Prozess-Auftakt: R. Kelly – Ein Weinstein der Musikszene


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Die Prozessakten liegen auf dem Tisch, die Auswahl der Geschworenen läuft. Die Ankläger in New York werfen dem Sänger „eine jahrzehntelange Jagd auf junge Frauen und Mädchen vor, um Sex zu erzwingen“ vor. In der Anlageschrift wird Robert Sylvester „R.“ Kelly („I Believe I Can Fly“) Erpressung und sexuelle Ausbeutung von mindestens fünf Opfern vorgeworfen, die unter dem Kürzel „Jane Doe“ anonymisiert worden sind. Dazu gehört auch der Staatsgrenzen überschreitende Transport von Frauen und Mädchen, mit dem Ziel illegale sexuelle Aktivitäten auszuüben, wie es formell heißt.

Auch der Fall der 2001 bei einem Flugzeugabsturz verstorbenen Rapperin Aaliyah wird somit neu aufgerollt. Kelly hatte sie einst protegiert und ihre Songs produziert, mit heute makaber wirkenden Titeln wie „Age Ain’t Nothing But A Number“. 1994 hatte Kelly sie als 15-jährige geheiratet. Diese Ehe wurde ein Jahr später annulliert; weitgehend folgenlos. Bereits Ende der Neunziger häuften sich diverse Anklagen gegen Kelly wegen Vergewaltigung Minderjähriger.

US-Medien diagnostizieren nun einen weiteren Wendepunkt der Ära „Me Too“, nach der Verurteilung des Filmmoguls Harvey Weinstein, der 2019 zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Diesmal im Musikgeschäft. In den Worten der Staatsanwaltschaft liest sich das so: „Diese Anklageschrift macht deutlich, dass Ruhm und Macht niemanden vor strafrechtlicher Verfolgung bewahren. Insbesondere keine Raubtiere, die schutzbedürftige Mitglieder unserer Gemeinschaft zu ihrer eigenen sexuellen Befriedigung schikanieren.“

Das Magazin „CUT“ verweist indes auf den US-Autor Jim DeRogatis, der in seinem Buch „Soulless“ gar 48 weibliche Opfer von Kelly nennt. Hunderte Mitarbeiter und Kollegen hätten davon gewusst, so der Musikkritiker. Dieser Mangel an Empathie und Moral sei fast so widerlich wie die Taten selbst. Im Falle einer Verurteilung droht Kelly, 54, eine mindestens 20-jährige Haftstrafe.