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Highlight: Stephen King: Die besten Bücher – Plätze 30-21

Stephen King: Die besten Bücher – Plätze 10-01

10. The Long Walk (1979, deutsch „Todesmarsch“, als Richard Bachman)★★★★½

Das erste von King verfasste Buch, 1966 begonnen, ist auch einer der besten seiner „Bachman-Romane“. In einer diktatorischen Zukunftsgesellschaft Amerikas können Teenager am „langen Marsch teilnehmen“. Wer als Längster durchhält, bekommt bis an sein Lebensende alles, was er sich wünscht.

Die anderen: werden erschossen, von den am Straßenrand sie begleitenden, motorisierten Soldaten. Falls die Kids nicht vorher schon vor Erschöpfung sterben – denn Pausen sind nicht erlaubt und eine Mindestlaufgeschwindigkeit vorgegeben. Stuhlgang, essen, sogar schlafen, alles beim Gehen.

Der Reiz besteht nicht nur in der Schilderung von Feindschaften und Allianzen innerhalb der jugendlichen Wettkampfteilnehmer, oder wie sie die Herausforderung meistern, alles in dauerhafter Bewegung tun zu müssen. King gelingen einige seiner schönsten Landschaftsbeschreibungen, über weite Strecken zeichnet ihn eine geradezu meditative Ruhe aus; an anderen Stellen wiederum demonstriert King, wie schlimm Regen und Sonne sein können, wenn es um das Überleben geht.

Die Kritik gerät da fast schon in den Hintergrund: Wie Anreize junge Menschen in die Katastrophe führen, aber auch, wie blind wir– hier verkörpert durch den väterlichen „Major“ – gegenüber deren Bestrebungen sind, uns zu imponieren.

09. Blaze (deutsch „Qual“, 2007) ★★★★½

Hat jahrzehntelang ein Dasein als Schubladen-Roman gefristet, die erste Fassung soll sogar älter als das Debüt „Carrie“ von 1974 sein. King war nie warm geworden mit der Story. Die Ausgangssituation bietet nach dem Muster „unvereinbare Extreme, die zusammenfinden“, durchaus Melodrama und Kitsch: Ein Kleinkrimineller mit geistiger Behinderung entführt ein Baby um Lösegeld zu fordern, wird sich dann jedoch väterlicher Zuneigung bewusst. Die Polizei jagt den unberechenbaren „Trottel“, der ein Leben voller Entbehrungen hatte und sich nun einfach ein wenig Glück wünscht. Aus diesem Stoff hätte Stephenie Meyer ein schönes trauriges Buch der Tränen und Ron Howard einen schönen traurigen Film der Tränen gemacht.

Stephen King ist es auf wundersame Weise gelungen, Klischees zu umschiffen (nur einmal nicht, da pinkelt der Kleine, natürlich, dem neuen Daddy prompt auf die Brust, als er es hochhebt – das ist „Kuck mal, wer da spricht“-Niveau). „Blaze“, benannt nach dem Entführer, dokumentiert, welche Art Schriftsteller aus dem jungen King hätte werden können. Die Sprache unterscheidet sich erheblich von seiner eigentlichen, unabhängig davon, wie stark er das Manuskript vor Veröffentlichung 2007 bearbeitete. Die Sätze sind kürzer und lakonischer, fettfrei, der Hang zur Geschwätzigkeit noch nicht zu erkennen. Die Erzählung ist humorvoll – nicht auf dem üblichen King-Niveau der Derbheit und Groteske. Die Überfall-Szene, in der Blaze nach vermeintlichem Erfolg darauf hingewiesen wird, dass er vergaß die Strumpfmaske herunterzuziehen, könnte Kings lustigste sein. Der Ausgang der Situation spricht für sich – keine Dialoge, die die Absurdität erst betonen; die meisten seiner Gags versaut King stets selbst, weil seine Protagonisten gerne über ihre eigenen Gags lachen. Hier aber lacht endlich mal keiner der Figuren, nur wir Leser.

