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Arcade Fire live in Berlin: Ihr könnt tanzen, wenn ihr wollt



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Da, der blinde Orpheus! Win Butler, der an diesem Abend schon alle möglichen Masken aufgesetzt hatte – nach dem Konzert sah man im gar mit „Star Wars“-Kappe im immer leerer werdenden Zuschauerraum tanzen –, verdeckte seine Augen mit einer Binde. Die er aber schnell wieder abnahm, als die ersten Takte von „It’s Never Over (Hey Orpheus)“ einsetzten. Masken gehen immer, nur blind singen geht halt doch nicht.

Und was für eine Maskerade im Publikum zu sehen war. Vorab baten Arcade Fire, man möge zum Konzert im Berliner Astra bitte in Abendgarderobe oder kostümiert erscheinen; es gab sogar Gerüchte, ohne Schminke würde einem der Einlass verweigert werden (eine Horror-Vorstellung für jeden Journalisten, der so gerne vorgibt mit jeder Aufmachung in jedes Konzert zu gelangen, schließlich sei er ja „rein beruflich“ unterwegs). Und so erblickte man unter den Zuschauern venezianische Masken, auch den Occupy-Look, aber ebenso die typischen Binden um Auge und Mund, wie man sie von Kreuzberger Autonomen erwartet, die wenige Minuten zuvor noch vor dem Astra ihr Astra getrunken hatten. Ein wenig erinnerte einen der Kostümball auch an Lady Gaga und ihre Little Monsters. Wenn man sich eigentlich zu alt fühlt für sowas, aber sich eben verkleiden muss, entwickelt man wieder ein Gefühl dafür, wie Teenager sich über ihre Optik mit Stars identifizieren. Man lässt sich außerdem treiben.

Arcade Fire wiederum haben ihren Wald-und-Wiesen-Look von „The Suburbs“ (2010) gegen Discokugel, weiße Anzüge und Leder-Applikationen eingetauscht. Augenbinde bei Win Butler also ab, und, keine Sorge, Wortspiele á la „die Band bewies daher Weitsicht“ wird es hier nicht geben. So oder so zeigten Arcade Fire bei ihrem Auftritt, welche Weltklasse sie als Live-Band immer noch ausspielen können. Nach den ersten zwei Songs, „Reflektor“ und „Flashbulb Eyes“, war der Abend eigentlich schon gewonnen. Die erste spektakuläre Idee bot dann Stück Nummer drei, „Neighborhood #3 (Power Out)“. Der Song des Debüts „Funeral“ (2004) ist eigentlich eine eher durchschnittliche Grunge-Nummer; die Band ließ nun den Voodoo-Dub von „Flashbulb Eyes“ einfach in dieses Stück hinüberfließen – Regine Chassagne spielte die Melodie der Rhythmusgitarre auf der Steel Drum nach. Hier war er wieder, einer dieser großen Arcade-Fire-Momente: Man glaubt, dass die acht Musiker Klänge bezwingen können, dass jeder geschlagene Ton sich unterordnen muss, mit jedem Instrument geht alles.

Dabei hätte auch alles anders kommen können. Das aktuelle „Reflektor“-Album ist nicht ihr bestes geworden; die Stücke sind zu lang, manches eiert, Chassagnes französische Reime kommen halt auch immer dann, wenn in den Songs Lücken entstehen. Und die Dance-Produktion des Titelstücks mit seinem „Hoppla, jetzt komm ich“-Arrangement aus der Ära früher Maxi-Singles (erst führen wir den Bass ein, dann die Congas, jetzt kommt das Saxofon usw.) wirkt aufgesetzt. Die Band nahm die Platte ja unter anderem auch mit James Murphy auf, den man in Amerika so verehrt, als wäre er ein progressiver europäischer DJ, der im Berlin der Nachwendezeit als erster die Kelleräume des „Tresor“ aufschloss. Für seine neue Disco-Stimme legte Win Butler sich zudem ein Markenzeichen der Achtziger zu: das lang gezogene, gehauchte „Ahhhhhhhhh!“, das immer dann aus einem rausbricht, wenn man im Sommer eine wohlschmeckende Liter-Flasche Fanta ext. Mit seinem Vollpension-Hit „Club Tropicana“ meldete George Michael 1983 für das Fanta-Ahhhhh Patent an, und Win Butler hat für seine Studio-Version von „Reflektor“ mindestens zehn Flaschen Fanta geext. 

