Beck Modern Guilt



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Die Rolle des Produzenten in der Popmusik wird oft hemmungslos überschätzt. Manche Bands reden von ihren künstlerischen Betreuern bisweilen so, als handele es sich um Schamanen, die es ihnen ermöglichen, „über sich selbst hinauszuwachsen“ – um nur eine der beliebtesten Phrasen zu zitieren. Selten lassen sich solche Schwärmereien nachvollziehen, denn so vieles ist einfach nur solides Handwerk und klingelnde Technologie.

Doch Brian Burton alias Danger Mouse gehört zu den Produzenten, die tatsächlich ein besonderes Talent besitzen: ein Ohr für winzige, aber dennoch wichtige Details; das Wissen um die vergessenen Schätze der Popmusik, und den Willen, daraus neue Zusammenhänge entstehen zu lassen. Und Beck ist das Gegenteil all jener Künstler, die sich vertrauensvoll „in die Hände eines Produzenten begeben“. Die meisten seiner Alben hat er co-produziert, und die Suche nach Sounds und der richtigen Instrumentierung ist für den Mann aus L.A. ein unverzichtbarer Teil seines Songwriting.

Dass es irgendwann zu einer Zusammenarbeit mit Danger Mouse kommen musste, war bereits Ende 2004 vorherzusehen. Damals schwärmte Beck beim Interview vom „Grey Album“, das Danger Mouse aus dem „White Album“ der Beatles und Jay Zs „Black Album“ gemixt hatte: „Das ist Wahnsinn! Total illegal, klar. Aber ich glaube, in Zukunft wird es von solchen Sachen wesentlich mehr geben. All die Dinge, von denen wir glauben, sie seien heilig und unantastbar, werden komplett umgekrempelt und neu konfiguriert werden. Und wenn dann Aliens auf diesem Planeten landen und dieses Video sehen, werden sie es wissen: Ringo war ein DJ!“

Auf „Modern Guilt“ lässt Ringo Starr zwar immer noch nicht den Plattenspieler rotieren – aber der Geist von „Sgt. Pepper“ spuckt trotzdem durch das Album. Beck und Danger Mouse haben sich Paisley-Hemden angezogen, das alte Mellotron entstaubt und sich in die psychedelischen Klangwelten von Swinging London begeben. Schon der erste Song, „Orphans“, hört sich so magisch verspult an, als hätte man „Odyssey & Oracles“ von den Zombies mit ein paar dezenten HipHop-Beats getuned. Angeblich ist es Cat Power, die hier so herrlich sphärisch im Hintergrund ein paar Uuuuhhhs und Aaaaahhhs beisteuert.

Auf dem herrlich abgedrehten, und trotzdem enorm poppigen „Chemtrails“ singt Beck mit hoher Kopfstimme, was schlicht fantastisch klingt. Der sparsam instrumentierte Titelsong rollt auf einem trockenen Beat heran, lässt mal Gitarre, mal Piano in den Vordergrund treten und erinnert zunächst noch am ehesten an den alten Beck. Doch plötzlich hängt der Himmel voller Geigen und das Stück entwickelt eine unfassbare, fast surreale Größe. Beck und Danger Mouse haben das Album überwiegend zu zweit eingespielt: Danger Mouse spielte den Bass am Keyboard, Beck die restlichen Instrumente. Herausgekommen sind Songs wie das atemberaubende „Walls“, wo sphärischer Gesang, fernöstliche Stimmungsbilder und ein wild rumpelndes Schlagzeug apokalyptische Zeilen untermalen: „Hey, what you gonna do, when there’re bombs falling down, falling down on you…“. Schon jetzt einer der Songs des Jahres! Kurz: Beste Beck-Platte seit Ewigkeiten, zehnmal besser als „The Information“. Und, ja, es hat tatsächlich auch etwas mit dem Produzenten zu tun. (XL/Beggars)


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