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Elton John Elton John (Deluxe Edition)


Mercury


von

Nur mal zur Erinnerung: 1970 veröffentlichte Neil Young „After The Gold Rush“, Van Morrison „Moondance“, James Taylor „Sweet Baby James“ und Randy Newman „12 Songs“. Joni Mitchell konsolidierte ihren Ruhm als grenzenlos talentierte Kollegin mit „Ladies Of The Canyon“. Bob Dylan rehabilitierte sich nach „Self Portrait“ mit „New Morning“. Mit neuen, ziemlich erfolgreichen Song-Kollektionen konnten auch George Harrison und Paul Simon dienen. Schierer Irrwitz war im Vergleich dazu die Arbeitswut, die der unbekannte Reginald Dwight (Künstler-nom de plume Elton John) und sein Kumpel Bernie Taupin parallel dazu entwickelten, um sich selber zu beweisen, dass sie mehr als nur angestellte Schreiber-Knechte eines Musikverleger-Moguls waren, wie ihn Ray Davies just zu derselben Zeit in mehreren Songs der „Lola“-LP so trefflich satirisch besungen hatte. Im Verlauf von 18 Monaten legte Elton John drei Studio-LPs vor, zog nebenbei zwei Soundtrack-Projekte durch und hinderte seine Plattenfirma nicht daran, zwischendurch auch noch ein mit gehobener Bootleg-Qualität aufgezeichnetes Live-Album zu präsentieren. Ein paar seiner Songs schafften es damals gar nicht mal auf die Platten, die findet man jetzt erstmals als Demos auf den Bonus-CDs der Deluxe-Ausgaben von „Elton John“ und „Tumbleweed Connection“.

Denn dass sich der Piano-Mann und sein Text-Autor nach dem Total-Flop der ersten LP auf eine Masse-Statt-Klasse-Strategie geeinigt hätten, kann man nicht behaupten, im Gegenteil: Als sie erst mal im Teamwork genügend Songs für das Folge-Werk beisammen hatten, kam für sie kein Geringerer als George Martin für dessen Produktion in die engste Auswahl. Der reklamierte aber als Vorbedingung die Rolle des Arrangeurs. Dafür hatte man sich aber schon denselben Paul Buckmaster ausgeguckt, der mit seinem Arrangement für David Bowies „Space Oddity“-Single nicht ganz unschuldig daran war, dass die ein Hit wurde. Produziert hatte den Gus Dudgeon, weshalb man dann die beiden gleich als Team engagierte.

Es war sicher Buckmaster, der die Idee hatte, einem Song wie „I Need You To Turn To“ mittels Cembalo den Sound einer Barock-Pop-Edelschnulze anzuerziehen. Der etwas juvenile Text („You’re not a ship to carry my life/ You are nailed to my love in many lonely nights…“) lud dazu ja auch förmlich ein. Über die Bedeutung des Nonsens-Textes zu „Take Me To The Pilot“ konnte man lange und vergeblich rätseln. Aber als Rock-Song funktionierte der tatsächlich. Viel Streicher, Harfe und Hallraum zugemischt machten aus „First Episode At Hienton“ die Blaupause von einem Song, die das Team nur wenig später für etliche des „Friends“-Soundtracks nutzte.

Bei anderen konnte man spekulieren, ob Buckmaster sich da wohl ein wenig von Ennio Morricone inspirieren ließ. Bisweilen gab er seinem Hang zu grandiosem Kitsch bei der Post-Produktion hemmungslos nach. Die frühen Demos auf der je zweiten CD klingen vergleichsweise wiederum oft so, sagen wir mal: gestaltungsbedürftig, dass man staunen darf, was Buckmaster mit dem Produzenten – die Aufnahmen selbst dauerten gerade mal eine Woche -alles aus denen machte. „Border Song“, „No Shoe Strings On Louise“ und „Your Song“ waren auf Anhieb Evergreens, und dass John sich mal zum Entertainer in ganz großem Showbusiness entwickeln könnte, deutete unter anderen „The King Must Die“ an. Das Demo von „All The Way Down To El Paso“ dürfte eine als Zugabe auf den zweiten CD der frühen Fingerübungen sein, nach denen er sich umgehend an ein lockeres Konzept-Album wagte.

Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ müssen er und Bernie Taupin glatt verpasst haben. An diesen Abgesang auf die großen Schurken der letzten Tage eines noch Wilden Westens erinnerte bei „Tumbleweed Connection“ allenfalls das nostalgische „Talking Old Soldiers“, das Bild des müden Robert Ryan vor den Toren des mexikanischen Kaffs am Ende des Films in Erinnerung rufend. Die übrigen Songs romantisieren und glorifizieren einen alten Westen, den es so nie gab. Das war alles mehr eine Wunschvorstellung desselben, die sich Taupin wohl irgendwo angelesen hatte. Aber eine ungemein reizvolle und verführerische, wie Buckmaster das dann alles durch seine Arrangements regelrecht kinematografisch inszenierte. Auch bei Einsatz von Oboe, Harfe und Streicher kam diesmal nirgends auch nur der Anflug von Kitschverdacht auf. Bei manchen Produktionen schimmert auch tatsächlich der Einfluss von „Music From Big Pink“ durch, von dem Bernie Taupin in den Liner Notes spricht. Ganz aus dem Rahmen fiel hier einer der besten, nämlich der von Leslie Duncan geschriebene „Love Song“.

Am Ende staunte sicher auch Verleger Dick James darüber, wie sich der Jungspund, der nicht mehr Wasserträger in Long John Baldrys Bluesology sein mochte, in kurzer Zeit entwickelte hatte. King Crimson und Gentle Giant hatten ihn nicht lange zuvor vehement abgelehnt, als er sich ihnen als Leadsänger andienen wollte. Das war, wie man bald wusste, eine weise, im Interesse aller die richtige Entscheidung. (Mercury)


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