Live jedoch machen Arcade Fire den Unterschied, denn für Fanta-Sounds hat Butler auf der Bühne keinen Atem. „Reflektor“ wird so zum Winner, und die auf Platte schon verhältnismäßig lauten Songs „We Exist“ und „You Already Know“ werden live überzeugend runtergerockt und stehen den frühen Wut-Liedern nun in nichts mehr nach. Herausragend auch „Here Comes The Night Time“, dessen wahnwitzige Tempodrosselung auf Platte schon so klang wie Ekstase und Ernüchterung in Millisekunden – so, als kippe man einem Besoffenen einen Eimer kaltes Wasser auf den Kopf. In der Live-Version feiern die Musiker das Stück wie eine New-Orleans-Parade, langsam, mit breiter Brust und im Wissen, dass sie live vielleicht noch nie einen besseren Song gespielt haben. Und erst dann wird einem klar, dass auf der Bühne sogar Geigen zu hören waren, so wie früher. Und doch wie für die Disko, wie für Arcade Fire 2013, gemacht. „We’re so connected, but are we even friends?“ singt Butler, eine Anspielung auf den fraglichen Wert von Freundschaften in sozialen Netzwerken. Nach Ende der Clubtour, hier tritt die Band vor etwas mehr als tausend Leuten auf, wird er vielleicht wissen, wie nahe er seinen Fans noch kommen will.

Auf jeden Fall kriegte der arme Butler dann doch irgendwann Durst und ließ sich aus dem Publikum ein Bier reichen. Er kommentierte das mit dem Klassiker-Spruch nord-amerikanischer Musiker, die sich auf Tour in Deutschland vor allem auf einheimischen Alkohol freuen: „Ah, The King of Beers!“. Ah! immerhin, kein Ahhhhhhhhhhh! Und wenig später verlässt die Band die Bühne, um sich auf die Zugaben vorzubereiten.

Das erste der zwei abschließenden Lieder gehört Regine Chassagne. Der größte heutige Kritiker-Vorwurf gegenüber Arcade Fire lautet ja, dass die Band mit den Jahren „Spontanität eingebüßt“ hätte, und das Zusammenspiel des Ensembles, wer wann wo auf der Bühne steht, „nur noch wie einstudiert“ wirkt. Also so, wie andere große Künstler das machen: Wenn Martin Gore singt, verlässt Dave Gahan die Bühne um sich backstage abzutrocknen. Das ist bei Arcade Fire natürlich Quatsch, und wenn Chassagne vorne steht um „Haiti“ zu singen, ist das Rampenlicht ihr gutes Recht. Win Butler bearbeitet hinten derweil ja ein anderes Instrument. Außerdem macht niemand anderes diese Migräne-Pose so schön wie Chassagne: Augen zu, Handrücken an die Stirn rechts, Kopf geht in die andere Richtung. Weltschmerz.

Es ist das Ende des Konzerts, und wenn Richard Reed Parry, der beeindruckendste der sechs unbekannten Musiker von Arcade Fire, sich die Trommel umschnallt (was immer noch so herrlich aussieht: Er wirkt wie ein französischer Tambourmajor, der aus dem Schützengraben steigt um mit der Trommel seine Mitstreiter zum letzten Gefecht zu motivieren), wissen Fans natürlich, welche Stunde geschlagen hat: Tausende Leute singen wenig später den vielleicht bekanntesten wortlosen Refrain der Nullerjahre, „Wake Up“.

„You Can Dance If You Want To“, mit diesem Worten verabschiedet Win Butler das Publikum. Noch Stunden später fragt man sich, woher dieses Song-Zitat stammt, irgendwann landet man bei einem Prince-Lied von 1992. Kann aber auch etwas Anderes gewesen sein. So genau möchte man der Sache nicht auf den Grund gehen, die magischen Momente zu erhalten ist auch viel schöner.

Setlist:

Reflektor, Flashbulb Eyes, Neighborhood #3 (Power Out), Joan of Arc, You Already Know, We Exist, It’s Never Over (Oh Orpheus), Afterlife, Sprawl II (Mountains Beyond Mountains), Normal Person, Uncontrollable Urge (DEVO-Cover), Here Comes the Night Time

Zugaben:

Haïti, Wake Up


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