Popschweine! Friendly Fires im Interview. Tickets gewinnen!


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In diesem Jahr finden die Festivals Hurricane und Southside am Wochenende vom 17. bis zum 19. Juni statt – präsentiert vom ROLLING STONE. Seit heute gibt es den Timetable beider Festivals auf den jeweiligen Websites. Wir stellen jede Woche in aller Ausführlichkeit einen Act des Line-ups vor – die großen ebenso wie die kleinen. Heute sprechen wir mit den Friendly Fires aus dem britischen St Albans. Dazu verlosen wir gemeinsam mit Festivalsponsor Telekom zwei Tickets inklusive Begehung des FOH-Towers für das Hurricane.

Wer mitmachen will, der schicke uns eine Mail an verlosung@www.rollingstone. Unsere Glücksfee wird den Gewinner dann zeitnah anschreiben. Wie auch schon in den letzten Jahren wird die Telekom auf dem Hurricane, Southside, Highfield und Area 4 wieder mit eigener Chill-Out-Area auf dem Festivalgelände vertreten sein, wo man z. B. sein Handy aufladen oder kickern kann. Außerdem gibt es vor Ort die Möglichkeit, Plätze in der Telekom-Lounge auf dem FOH-Tower zu gewinnen. Alle Infos zu den Aktivitäten finden sich auf www.telekom.de/young oder www.telekom.de/festivals.

Die Friendly Fires sind eine fulminante Live-Band. Das gilt vor allem für ihre Kernbesetzung. Sänger und Gelegenheitskeyboarder Ed Macfarlane ist ein schwitzender Derwisch, der mit seinem Tanzstil widerlegt, was uns US HipHop-Video weiß machen wollen: Booty Shakin‘ ist mitnichten nur Frauensache. Edd Gibsons Gitarrenspiel kann funkiges Gegniedel ebenso wie das Zwei-Akkorde-Für-Ein-Hallelujah-Riff für einen lupenreinen Poprefrain. Und Drummer Jack Savidge hält den gesamten Laden praktisch in Bewegung – mit einem Drumspiel, das mal elektronische Beats nachklöppelt um dann wieder in schweißtreibende Percussions-Orgien auszubrechen, bei denen man manchmal gar nicht mehr weiß, ob er noch auf seinem Drumkit trommelt oder auch andere Gerätschaften in seiner Nähe bespielt. Man kann nur hoffen, dass die Friendly Fires, die vor wenigen Tagen ihren Zweitling „Pala“ (hier geht’s zur Review mit Albenstream) veröffentlichten, bei den Festivalshows den schleimigen Saxophonisten ausladen, der ihren letzten Berlin-Gig stellenweise unerträglich machte.

Friendly Fires – True Love (Pala) from António Gonçalves on Vimeo.

Wir sprachen vor ebendiesem Gig bei einem gepflegten mittäglichem Bier mit Ed Macfarlane und Edd Gibson – und hörten von der Band selbst, was wir schon vorher vermuteten: Die Friendly Fires sehen sich selbst als Popschweine und lieben es eben auch mal cheesy. Da kann man dann schon mal einen East 17-Refrain bringen, wie in „Show Me The Lights“, wenn der Rest des Songs einem Flying Lotus-Beat nacheifert.

Ihr habt kürzlich bei Jimmy Fallon gespielt. Wie war’s?
Ed Macfarlane: Dafür, dass wir hyper-aufgeregt waren und „Live Those Days Tonight“ zum ersten Mal live gespielt haben, lief es super. Ich habe aber praktisch null Erinnerung an den Auftritt. Es ist seltsam, wenn man sich nun das Footage anschaut und denkt: Sind wir das???
Edd Gibson: Es war immerhin das größte Publikum, vor dem wir jemals gespielt haben, wenn man die Fernsehzuschauer mitrechnet. Das durfte man bloß nicht während des Konzerts tun – es hätte einem sonst das Hirn verdreht.

Ihr nehmt eure Alben in einer Garage auf – das hört man nun wirklich nicht raus aus diesem Hochglanzpop. Was ist der Trick?
Macfarlane: Ganz einfach – das richtige Equipment. Wir haben ein wenig aufgerüstet. Wir nehmen alles einzeln auf, haben selbst für die Snare eigene Mikros – und dann samplen wir alles im Laptop. Ungefähr so wie elektronische Produzenten arbeiten. Die es ja auch immer schaffen, ihre Schlafzimmer nach Studio klingen zu lassen.

Für mich klingt das neue Album „Pala“ viel poppiger als euer Debüt. War das Intention?
Macfarlane: Das kann schon sein. Für uns selbst ist „Pala“ so was wie das eigentliche Debüt, weil wir alle dachten, so sollten die Friendly Fires klingen. Wir haben uns bewusst vom DFA-inspirierten Funk-Punk unseres ersten Albums entfernt. „Pala“ ist poppig, episch, triumphierend – all das, was wir mit den Friendly Fires verbinden.