Clayton „Blaze“ Baysdell, Jr. wächst über weite Strecken seiner Kindheit im Waisenhaus auf, wird dort, aber auch bei Pflegefamilien, fertig gemacht. John Irving, Charles Dickens, Astrid Lindgren, Mark Twain, sie alle hatten großartige Ausbruchsgeschichten zu erzählen. King selbst nannte Steinbecks „Of Mice and Men“ als wesentlichen Einfluss, dazu die Werke von James M. Cain und Horace McCoy. Er mutet seinem Helden ein geradezu märchenhaftes Ausbüxen zu, er und sein Freund John finden eine Brieftasche mit 250 Dollar, fahren nach Boston und gönnen sich ein Tag mit Wolkenkratzern, Kino und Baseball, das hat schon was von „Midnight Cowboy“, nur im jungen Alter und ohne sexuelle (Selbst-)ausbeutung.

Später wird Blaze zum Kleinganoven, sein Vorbild und Freund wird der Dieb George. Der versteht sich als moderner Robin Hood, der in der Politik der Republikaner die Ursache für Armut sieht. „Es war eine schmutzige Welt, und je länger man lebte, desto dreckiger wurde man“, reflektiert Blaze in geradezu Hardboiled-artiger Klarheit. Dies ist jedenfalls keine Welt, in der einem Menschen wie ihm geholfen wird.

08. Hearts in Atlantis (1999, deutsch: „Atlantis“) ★ ★ ★ ★ ½

„We blew it“, heißt es in Dennis Hoppers „Easy Rider“, gemeint war das Versagen einer ganzen Generation, der „Baby Boomers“, die gegen Vietnamkrieg und Nixon protestierte, aber dann recht schnell satt und fett und wie die Eltern geworden ist. Als Student hatte auch King an der Uni demonstriert – er meint also auch sich, wenn er von Menschen spricht, die ihre eigenen Ideale verraten haben. „Wir hatten die Gelegenheit alles zu verändern“, heißt es an einer Stelle. „Stattdessen haben wir uns mit Designer-Jeans, zwei Tickets für Mariah Carey und der Radio City Music Hall, Vielfliegermeilen, James Camerons ‘Titanic‘ und Pensionsfonds begnügt.“

Drei Novellen und zwei Storys vereint dieses Buch über „Herzen“ in „Atlantis“. Der hochgestochene Titel lässt sich natürlich auch ganz simpel runterbrechen auf die Mitglieder eine Studenten-Verbindung, die lieber das Kartenspiel Hearts spielen, statt sich auf Uni-Prüfungen vorzubereiten, die einem bei guten Noten den Rauswurf vom Campus und damit wohl die Einberufung nach Vietnam ersparen würde.

Stephen King: Nun war er nicht mehr „der Horror-Literat“

Die Geschichten spielen zwischen 1960 und 1999, lassen also genug Raum, nicht nur die politisch aufgeladene Zeit vor dem Dschungelkrieg, Kuba-Krise, Kennedy-Attentat und Lyndon-B-Johnson-Eiertanz, sondern auch die Nachwirkungen dieser „Lost Generation“ aufzuspüren.

Im Vorwort greift Stephen King zwar noch in die Sterne, „ich habe euch all das andere erzählt, um euch das hier zu erzählen“, und Klischees à la „Neonreklamen, die sich in Pfützen spiegeln“ und „Negerkinder im Sprühregen halb aufgedrehter Hydranten“ sind niveaulos. Aber das Fantastische („Low Men In Yellow Coats“) funktioniert neben dem Nicht-Fantastischen („Hearts In Atlantis“) doch derart hervorragend, dass King mindestens vor 20 Jahren endgültig das unfair ihm auferlegte Image des „Horror-Literaten“ ablegen konnte.

