Phishs neue Sphere-Residency sprengt das (runde) Dach

Phish haben die Sphere in Las Vegas in ein Instrument verwandelt – und beim ersten Wochenende ihrer Residency bewiesen, dass Improvisation auch im größten Saal der Welt funktioniert.

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Es war während „Run Like an Antelope“, als der große Typ im Godsmack-Shirt hinter mir endgültig ausrastete.

Wer in seiner Nähe saß an Nacht drei von Phishs neun Shows, die sie an drei Wochenenden in der Sphere in Las Vegas spielen, hatte die Vorzeichen schon Stunden vorher kommen sehen: Er hatte Phish noch nie live erlebt; ein Freund hatte ihn mitgeschleppt; er stand auf Metal, war aber aufgeschlossen. In der Pause zwischen dem ersten und zweiten Set erzählte er uns, wie beeindruckt er sei, dass er keine Ahnung gehabt habe, was ihn erwarten würde – und wie sehr ihn die Visuals in den Bann gezogen hätten. Die hatten bis dahin einen tiefen Ausflug in die Bandgeschichte geboten, eine Hommage an ihren Lichtdesigner, die der Mann persönlich steuerte, und die Geschichte eines frisch geschlüpften Kükens, das zum Vogel wird und in die Welt hinausfliegt – alle 17.000 Menschen in der Kuppel sahen dabei durch ihre Augen. (Falls das keinen Sinn ergibt: keine Panik, ich komme noch darauf zurück.) Aber dann, während „Antelope“, als Gitarrist Trey Anastasio das Griffbrett hochkletterte und gemeinsam mit seinen Mitstreitern – Keyboarder Page McConnell, Drummer Jon Fishman und Bassist Mike Gordon – fieberhaft einen Höhepunkt aufbaute, fing der Typ einfach an zu schreien. Unkontrolliert.

Ich drehte mich um und sah pure Freude in einem Gesicht, dem ich Stunden zuvor noch gewettet hätte, es gehöre jemandem, der sich auf dem Weg zum WWE-Event die Straße runter verlaufen hatte. Dieser Mann hätte äußerlich kaum weniger mit dem Phish-Klischee aus Peace, Love und Batikfärbung gemeinsam haben können – und doch hüpfte er nun beinahe buchstäblich durch die Gegend. Der Höhepunkt schlug ein, und wie jeder Phish-Fan weiß, drohte der Song kurz zu kollabieren, bevor Anastasio das Chicky-Chicky-Gitarrenriff wieder reinbrachte.

So holt Phish dich

„Rye, rye Rocco“, sagte Anastasio von der Bühne.

„Holy fuck“, hörte ich von hinten.

So passiert das. So kriegen sie dich.

SOLCHE MOMENTE SIND ES, die Phish-Fans süchtig machen und immer wieder zurückbringen – obwohl die Band nach mehr als 40 Jahren Karriere zu den spaltendsten Acts im Rock gehört. Wer Fan ist, bleibt Fan fürs Leben: Jeder absurde Songtext, jeder Tiefseetauchgang in eine Welt voller Begriffe, die Außenstehenden nichts sagen (der Rhombus! Gamehendge! Das Rescue Squad!), jedes unverhoffte Set-Highlight bedeutet einen weiteren Schub des Dopamins, der einen gerade dazu bringt, den Kalender zu checken, ob man es noch zu den nächsten beiden Wochenenden in Vegas schafft. Wer kein Fan ist, hat wahrscheinlich längst aufgehört zu lesen – aber falls doch noch jemand da ist, denkt er vermutlich: „Ist das nicht die Band, die ewig und drei Tage spielt, mit Fans, die nach Patchouli riechen? Ugh!“

