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Spontan rockt noch mehr – Eindrücke vom Pure&Crafted mit Altın Gün, Nothing But Thieves und Co.


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Nun gut, das bisschen Regen soll die Festivallaune nach den letzten Tagen Sommerhitze wirklich nicht trüben: Das Pure&Crafted Festival im Sommergarten der Messe Berlin zeigt sich nämlich trotz fehlender Unterstützung von oben von seiner schönsten Seite. Das wissen die Motorrad- und Musikfans, die ab 13 Uhr auf das Gelände strömen, auch zu schätzen.

Denn es gibt mit ausgestellten BMW-Maschinen, Ständen, Food Trucks, einem Kino und drei Bühnen viel zu gucken. Und regelmäßig knattert es im Motodrom, dass sich die Planken biegen: Beim spektakulären Steilwandfahren geben sich drei schick gekleidete Herren die Ehre. Echte Daredevils, wie man sie heute nicht mehr oft sieht: Sie drehen Runde um Runde in einem Fass, führen dabei Tricks auf und verzichten dabei auf Helm und Schutzausrüstung – ein Entertainment aus früheren Zeiten, das auch heute noch für spontane Adrenalinschübe sorgt.

Spontan dabei: St. Beaufort

Für die Folk- und Americana-Band St. Beaufort ist ihr Gig im Marshall-Haus ein ganz besonderer: Sie haben sich spontan bereiterklärt, für Big Joanie einzuspringen, die aufgrund eines positiven Corona-Tests ihren Auftritt absagen mussten. Als Berliner hatten sie es glücklicherweise nicht weit. Die Tagesdosis Endorphine nach dem Spontan-Booking ist auch bei der energetischen Performance auf der kleinen Hallenbühne noch deutlich zu spüren und steht den früheren Main-Stage-Shows von The Vaccines und Schimmerling in nichts nach.

Yola ist eine Storytellerin, wie sie sich jedes Festival nur wünschen kann. Unbeschwert legt die Britin gleich zu Beginn ihrer Show ihre sexpositive Attitude offen und erzählt anekdotisch von ihren Erfahrungen in den USA und dem „big orange problem“. Die Bühnenerfahrung, die sie einst als Backgroundsängerin mit The Chemical Brothers, Iggy Azalea und Massive Attack sammelte, nutzt sie heute für ihr groovendes Solo-Set, das ein beachtliches Publikum vor die Hauptbühne zieht – insbesondere zur Elton-John-Hommage mit „Goodbye Yellow Brick Road“.

„Where Is My Mind?“ – heute von Nothing But Thieves

Es hat natürlich bereits die Runde gemacht: Aufgrund eines Covid-19-Falls innerhalb der Band mussten auch die geplanten Headliner ihre Show kurzfristig ausfallen lassen. Nothing But Thieves outen sich aus gegebenem Anlass als riesige Pixies-Fans – Conor Mason hat sich sogar extra ein Pixies-Shirt besorgt und gemeinsam haben sie ein paar Minuten zuvor noch backstage gejammt, um auch die Festivalgäste zu trösten. So schallt dann doch noch „Where Is My Mind?“ über die Wiese des Sommergartens, was mit lautem Beifall belohnt wird. Nicht minder überzeugend sind die eigenen Songs – das rockige „Futureproof“ gleich zu Beginn sowie die Hits „Trip Switch“, „Amsterdam“ und „Impossible“ zeigen die kraftvolle und melodische Range der Briten.

Altın Gün sind Headliner – und das völlig zurecht

Wahrlich eine musikalische Offenbarung dürfte für viele Zuschauer jedoch der finale Act des Festivaltags sein: Die zu Headlinern hochgestuften Altın Gün vereinen psychedelische Sounds, Funk mit traditionellen türkischen Hits und Melodien in einem nun anderthalbstündigen Set. Im Mittelpunkt stehen dabei die elektrische Saz, die durch Wah-Wah-Sound zum echten Live-Kracher wird. Die völlig neu interpretierten All-Time-Favourites, die wohl jeder Türkischstämmige in- und auswendig kennt, sind weit entfernt davon, einfach nur Coversongs zu sein – das beweisen Altın Gün unter anderem mit ihren Hits „Goca Dünya“ (zu deutsch: „große Welt“) und „Yüce Dağ Başında“ („Auf dem hohen Berg“) sowie mit Songs wie „Leylim Ley“, die Lust aufs kommende Album machen. So kommt am Ende des Sets berauscht die Frage auf: Warum nicht mehr davon auch auf anderen Festivals? Wir sind ready.