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David Bowie Loving The Alien 1983–1988


Die Achtziger galten als „ ‚me‘ decade“, Jahrzehnt des Raubtierkapitalismus der Börsenmakler, die sich „Masters of the Universe“ nannten. Auch David Bowie war reich, führte in Strandvideos Sonnenbräune und Neon-­Blazer vor. Die Ironie: Weniger denn je stand sein Ego im Vordergrund.

Es waren die Siebziger, in denen er seine Leiden, aber auch seine Triumphe zu Songs formte: Anpassungsschwierigkeiten („Heroes“) und Paranoia in neuen Lebensräumen („Station To Station“).

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Ab 1983 jedoch war Bowie clean, war der Kopf frei für Politik: Angst vor dem Dritten Weltkrieg („Where The Wind Blows“), Tschernobyl („Time Will Crawl“), religiöser Fanatismus („Loving The Alien“) und Rassismus („China Girl“). In „Let’s Dance“ geht es nicht um Spaß, sondern um Globalisierungsverlierer. Größere Sorge äußerte Bowie nie.

Dass es mit „1983–1988“ erstmals schwierig sein würde, eine Bowie-Edition als hip zu verkaufen, war allen Beteiligten klar. Während „Let’s Dance“ – an dessen Produzenten Nile Rodgers 1983 keiner mehr glaubte – als mutiger Schritt gewertet wird, gelten „Tonight“ und „Never Let Me Down“ als fast unverzeihliche Misserfolge. Mit „Tonight“ beging Bowie, nach 20 Jahren im Geschäft, seinen ersten Fehler: Er versuchte den „Let’s Dance“-­Erfolg hastig zu wiederholen, kompilierte Coverversionen mit ein paar neuen Songs. Aber Hugh Padgham, der zuvor Alben von Genesis und The Police umgesetzt hatte, konnte manche der dünnen Lieder nicht retten.

Auch Bowies Vermarkter nehmen eine eher defen­sive Haltung ein. Nicht nur wegen des Boxset-­Titels, der sich als Bitte lesen lässt, ­etwas zu lieben, mit dem man fremdelt. Sondern auch weil sich der Werbefokus dieser Kollektion von elf CDs bzw. 15 LPs auf die Neuaufnahme des „Never Let Me Down“-­Albums richtet. ­Also auf ein revisionistisches ­Projekt.

Bowie war mit der – von ihm mitverantworteten – Produktion einer Rock’n’Roll-­Platte im Dance-­Gewand unzufrieden. Dank der Truppe um Sterling Campbell (Schlagzeug) und des klotzenden Reeves Ga­brels (Gitarre) lebte er um die Jahrtausendwende seine Neigung zum Muckertum aus, interpretierte alles neu. „Ze­roes“ bleibt das gigantische Liebeslied mit Sitar (im Original von Peter Frampton).

Aber der schlanke Pop von „Beat Of Your Drum“ wirkt in der rhythmisch vertrackten Version kleinfinger­gespreizt. Und was „Glass Spider“ bedeutet, das letzte große apokalyptische Konzept Bowies, weiß man 2018 genauso wenig wie 1987. Dafür rappt in „Shining Star (Makin’ My Love)“ nun Laurie Anderson statt Mickey Rourke – der ist cooler, konnte aber nicht rappen.

„1983–1988“ enthält alles aus dieser Zeit bis auf „Girls“ auf Japanisch, die Neufassung von „Look Back In Anger“ (das kurioserweise die einzige Aufnahme aus dem im Editionstitel angegebenen Klammerjahr 1988 gewesen wäre) sowie „Too Dizzy“, das Bowie später von „Never Let Me Down“ entfernte. Von dieser Fastvollständigkeit waren die Boxen der Jahre 1969 bis 1982 weit entfernt. Dazu gibt es Live-­Mitschnitte: Die „Serious Moonlight“-­Konzertreise erinnerte mit ihren Power­medleys an die damalige parallele Prince-Tournee. In den Musical-Momenten von „Glass Spider“ war die Bühne so voll mit Tänzern wie bei Michael Jackson. Bowie gab nie zu, dass er sich in dieser Ära mit den zwei Jüngeren maß.

Eine zweite Chance verdienen auch die „Labyrinth“-­Songs. Viele Puristen möchten Bowie stets in Thin-­White-Duke- oder Berlin-­Variationen sehen, aber für Jim Hensons Fantasy-­Film komponierte er überzeugend, funktional, einem Märchen entsprechend. Der Call-and-­Response mit den Gnomen von „Magic Dance“ ist zauberhaft, „As The World Falls Down“ einfach wunderschön. Und im Chor von „Underground“ sangen, unbeachtet, Cissy Houston, Chaka Khan und Luther Vandross.

„1983–1988“ umfasst viel gute Musik, wenn auch nicht David Bowies kreativste Arbeiten. Aber als Momentaufnahme einer Epoche ist dieses Set das bislang überzeugendste. Und deshalb das beste der bislang vier.


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