In „Blind Willie“ geht ein Vietnam-Veteran betteln, aber er spielt die Rolle des Blinden nicht nur. Zu einer ganz bestimmten Tageszeit verliert er tatsächlich sein Augenlicht. Willie akzeptiert das als eine Form der Bestrafung; als Kind verprügelte er die Mitschülerin Carol Gerber, als junge Erwachsene würde sie bei einem Bomben-Attentat ihrer Studentengruppe („Militante Studenten für den Frieden“) ums Leben kommen. Er spürt dafür Verantwortung. In einer fast schon perversen Deutung seiner Ansprüche ans Leben befindet er, „nichts bricht mehr Herzen als ein Blinder mit einem Baseballhandschuh, Gott segne Amerika.“

Aber der schönste Satz fällt natürlich innerhalb der Kartenrunde der engagierten „Hearts“-Spieler. Politische Debatten verpuffen, wenn so viel gelabert, gequalmt, getrunken, und wieder debattiert wird. „Heißt das, Du hast Deine Meinung über den Krieg geändert, Pete?“. Die Antwort: „Welche Meinung?“

07. The Dark Tower IV: Wizard and Glass (1996, deutsch: „Glas“) ★★★★½

Die „Schlacht vom Jericho Hill“, notierte King einst, die müsse er noch aufschreiben, er wisse nur nicht, wie (als Comic erschien sie schon). Aber auch dieser anderen Geschichte aus dem Dunklen Turm, über die stets nur berichtet, die aber noch nicht erzählt wurde, musste er sich irgendwann stellen: Wie wurde aus dem Jungen Roland der einsame Revolverheld, der „Große, Lange, Hässliche“? Warum ist er so obsessiv auf der Suche nach dem Dunklen Turm? Und warum ist er so unfassbar humorlos? Hier versucht er ja wenigstens, einen Witz zu reißen: Statt „Ka“, dem heiligen Wort jener Welt, sagt er „Kaka“. Seine Gefährten können ihn nur mit offenen Mündern anstarren.

„Wizard and Glass“ widmet sich also den Jugend-Jahren Rolands, wie er zum tragischen, unfreiwilligen Mutter-Mörder wurde, und wie er die Liebe seines Lebens verlor, Susan Delgado – jener Teenager, die er für die Suche nach dem Turm fast aufzugeben bereit gewesen war. King schreibt im Nachwort von einer „Heidenangst“, die ihm vor der Arbeit an dieser Romanze befallen hätte, da Spannung ihn nun mal leichter fiele.

Er hat sich Mühe gegeben, manches liest sich aber tatsächlich wie Romanzen vom Reiterhof. Susan reibt ihre „Seidenknospe“ am Knauf des Sattels. Andere Beschreibungen sollte man sich in voller Länge gönnen: „Sie brannte, sie brannte in ihrem Bett wie eine Fackel. Und als die Sonne kurze Zeit später schließlich über dem Horizont aufging, schlief sie tief, mit dem Hauch eines Lächelns auf den Lippen, und ihr offenes Haar lag über einer Seite ihres Gesichts und auf dem Kissen wie gesponnenes Gold.“ King hat sich oft über den Erfolg von Stephenie Meyer und ihren „Twilight“-Romanen echauffiert, in denen sich Teenager unglücklich verlieben, mit dramatischen Folgen. Viel stilvoller als deren YA-Fantasien aber, so zeigt sich hier, sind seine eigenen manchmal auch nicht.

Tolkien und Sergio Leone

Aber zum Glück besteht „Glas“ nicht nur aus unbeholfen verfassten Beischlaf-Momenten. King fühlte sich inspiriert durch einen frühen Kinobesuch des Leone-Films „Zwei glorreiche Halunken“, wollte einen Roman schreiben, der Fantasy und Fan-Fiktion verband, „zwar Tolkiens Gespür für abenteuerliches Suchen und Magie nachvollzog, aber vor Leones fast schon absurd majestätischem Westernhintergrund spielte.“

Und das ist ihm gelungen. Es gibt Saloon-Konfrontationen, Duelle mit den „Großen Sargjäger“ genannten, gescheiterten Revolvermännern sowie ein minutiös durchgeführter Reiterangriff aus dem Hinterhalt, der erstmals die taktische und kämpferische Größe der drei Teenager-Freunde Roland, Cuthbert und Alain demonstriert und ein Meilenstein unter den Actionszenen Kings ist.