Es gibt ja noch diese alte Diskussion: Ihr habt diesen integren, DIY-, Indie-Background – und wenn man dann anfängt, offensiv poppige Musik zu spielen, die es einem leicht macht, gepackt zu werden, dann schreit ja immer einer auf, dass man sich verkauft und es den Hörern zu leicht macht, weil man auch das Mainstream-Volk abgreifen will. Ist euch das mit „Pala“ schon mal passiert?
Macfarlane: Ach, das ist doch diese langweilige Indie-Attitüde, dass Musik, die leichter zugänglicher ist, immer gleich auch künstlerisch minderwertiger eingestuft wird. Das ist Bullshit. Es ist viel schwieriger, gute Musik zu schreiben, die uplifting, clever und eingängig ist. Das zu probieren, ist viel mutiger: Bei einer Popmelodie ist die Grenze zwischen catchy und cheesy – und damit auch: scheiße – sehr fein. Und sich trotzdem an einer solchen Melodie zu versuchen, und nicht auf die nostalgische Play-It-Safe-Schiene zu setzen, die einige INDIE-Bands immer fahren – DAS erfordert Rückgrat.

Schön gesagt, mit der Grenze zwischen catchy und cheesy. Ich finde, auf eurem Album gibt es einige Momente, bei denen ich nicht weiß, welches von beiden Worten da passt – vermutlich weil sie so haarscharf auf der Grenze tänzeln. „Show Me Life“ ist so eine Nummer – ich mag den Song, aber er erinnert mich ständig dran, wie ich vor Jahren besoffen zu einem East 17-Song mitgröhlte… Seht ihr diese, ich sage mal, knappen Momente auch? Diskutiert ihr darüber?
Gibson: Ja, genau er Song beschäftigte uns eine Weile. Andererseits muss man da ja auch konsequent sein. Wenn wir allen erzählen, dass wir eine Pop-Band sein wollen, dann dürfen wir vor so was auch nicht zurück schrecken.
Macfarlane: Interessant ist dabei ja, dass der Song selbst von einem Flying Lotus-Track inspiriert ist und recht ungewöhnliche Sounds aufbringt: rückwärts abgespielte, erst runtergepitchte und dann wieder beschleunigte Gitarrenparts und ziemlich nerdige, analoge Synthie-Sounds aus alten KORG-Geräten. Genau diese Mischung wollten wir: interessante, detailreiche, arty Musik und dazu einen Boy-Band-Style-Refrain, der den Song völlig transformiert.

Also lag ich nicht so falsch mit dem Boy-Band-Einfluss…
Macfarlane: Auf keinen Fall! Genau das wollten wir. Man muss auch mal Popschwein sein! Wobei ich die Inspiration eher in der ‚N Sync-Spät- oder der Justin Timberlake-Frühphase sehen würde.
Gibson: Der Refrain wird natürlich DAS bleiben, was alle sofort auf- oder angreifen. Aber wer genauer schaut, wird mit vielen kleinen Details belohnt.
Macfarlane: Wer nicht an diesem massigen Poprefrain vorbeiblicken kann, der kann meiner Meinung nach kein Interesse an Popmusik haben. Genau das war doch schon immer ihre Faszination. Wer die nicht findet, der soll ruhig weiter blasierten Prog- oder „intelligenten“ Mucker-Rock hören… Dass unsere Songs sehr catchy sind, ist zudem unsere große Stärke, wenn wir zum Beispiel auf Festivals spielen und uns nicht jeder im Publikum kennt.

Gutes Stichwort: Ihr spielt auf dem Hurricane und Southside in diesem Jahr – zum wiederholten Mal. Habt ihr Erinnerungen an den letzten Besuch dort?
Macfarlane: Ich habe eine sehr lustige Erinnerung. Unser Drummer Jack und ich haben uns Disturbed angeschaut – und sie waren genau das, was ich immer dachte: die beschissenste Metalband, die ich je gesehen habe. Wir standen hinten und lästerten die ganze Zeit. Und plötzlich kam da so ein Punk-Mädel an, drohte ganz kindisch mit der Faust und sagte: „Don’t diss Disturbed!“ Den Spruch werde ich nie vergessen…

Friendly Fires ‚Skeleton Boy‘ by Clemens Habicht from Nexus Productions on Vimeo.

Seid ihr denn mehr Backstage-Hänger oder schaut ihr euch das Festival an?
Macfarlane: Kommt auf den Backstage-Bereich an. Auf dem Reading ist es fürchterlich. Da hängen einem nur Z-Promis und NME-Gewinner an den Hacken.

Ich weiß, ich hab da mal ein paar Jahre in der VIP-Bar gearbeitet…
Macfarlane: Ach du scheiße, dann weißt du ja, was ich meine…
Gibson: Wir schauen uns auf Festivals meist die Bands an, die man eben nicht alle Nase lang sieht. So was wie Liquid Liquid oder The Fall lässt man sich eben nicht entgehen. Oder so was Schräges wie eben Disturbed oder Pink auf dem Isle Of Wight-Festival, wo sie aus einer Kanone stieg…

Letzte Frage: Gibt es eine neue Band, die noch nicht jeder auf dem Zettel hat, die man sich aber unbedingt anhören sollte?
Macfarlane: Auf dem SXSW-Festival hatten wir unsere eigene Party und wir konnten das Line-up für den Abend zusammenstellen. Als letzte Band, also nach uns, spielte Big Freedia. Diese Show ist unfassbar – da sind immer zig Tänzer auf der Bühne, die praktisch die ganze Zeit ihre Ärsche schütteln. Das mach ich zwar auch, aber im Vergleich zu denen, sieht das bei mir ziemlich arm aus.
Gibson: Als wir den Abend zusammenstellten, merkten wir gleich: Big Freedia muss zum Schluss spielen. Man kann nicht größer werden, als eine Big Freedia-Show…

Big Freedia – „Y’all Get Back Now“ from stereogum on Vimeo.