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Erstens: In der Sphere war kein Hauch von Patchouli zu riechen. Zweitens: Wer in diese zweite Kategorie fällt, verpasst eine der unvergleichlichsten Geschichten der Rockgeschichte – eine Band in ihrer vierten Dekade, die noch immer so absurd kreativ ist wie in ihren Anfangsjahren und die größte Leinwand der Welt auf Weisen bespielt, für die sie vermutlich nie gedacht war. Die Sphere – die 2,3-Milliarden-Dollar-Kuppel mit 17.000 Plätzen, die sich rasend schnell zum meistdiskutierten Konzertort der Welt entwickelt hat – wurde für Spektakel gebaut. Ihr 160.000 Quadratfuß großer LED-Screen umhüllt das Publikum wie ein digitaler Himmel und kann alles: hyperrealistische Landschaften, totale Sinnesüberwältigung. Ein Ort, an dem jeder Moment perfekt vorprogrammiert sein kann, jeder Einsatz auf einen Click-Track gesperrt, jedes Bild auf die Millisekunde synchronisiert.

Nur: So arbeitet Phish nicht. Während die meisten anderen Acts die Sphere nutzen, um präzise durchgeplante Erlebnisse zu liefern, behandeln Phish sie – jetzt noch mehr als bei ihren vier Shows dort im Jahr 2024 – wie ein weiteres Instrument, das sie biegen, dehnen und gelegentlich brechen können. Statt sich in starre Abläufe einzufügen, haben sie eine Sphere-Show gebaut, die im Kern improvisiert bleibt. Songs dehnten sich aus und zogen sich zusammen. Setlists änderten sich. Und das Bemerkenswerteste: Die Visuals folgten in Echtzeit.

Kuroda und die lebendigen Lichter

Als Madison-Square-Garden-Milliardär James Dolan sich ausmalte, was auf dem Screen seines Hauses leuchten würde, hat er wohl kaum damit gerechnet, dass eines der großartigsten Bilder auf den riesigen LEDs die Nachbildung eines Bühnen-Lichtpults wäre: Wozu die Sphere nutzen, um etwas zu rekonstruieren, das in der realen Welt bereits existiert?

Doch für diese Residency hat Phish genau das mit ihrem legendären Lichtdesigner Chris Kuroda gemacht: Jede Nacht bisher tanzen virtuelle Versionen seiner ikonischen Lichter – die in normalen Venues wie Arenen und Amphitheatern schon für einige der besten Bühnenbilder der Welt gesorgt haben – über den 366 Fuß hohen und 516 Fuß breiten gewölbten Screen. Sie hüpfen, verschieben sich, vervielfältigen sich auf eine Art, die buchstäblich der Schwerkraft trotzt – weil es eben keine Schwerkraft gibt, die sie aufhält. Noch beeindruckender: Kuroda sitzt tatsächlich am Pult und steuert das alles selbst. Keine KI, keine vorgespeicherten Abläufe – nur ein Mensch, der in Echtzeit interaktive, improvisierte Kunst auf einem Gerät erschafft, das dafür nie konzipiert wurde.

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Phishs Hang zu Skurrilem und Surrealem kam auch in diesen Shows nicht zu kurz (eine Band, die gleichermaßen von Rush, den Grateful Dead, den Talking Heads und Frank Zappa beeinflusst wurde, lässt sich schließlich kaum in etwas Gewöhnliches pressen). Die Trilogie der Shows eröffnete mit einer animierten Suite, die zunächst die Scheune in Vermont erkundete, in der die Band bekanntlich den Großteil ihrer Alben aufnimmt, bevor sie in eine Lkw-Fahrt durch Versatzstücke der Bandgeschichte überging – untermalt vom relativ jungen Song „Evolve“. Schließlich fand sich das Publikum in einem animierten „Phish Hotel“ wieder, während „Wolfman’s Brother“ groovte: ein Pool-Frühstücks-Mashup, ein Disco-Aufzug mit einem shredden Anastasio und einer krallenden Katze sowie eine schwerelose Bowlingbahn.

Heiße Hunde im Weltall

Und das alles in den ersten zehn Minuten der ersten Show. Zu den späteren Highlights zählten ein Hotdog-Raumschiff, das durch Sternbilder aus Chicken Nuggets fliegt („2001“, Nacht eins), ein Sturm aus Dixi-Klos, der durch Nachbildungen des Eiffelturms und des Arc de Triomphe fegt („Free“, Nacht zwei), und das bereits erwähnte Vogelleben zu „Sigma Oasis“ in Nacht drei – ein donnernder Song mit dem Refrain „You’re already there“, der noch berührender wird, wenn man dabei über atemberaubende Berglandschaften gleitet, mit dem Wind rast und dem Tod ein Lächeln zuwirft.