Mit der Hexe Rhea vom Cöos erschuf King zudem eine seiner – auch, wenn dieser Superlativ in der Liste der besten King-Bücher schon ein paar Mal gefallen sein sollte – bösartigsten Figuren. Hexen zählen zu den populärsten Märchen-Charakteren, es ist nicht leicht, ihnen neue Facetten hinzuzufügen, solche, die über Warzennasen und krummen Fingern hinausgehen. Diese Glaskugel-Rhea jedoch wird zu einer entscheidenden Gegenspielerin des Roland Deschain. Sie ist für den Verlust gleich zweier geliebter Menschen verantwortlich; im Grunde setzt sie die Suche des Revolvermannes nach dem Turm mit in den Gang.

06. Revival (2014)

★★★★★

Jeder Roman ist auch eine Hommage, da Autoren mindestens unterbewusst Inspirationen in ihre Werke einfließen lassen. Stephen King kommt schon in seiner Widmung zur Sache, er nennt elf Namen, darunter Urmütter und Urväter des Horrors (Mary Shelley und Arthur Machen), Väter (H.P. Lovecraft, Bram Stoker), als auch Weggefährten (Peter Straub). Der vom Glauben abgefallene Priester Charles Jacobs, der als Zirkus-Wanderprediger mit Strom experimentiert und damit glaubt, das Leben nach dem Tod erforschen zu können, stammt aus dem klassischen Ray-Bradbury-Figurenpool (die Anspielung findet sich direkt im Künstlernamen „Dr. Electrico“).

Die Idee vom Ich-Erzähler, der von den ersten Seiten an auf ein großes Unglück hinberichtet, hat King natürlich von Lovecraft übernommen. Aber anders als sein Vorbild, das Chroniken angekündigter Tragödien konstruierte, hält er seine Leser im Unklaren, ob es nicht doch ein Happy End für seine Figur des Jamie Morton geben kann – was ihm blüht, offenbart sich erst auf den letzten Seiten. Die Zielgrade bleibt im Dunkeln.

Nicht Tod, nicht Licht, nicht Ruhe

„Angesichts dessen, was mich eventuell nach dem Tod erwartet, will ich so lange wie möglich leben“, lautet Mortons Fazit, und Stephen King dürfte bislang wenig Grausameres als ein derartiges Resümee eingefallen sein. Ein derart übles Roman-Ende hat es seit dem „Friedhof der Kuscheltiere“ nicht gegeben. Das ist es, was den Menschen nach ihrem Ableben erwartet: „Nicht Tod, nicht Licht, nicht Ruhe.“ Der Ex-Junkie und Musiker folgte den Experimenten seiner einstigen Vaterfigur Jacobs, den er seit Kindesbeinen kennt. Nach dem Tod seiner Frau und seines Kindes hat der ehemalige Reverend sich von Gott abgewandt und will versuchen, mittels „Geheimer Elektrizität“, einer „Kraft, die über das menschliche Verständnis hinausgeht“ und „unser Universum begründete“, einen Blick ins Jenseits werfen zu können. Dafür muss er Menschen finden, die bereit sind zu sterben.

Elektrizität ist natürlich nicht menschengemacht, und in seinem Roman widmet sich King der Frage, was Gott, Glaube und Religion überhaupt sind. Ein alter Mann mit Rauschebart, eine unerklärliche Energie? Morton glaubt, dass der Ex-Geistliche Jacobs von einem ganz anderen Motor als die Suche nach dem Sinn des Lebens angetrieben wird: An Gott, der ihm die Familie nahm, könne er sich nicht rächen, deshalb führt er seine Versuche an Todkranken durch.

