dieses Mal geschrieben haben- einer heißt „Dream“ oder jetzt wohl „Dream- Song For…“

…Finn
Genau! Und für mich ist das einer der besten Songs, die ich je geschrieben habe. Den mag ich wirklich sehr. Wir spielen „Dream“ jetzt mit Grinderman auch bei unseren Konzerten. Und dann habe etwa zwei Sekunden, bevor wir ins Studio gingen, noch einen weiteren geschrieben. Den haben wir also quasi im Studio rausgehauen, und der klingt wirklich ziemlich unglaublich.

Kanntest du die Filmszenen, für die die Songs verwendet werden sollten, vorher schon?
Nein. Ich hatte nur die kurze Zusammenfassung der Geschichte von Wim. Ich wusste, worum es geht, und er schickte mir einen Haufen Dialoge. Er kam auch vorbei, als wir aufgenommen haben und schlug vor, eine Zeile zu ändern, damit es besser zu dem Charakter passt, um den es da geht.

Konntest du dich in die Charaktere, über die du da geschrieben hast, einfühlen?
Was?

Naja, konntest du die Probleme und Ängste von zum Beispiel Finn nachvollziehen?
Oh, mit sowas beschäftige ich mich nicht.

Was?
Das muss ich nicht machen. Weißt du, ich bin Künstler. Ich bin ein Profi.
Aha. Ja, klar.