AUSSERHALB DER SPHERE blieb das Ökosystem rund um Phish erwartungsgemäß intakt. Hartgesottene Fans bevölkerten die von Fans betriebene „Shakedown Street“ tagsüber (wo Händler im Tuscany Hotel T-Shirts und Devotionalien mit Phish-Wortspielen verkaufen) sowie die Fankunstausstellung im Brooklyn Bowl. Diese Leute dürften das Wochenende wohl am begeistertsten verlassen haben wegen der Visuals zu „Colonel Forbin’s Ascent“ > „Fly Famous Mockingbird“ – einige der meistgeliebten Figuren der Phish-Welt als leuchtend bunte Tanzanimationen.

Doch die wirklich verbindenden Momente brauchten nicht immer die aufwendigsten Bilder. „Waste“ wurde von einem Neonwald begleitet, der schon bei der ersten Sphere-Residency der Band zu sehen war; das Visual war so schlicht wie der Refrain des Songs – „Come waste your time with me“ – und traf genauso direkt ins Herz. Ein spontaner Moment in Nacht drei, als die Band Eagles-Gitarrist Joe Walsh im Publikum entdeckte, führte zur Blitzentscheidung, Walshs James-Gang-Klassiker „Walk Away“ zu covern – mit einem kaleidoskopischen Blick auf die Bandmitglieder auf dem Screen, ein seltener Einsatz von Live-Videomontage statt hirnschmelzender Animationen. Und in Nacht zwei eröffnete die Band ihre Zugabe mit der Phish-Premiere von „Brief Time“, einem Anastasio-Solosong, der alle Phish-Klischees über Bord wirft: In schlichten, nicht-jammigen, bilderlosen zwei Minuten sang Anastasio eindringlich über die Wahrheiten des Lebens: „It’s such a beautiful world, and such a brief time.“

Für alle im Saal war das eine gewichtigere Aussage, als sie klingt: das Eingeständnis, dass die Fähigkeit, Schönheit zu schaffen, nie versiegt – und dass es eine Entscheidung ist, die man treffen kann, auch noch nach 40 Jahren, in der kurzen Zeit, die man hat.

Holy fuck

Holy fuck.

Setlists (via Phish.net):

16. April
Set One:
„Evolve“
„Wolfman’s Brother“
„Foam“
„Theme From the Bottom“
„Rift“
„Scents and Subtle Sounds“ > „Steam“
„Split Open and Melt“

Set Two:
„Everything’s Right“
„Down With Disease“
„Twenty Years Later“
„Gotta Jibboo“
„Lifeboy“
„You Enjoy Myself“ > „Also Sprach Zarathustra“

Encore:
„Space Oddity“
„Harry Hood“

17. April
Set One:
„Free“
„Birds of a Feather“
„Martian Monster“
„Guelah Papyrus“
„Divided Sky“
„Hey Stranger“
„Mull“
„Limb by Limb“
„Suzy Greenberg“

Set Two:
„No Men in No Man’s Land“ > „Light“
„Joy“
„Mike’s Song“ > „I Am Hydrogen“ > „Weekapaug Groove“
„Beneath a Sea of Stars Part 1“ > „Most Events Aren’t Planned“

Encore:
„Brief Time“
„Carini“

18. April
Set One:
„Buried Alive“
„AC/DC Bag“
„Reba“
„Colonel Forbin’s Ascent“ > „Fly Famous Mockingbird“
„Sigma Oasis“
„Walk Away“
„Bathtub Gin“

Set Two:
„Oblivion“
„Simple“
„Tweezer“
„Waste“
„Twist“
„Run Like an Antelope“

Encore:
„I Am the Walrus“
„Tweezer Reprise“

Jeff Miller schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil