Paul McCartney blickt zurück – und liefert ein neues Soloalbum-Meisterwerk
„The Boys of Dungeon Lane“ ist eine zutiefst nostalgische Reise, die beweist: Diese Legende ist so kreativ wie eh und je.
Paul McCartney möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Setzen Sie sich, und hören Sie zu, wie er die Szene in leisen Worten ausmalt: „I used to walk past your house“, beginnt er, seine Stimme heute etwas rauer, aber nicht weniger zärtlich. „Every night, I’d look up at your window. The light was on. I saw your silhouette on the blind.…“ Eine bittersüße Erinnerung aus längst vergangenen Tagen, irgendwie verwandt mit den Beatles‘ „No Reply“ – nur dass jedes Fünkchen Groll durch sanftere Gefühle ersetzt wurde. „Do I ever cross your mind as you lie there?“, fragt er diese uralte Schwärmerei. Dann setzt die Band ein – wobei es sich dabei größtenteils um Sir Paul himself handelt, der mindestens neun Instrumente spielt – und da ist es: All die Jahre später gehört es noch immer zu den größten Freuden der Popmusik, diesen einen Typen rocken zu hören.
„As You Lie There“ ist der Eröffnungstrack von „The Boys of Dungeon Lane“, McCartneys erstem Studioalbum seit sechs Jahren, und er gibt den Ton vor für dieses warme, nostalgische Spätwerk. Mehrere Songs handeln von seinen frühen Jahren in Liverpool – darunter ein Duett mit seinem alten Kumpel Ringo Starr, das die gute alte Zeit beschwört; der Albumtitel verweist auf eine Straße in dem Viertel, in dem sowohl er als auch George Harrison aufwuchsen. Insgesamt entsteht das Bild einer Legende, die auf ein gut gelebtes Leben zurückblickt. Das ist kein völlig neues Thema für McCartney, der seit Jahren über das singt, was er einmal seine allgegenwärtige Vergangenheit nannte. Doch die herbstliche Stimmung ist ausgeprägter denn je, und Songs wie „Days We Left Behind“ besitzen eine ungewöhnliche Eindringlichkeit: Er blättert durch alte Schwarzweißfotos und findet nur „smoky bars and cheap guitars / But nothing built to last“. Es ist eine der bewegendsten Akustikballaden in einem Kanon, dem es daran wahrlich nicht mangelt – ein „Yesterday“ mit sechs weiteren Jahrzehnten Erfahrung hinter der stillen Traurigkeit.
Das heißt keineswegs, dass dieses Album niederdrückend wäre. McCartneys Lebenskraft brennt auf allen 14 Tracks ungebrochen, und die Freude, die er am Musikmachen findet, schimmert durch jeden Akkordwechsel. Auf „Mountain Top“ erinnert sich der ewig jung gebliebene 83-Jährige an eine entspannte Wanderung inmitten von Magic Mushrooms und Schmetterlingen – Cembalo, Bongos und Tape-Loops verstärken die psychedelische Atmosphäre. „Come Inside“ ist ein ausgelassener, handklatschender Rocker, der an „Off the Ground“ von 1993 erinnert. „Never Know“ groovt und swingst auf eine Art, die Wings um die Zeit von „Back to the Egg“ (1979) in den Sinn ruft. „Life Can Be Hard“ und „Ripples in a Pond“ sind romantische Huldigungen an die Frau in seinem Leben – eine Erinnerung daran, dass Liebe überhaupt nicht albern ist.
Elegante Arrangements, pure McCartney
All diese Songs profitieren von schlichten, eleganten Arrangements, bei denen McCartney nahezu alles selbst einspielt – sein zweites Album in Folge in diesem Stil, nach dem Ein-Mann-Band-Triumph „McCartney III“ von 2020. Co-Produzent Andrew Watt, der sich in diesem Jahrzehnt durch seine Arbeit mit den Stones und Ozzy Osbourne zum wichtigsten Vertrauten des Classic Rock gemausert hat, steuert hier und da Synthesizer und Gitarren bei. Vor allem aber ist er klug genug, sich aus dem Weg zu räumen und einen der natürlich begabtesten Musiker der Geschichte sein Ding machen zu lassen. Das ist eine wohltuende Abkehr von den Bemühungen der 2010er-Jahre wie „New“ und „Egypt Station“, bei denen McCartney mehrere popaffine Kollaborateure ins Boot holte – mit wechselndem Erfolg. Er scheint begriffen zu haben, was wir uns von einem neuen Soloalbum in dieser Phase seiner Karriere wirklich wünschen: mehr McCartney.
„The Boys of Dungeon Lane“ schließt mit zwei thematisch verbundenen Songs über Elternschaft unter schwierigen Umständen. „Salesman Saint“ beschwört seinen leiblichen Vater und seine Mutter, Jim und Mary, und ihre Entscheidung, im kriegsgebeutelten England eine Familie zu gründen: „They couldn’t take anymore, but they had to carry on“, singt er. „So they learned to carry on, with laughter and a song.“ Noch beeindruckender ist „Momma Gets By“, in dem er sich ein Paar vorstellt, dessen Leben nach außen hin wie pures Elend wirken mag, das sich aber dennoch liebt.
Sie ist eine berufstätige Mutter, vielleicht eine Bekannte jener Frauen, über die er in „Lady Madonna“ und „Another Day“ schrieb; ihr Mann ist zu sehr damit beschäftigt, sich zu betäuben, um ihr zur Hand zu gehen. „Even though he’s complicated, she takes it in her stride“, singt McCartney. „What are his silly faults compared to what she feels inside?“ Seine Stimme streckt sich leicht, um die hohe Note zu erreichen. Dann setzt ein Holzbläser-Part ein, leicht und luftig – und mit ihm ein überwältigendes Gefühl von Gnade.