Jacobs betrachtet Religion als eine Art Versicherungspolice, in die man mit dem Glauben als Währung einzahlt, und von der man am Ende nichts bekommt. Auch deshalb will er ins Jenseits vorpreschen: Um Religion zu entweihen, zu zeigen, dass Gott nicht existiert, alle Taufen, Gebete, alle Glaubenskriege umsonst stattfanden. Im vielleicht eindrücklichsten Dialog nähert sich der Pastor dem noch jungen Jamie beim Spiel mit Plastiksoldaten an einem Erdhügel. Kinder wollen groß sein und Kontrolle ausüben, auch dafür ist Spielzeug da, und schon hier zeigt sich im übergroßen Schatten Jacobs‘, dass das Kind sich nie ganz von ihm wird lösen können; es entsteht ein militär-strategischer Dialog über das Geschehen mit den Actionfiguren.

Auch seine eigene „Glaubensrichtung“ hat Stephen King zu Papier gebracht: Er spielt in der Band Rock Bottom Remainders, und auch seine Figur des Jamie Morton ist begeisterter Gitarrist. Die E-Gitarre läuft ja mit Strom, und es gibt nicht wenige Menschen, für die Musik ein Draht zu Gott darstellt.

05. Misery (1987, deutsch: „Sie“)

★★★★★

Nach dem Riesenerfolg von „Es“ ein Jahr zuvor, dachte sich der deutsche Verlag wohl, klar, „Sie“ – das zieht genauso. Von „Er“, aus dem pfiffige Verlagsleute wohl zwei Jahre später „The Dark Half“ hätten machen können, blieben wir zum Glück verschont.

Dabei ist der „Sie“-Originaltitel „Misery“ viel passender: Er bezeichnet nicht nur eine Romanfigur, sondern auch das menschliche Elend. Ursprünglich als „Bachmann-Buch“ unter Pseudonym geplant – und in der Tradition von Horror-Geschichten Bachmans ohne mystischen Horror – musste der damals 40-Jährige King den Roman unter seinem echten Namen veröffentlichen, nachdem sein Alias enttarnt wurde.

Die Angst vor seiner eigenen Popularität, aber auch vor Kontrollverlust ließ King diese Geschichte über einen verrückten weiblichen Fan schreiben, der durch einen Wink des Schicksals den Lieblingsschriftsteller von einer Unfallstelle birgt – und ihn aus dem hauseigenen Krankenbett nicht mehr entlässt.

„Annie Wilkes ist Kokain. Sie war mein Nummer-Eins-Fan“, sagte King im ROLLING-STONE-Interview. Ausgiebig lässt sich der, nun ja, nach und nach amputierte Schriftsteller Paul Sheldon über Betäubungsmittel und allerlei anderer Arznei aus – hier hat King selbst ganz klare Bedürfnisse nach Drogen geäußert.

Oscar für Kathy Bates

„Misery“ würde zu einem von Stephen Kings beliebtesten Büchern werden, das Kammerstück-artige Setting bot sich für Aufführungen geradezu an, natürlich folgten Theaterstücke, und mit Kathy Bates als Annie Wilkes erhielt 1991 erstmals – und bis heute nie wieder – jemand einen Oscar für die Beteiligung an einer King-Verfilmung, hier gar als „Beste Hauptdarstellerin“. Populär geworden ist Bates‘ Wutausbruch, in etlichen Trailern verewigt, als sie vom Cliffhanger-Betrug in den Serials spricht.

Der Roman ist brutal erzählt, ohne Sympathien für die eine oder andere Seite, und Paul Sheldons minutiös getimte Fluchtversuche mit dem Rollstuhl treffen ins Mark. Die Kälte, die King beim Schreiben erfasst hatte, schlägt sich in seinen Charakteren wider: Wir erfahren nicht viel vom Schriftsteller Sheldon, außer, dass er seine Groschenromanfigur Misery mit Abscheu und Sarkasmus betrachtet. Annie Wilkes wiederum ist durchaus entwaffnend, da sie psychisch krank ist.

