Pearl-Jam-Produzent Brendan O’Brien im Interview: ‚Wir halten den Mund, und die Songs diktieren uns‘


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Pearl Jam haben in ihrer zwei Jahrzehnte langen Karriere mit einer handvoll Produzenten gearbeitet. Aber immer wieder sind sie zu Brendan O’Brien zurück gekehrt. Das erste Mal arbeitete O’Brien mit der Band 1993 auf „Vs.“ Zusammen. Seit dem hat er fast alles produziert, von „Vitalogy“ über „Yield“ bis zu ihrer 2009er-LP „Backspacer“. Für ihr im Oktober erscheinendes, zehntes Album „Lightning Bolt“ gingen Pearl Jam wieder mit Brendan O’Brian ins Studio.

Die Kollegen vom US-ROLLING-STONE haben mit ihm darüber gesprochen, wie man mit Pearl Jam ein Album macht, wie die Band funktioniert und ob die Solo-Projekte der Gruppe schaden.

Wie kam das neue Album zustande?
Die Saat für das Album entstand tatsächlich bereits, als wir das letzte Album, Backspacer, aufnahmen. Alle waren so froh darüber, wie das geklappt hat. Die Idee war, noch ein Album auf die gleiche Weise aufzunehmen, sich in Seattle zu treffen, die Songs auszuarbeiten und sie in Los Angeles, im Henson Studio, in dem ich arbeite, zu produzieren.

Wir haben vor eineinhalb Jahren damit angefangen, vielleicht sogar früher. Wir haben sechs oder sieben Songs fertiggemacht. Ich sagte: ‚Lasst uns diese Songs aufnehmen, lasst uns sie gut machen und uns damit Schwung für den Rest des Albums holen. Wir wollten dann sofort weitermachen und den Rest aufnehmen.’ Aber das hat nicht geklappt. Ich haben sie eineinhalb Jahre oder so nicht ins Studio gekriegt.

Warum?
(Lacht) Bei denen war viel los. Ich glaube, sie waren noch nicht bereit dafür, das Ganze aufzunehmen. Wenn sie einmal eine Aufnahme fertig haben, wissen sie, dass sie jetzt das ganze Ding fertig machen müssen. Sie waren für all das einfach noch nicht bereit. Sie hatten alle verschiedene Solo-Projekte am laufen.

Vor ungefähr fünf Monaten haben wir dann wieder angefangen. Wir hatten schon eine Gruppe Songs, mit denen haben wir dann weiter gemacht. Wir verfügten ja schon über Lieder aus der ersten Session und wollten, das die neuen Songs mindestens genauso gut werden.

Glaubst du die Songs haben von der Pause profitiert, weil die Band frische Ideen hatte?
Ich weiß nicht wie es gewesen wäre, wenn wir sofort weitergemacht hätten, aber ich weiß, dass die Songs vorher einfach noch nicht da waren. Wir mussten eben auf die Lieder warten. Es hat jedenfalls super funktioniert, ich kann mich nicht beschweren.

Wie funktioniert der Aufnahme-Prozess bei Pearl Jam?
Zu diesem Zeitpunkt arbeiten die Jungs meistens erst allein an ihren Sachen und machen sie dann als Gruppe fertig. So war es auch bei den letzten paar Alben, bei denen ich dabei war. Jeder hat sein eigenes Equipment und ein kleines Studio. Naja, Stone [Gossard] hat ein richtiges Studio. Sie können alle zu Hause Demos aufnehmen. Damals, bei Vs. und Vitalogy, haben sich alle noch in einem Raum zum Jammen getroffen. Jetzt baut jeder seine eigenen Songs und sie machen sie als Band fertig.

Wie unterscheidet sich der Sound des aktuellen Albums von älteren?
In solchen Fragen bin ich wirklich schlecht. Wir denken über so etwas nicht viel nach. Wir halten den Mund, und die Songs diktieren uns, wie sie klingen. So habe ich immer Alben produziert.

Aber es gibt ein paar längere Tracks. Bei Backspacer hat mir gefallen, dass alle Lieder ziemlich kurz waren. Ich weiß nicht, ob das Wort „Tiefe“ es treffend beschreibt, aber manche der neuen Songs nehmen einen wirklich mit.

Der Song „Sirens“ beispielsweise ist fünf Minuten lang. Es ist meiner Meinung nach einer der besten Songs auf dem Album. Auch der Song „Infallible“, zumindest glaube ich, das er so heißt, ist sehr weit in dieser Richtung entwickelt.

Wie sah ein typischer Produktionstag bei „Lightning Bolt“ aus?
Well, es gibt zwei verschiedene Arten von Produktionstagen. Die einen sind Aufnahme-Sessions, bei denen sie alle zusammen in einem Raum sind. Dabei spielen dann alle gleichzeitig. Ich glaube, das ist wichtig für uns, auch für Eddies Gesang. Ich muss auch alle zusammen hören, um zu wissen, ob die einzelnen Teile in Ordnung sind und ob die Tonlage und das Tempo stimmt und so.

Oder wir hören uns alle zusammen das Demo an, das jemand aufgenommen hat. Dann arbeiten wir an dem Arrangement, das für die Band am besten funktioniert. Wir arbeiten so nacheinander die Songs ab.

Bist du der Mediator der Band?
Manchmal ist es die Aufgabe des Produzenten, das Gewissen der Band zu sein, die Stimme, die sagt: „Das funktioniert, lasst es uns versuchen.“ So etwas sage ich dann laut: „Hey, lasst uns dass wirklich mal versuchen. Ich verspreche euch, wenn es nicht funktioniert hören wir damit auf und machen etwas anderes.“

Wenn ich denke, dass etwas mehr Aufmerksamkeit verdient, sage ich das. Und meistens machen sie das dann auch. Manchmal sagen sie aber auch „Ok, wir haben es probiert. Lass uns jetzt etwas anderes machen.“

Seid ihr eine demokratische Band?
Manchmal sind wir sehr demokratisch. Manchmal übernimmt aber auch einfach einer von uns, und dann ist es sein Moment. Sie sind gut darin, solche Momente zu erkennen. Wenn Eddie einen Song hat, der ihn bewegt, werden wir ihn wahrscheinlich machen.

Was hältst du davon, dass die Jungs sich so sehr mit ihren Solo-Projekten beschäftigen?
Ehrlich gesagt wäre es mir lieb gewesen, wenn wir früher wieder zusammen gekommen wären als eineinhalb Jahre nach der ersten Session. Andererseits, einer der Gründe warum sie schon so lange eine Band sind und zusammen spielen, ist, dass sie eben einen Weg gefunden haben, wie das funktioniert. Dafür bin ich wirklich nicht zuständig.

Oft fragen mich Leute: „Warum arbeitest du mit ihnen nicht auf diese Art oder jene.“ Aber das liegt nicht in meiner Hand. Ich mache den Plan nicht. Ich passe mich an ihren Plan an.

Aber sie wollen immer wieder mit die zusammenarbeiten, das fühlt sich bestimmt gut an. Sie könnten fast jeden Produzenten in der Welt haben.
Ja, das ist verrückt. Glaub mir, ich nehme das nicht als eine Selbstverständlichkeit hin. Ich arbeite mit ihnen am härtesten, und ich habe ein großartiges Team. Und ich lasse meine besten Leute mit Ihnen zusammenkommen. Nochmal: Für mich ist das keine Selbstverständlichkeit.

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