Cliff Richard

Cliff’s 50th Anniversary

EMI

Dem Mimen flicht die Nachwelt ja angeblich keine Kränze. Backup-Sänger(inne)n nur ausnahmsweise. Der Merry Clayton von „Gimmie Shelter“ nur eine kleine Weile. Shawn Colvin doch schon eine ganze Zeit. Emmylou Harris wiederum dürfte die wohl berühmteste Ausnahme von der Regel sein. Noch heute ist sie sich – allem Solo-Ruhm zum Trotz – nie zu schade, Aufnahmen geschätzter Kollegen durch ihre stimmliche Präsenz zu veredeln.

Genau das hätte – spätestens nach seinem auch hartleibige Kritiker verstummen lassenden Duett mit Van Morrison bei „Whenever God Shines His Light“ – die späte Berufung von Cliff Richard sein können. Wenngleich kein ewiger Soundtrack-Evergreen wie bald danach „Have I Told You Lately“, war das doch eine der großen Aufnahmen auf „Avalon Sunset“, und wie sich die Idee auszahlte, ihn als Duettpartner ins Studio zu bitten, zeigt der Vergleich mit der solo gesungenen Version, Outtake auf der unlängst erschienenen Remaster-Ausgabe.

Andere Duette (mit Phil Everly, Elton John und weiteren) waren so überzeugend ausgefallen, dass man sich fragt, wieso ihm niemand die Idee eines kompletten „Duets“-Projekts erfolgreich verkaufen mochte. Das hätte in seiner langen Karriere ein später Höhepunkt sein können, auch und sogar mit Gospel-verwandtem Material, das er auf der „Faith And Inspiration“-CD dieses monumentalen Jubiläums-Sets (weit überwiegend die Gospel-Aufnahmen der 70er und frühen 80er Jahre) nur selten so bewegend vorträgt.

Letztere ist eine der schwächsten unter den acht CDs, aber sicher eine, die Cliff Richard als frommer Mensch auf gar keinen Fall bei so einer Werkschau missen wollte. Also bündelte man die thematisch auf einer, berücksichtige dabei aber kurioserweise nicht einen einzigen der 1967 für die „Good News“-LP aufgenommenen Songs. Den Grund dafür erläutern auch die Liner Notes nicht, die ausdrücklich die Existenz dieses Albums mit Gospel-Material hinweisen und ansonsten jeden der hier ausgewählten Songs kommentieren.

Was mancher Fan bei so ei-nem nicht billigen Sammlerteil womöglich doch bedauert: Dass man auch nicht die beiden ersten Demos von „Lawdy Miss Clawdy“ und „Breathless“ präsentiert, die ein Agent finanziert hatte, nachdem er diesen Teenager bei einer Talentshow sehr überzeugend fand. Auch das legendäre Original-Azetat von „Schoolboy Crush“ (der Song, der ursprünglich als A-Seite der Debüt-Single vorgesehen war) konnte man entweder nirgends mehr auftreiben – oder man mochte das nach 50 Jahren den unverbrüchlichen Bewunderern ihres Idols nicht zumuten. Die Demos besagter Songs findet man auch auf den diversen Raritäten-Sammlungen des Sets nicht.

Das sind zum einen die „Rare B-Sides 1963-1989“ dann die (vormals allerdings schon öfter erschienenen und nicht ganz so seltenen) „Rare EP Tracks 1961 -1991“ sowie drittens die „Lost And Found From The Archives“-Ausgrabungen. Zu den letzten gehört eine Cover-Version des Box Tops-Hits „The Letter“, bei der ihn das Mike Leander Orchestra richtig prima und gar nicht session-routinemäßig begleitete.

Offenbarungen sind die meisten erstmals zu hörenden Aufnahmen wirklich nicht, die von Mike-d’Abo- und Marvin-Hamlisch-Vorlagen so wenig wie die von Leiber/Stollers „I (Who Have Nothing)“. Auf die übliche Füller-Politik setzte man nicht, frühe Takes sind nur die allerersten Versionen von „All My Love“ und dem Hit „The Day I Met Marie“.

Sehr bizarr: Von 9 der 21 Songs kennt man eingestandenermaßen nicht den Komponisten. Vielleicht war das aber auch ein Akt von ganz bewusst vermiedener Rufschädigung namhafter Songschreiber. Anders als bei den penibel dokumentierten Box-Sets von Elvis Presley oder vergleichbaren Projekten von Bear Family Records gibt es in der üppig bebilderten Broschüre keine bestens dokumentierte Diskografie, wie man sie ganz selbstverständlich erwarten würde.

Was bleibt und bleiben wird, sind weniger die auf der „Stage And Screen“-CD versammelten Beiträge für Soundtracks als die Aufnahmen auf „The Early Years“ und „The Hits – Number Ones Around The World“.

Noch mal: Für so ein „feierliches“ Projekt sind die Liner Notes dort schon unglaublich dürftig. Im Fall der acht Zugaben auf „The Early Years“ handelt es sich um unveröffentlichte Alternativ-Takes von ganz frühen, mit den Shadows eingespielten Songs. Von denen erstellte man deswegen auch neue Überspielungen. Bei dem restlichen Material übernahm man weitestgehend die zwischen 1998 und 2001 entstandenen Remaster.

Im Kleingedruckten der Mini-Broschüre zu „Rare B-Sides 1963-1989“ findet man den Hinweis: „Take good care of this high quality E. M. I. record. Check your stylus regularly… A worn stylus will give poor reproduction and may damage the record permanently.“ Das sollte man auch tun, bevor man die mit 78 rpm abzuspielende 25-cm-Single (immerhin Vinyl, nicht Schellack!) auflegt, die dem Set als nostalgisches Souvenir beigelegt wurde.

Da ist ein wenig Vorsicht geboten: Bei der A-Seite „Move It“ beträgt die Exzentrizität der (d. h. meiner) Vinylpressung immerhin mindestens sechs, bei der B-Seite „Schoolboy Crush“ immer noch drei Millimeter. Dafür hört man hier beide Songs dann aber auch in lupenreinem Mono – und nicht zu Pseudo-Stereo verhallt wie auf der CD!

Immerhin ist Cliff Richard der erste Musiker des Rock’n’Roll, der dieses goldene Jubiläum tatsächlich erleben darf (Elvis hat den 50. Jahrestag seines Landganges in Deutschland knapp verfehlt.) Gottesfurcht, Enthaltsamkeit und womöglich Gesichtskosmetik ließen es möglich werden. Congratulations. (EMI)