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Gerhard Henschel Bildungsroman


Hoffmann & Campe


von

Des Mammutwerks fünfter Band: Bis in alle Ewigkeit könnte man weiterlesen von Martin Schlosser und dessen weitverzweigter Familie putziger Bildungsbürger, von Arbeitsferien auf der Insel Borkum, der Lektüre von Arno Schmidt, Teddy Adorno und Eckhard Henscheid, dem Umzug von Bielefeld nach Berlin, den begleitenden Platten von Bob Dylan, der erotischen Not und dem Liebesglück mit Andrea, dem Trampen auf Deutschlands Autobahnen, dem Universitätsbetrieb der Fakultäten Germanistik, Philosophie und Soziologie und der Einführung in die seltsame Welt Walter Kempowskis. Getreulich aufgeschrieben hat Gerhard Henschel die Jahre 1983 ff. – Wohngemeinschaftsschwiemel und Müsliterror, Kohl und Reagan, Strauß und Lambsdorff, Brieffreundschaften und Beziehungsknatsch. Die Magie dieser Notate entfaltet sich in Petitessen, genauem Hinhören, im Zitieren von Briefen und Dialogen, Alltagskram und Anbahnungsversuchen, Liebschaften und erotischen Freuden (und der Empörung darüber, abgewiesen zu werden).

Längst kennt die Gemeinde den trockenen Tonfall und ironielosen Witz des Erzählers, der Songzeilen und Gedichte einwebt, Sprüche und Geschwätz, glänzende und verquaste Textpassagen aus Büchern und den Jargon und die Umgangssprache von Eltern und Freund(inn)en. Es ist eine solche Lust, dem jungen Mann in sein Leben und seine Gedanken zu folgen, dass die 570 Seiten allzu schnell verschlungen sind. Das Weltgeschehen erscheint nur als Prospekt im Hintergrund, doch ein wahrhaftigeres Abbild der Bundesrepublik zeigen allenfalls alte Fernsehnachrichten. Der Erzähler unterwirft das Erlebte seinem Stilwillen und Formulierungsfuror, doch bei allem Pessimismus, aller Neunmalklugheit ist seine glasklare Diktion von gewinnender Zärtlichkeit: Dieser Martin Schlosser, der ist richtig!

Gerhard Henschel soll sich nicht einfallen lassen, seine intime Chronik nicht fortzuführen – die höheren Weihen werden diesem einzigartigen Journal ja allmählich zuteil, und also muss der ingeniöse Autor nicht bis zum Greisenalter auf den verdienten Ruhm warten. (Hoffmann & Campe , 24,90 Euro)


Die meistunterschätzten Alben aller Zeiten: Pavement – „Terror Twilight“

Auskenner schätzen mittlerweile vor allem das Doppelalbum „Wowee Zowie“ (1995) mit seinen zerschossenen Songs, dem betont gelangweilten Gesang und der Hitverweigerungshaltung (die nach dem Hit „Cut Your Hair“ vom Vorgängeralbum, „Crooked Rain, Crooked Rain“ von 1994, einsetzte). Auf dem wieder süffigen „Brighten The Corners“ war die Slackerhaltung zur Masche geworden und es musste Veränderung her. Fast Pop - aber ohne Erfolg Die kam mit dem Radiohead-­ und Travis­-Produ­zenten Nigel Godrich: Er ließ die Hängeschultrigen gerade stehen, forderte einfache Liebeslieder („You Are A Light“), bekam mutige Lieder über Coming­outs („Carrot Rope“) und kitzelte einen „Folk Jam“ heraus, der gar kein Jam…
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