Ihre Widersprüche wirken mehr wie ein Ausdruck einer Psychose, als dass sie echte Charakterzüge sein könnten. Im Laufe der Geschichte wird aufgedeckt, dass Annie seit jeher ihre Lieben ermordete, Familie, Mitbewohnerinnen und Liebhaber. Möglicherweise wäre sie furchteinflößender, würde sie ihre tödlichen Absichten erst im Angesicht ihres Lieblingsautoren entwickeln.

04. The Stand (1978, deutsch „Das letzte Gefecht“)

★★★★★

Noch vor der „Dark Tower“-Reihe als Kings Magnum Opus gefeiert, galt „The Stand“ wegen seiner Fülle an Schauplätzen und Figuren lange Zeit als unverfilmbar. King legte sogar noch eine „Extended Edition“ dieser Geschichte nach, die deutsche Neufassung umfasst mehr als 1100 eng gedruckte Seiten.

Ein Virus hat fast alle Menschen ausgerottet, im „Sündenpfuhl“ Las Vegas treten die Überlebenden, gute Menschen gegen böse Menschen, zum „letzten Gefecht“ an. Für King, der selten über seinen eigenen Glauben geschrieben hat, ein geradezu religiös wirkendes Werk. Tatsächlich diskutieren die Charaktere ausführlich darüber, ob das Virus eine Strafe Gottes gewesen sein könnte; in seiner Revision von 1990 verkneift King sich zum Glück naheliegende Theorien, dass die Leute gewisse Bezüge zu Aids herstellen könnten.

Der Kniff besteht darin, dass es sich bei „Captain Trips“ tatsächlich um ein vom Militär geschaffenes Virus handelt, also Menschenwerk ist – der geheimnisvolle Randall Flagg jedoch, ein Mann, dessen Verbindung zu dunklen Kräften ungeklärt bleibt, das Chaos auf der Erde für seine Zwecke zu nutzen weiß. Insofern mischt der Teufel, und damit das Spirituelle, dann doch mit.

Bitte keine zweite Erzählung der Menschheitsgeschichte

Wer etwas über Kings Schreibprozess lernen möchte, ist hier gut aufgehoben. In seinen Memoiren „On Writing“ (2000) berichtet er, wie ihm der Roman ab der Hälfte fast entglitten war, er nicht mehr weiter mit der Story wusste – und befürchtete, sie nie vollenden zu können. Unverkennbar bleibt, dass King sich tatsächlich über weite Strecken verschwatzt hatte: Nachdem sich die „guten“ Überlebenden versammelt und eine neue Zivilisation gegründet haben, wird sehr ausführlich – Glen Bateman verspielt sich dabei fast alle Sympathien –  über Möglichkeiten diskutiert, wie die neue Verfassung auszusehen habe, wer in die Regierung gewählt werden soll, wie mit Menschenrechten umzugehen ist usw. Das Buch entfernt sich hier unnötig von seiner Ausgangslage, und der Autor übt sich als Staatsphilosoph. King räumt selbst ein, dass er sich Sorgen gemacht habe, er würde zu viel Zeit damit verbringen, den Wiederaufbau der Zivilisation zu dokumentieren: Dann erzähle er die Menschheitsgeschichte ein zweites Mal, und doch machen die Leute immer dieselben Fehler. Erst mit der Aussendung der „Spione“ zum Feind Flagg, für deren Reise und Sinnfindung King sich noch am deutlichsten an Tolkien bedient, nimmt die Geschichte wieder an Fahrt auf.

Kein anderes seiner Bücher jedenfalls hat eine derart gelungene, auf beiden Seiten ausgewogene Reihe von Charakteren, in die man sich nur allzu gerne verliert. Flagg, der in „The Stand“ seinen ersten Auftritt feiert, würde King bis heute beschäftigen. Mit Lloyd Henreid und dem „Trash Can Man“ stellte er ihm zwei außerordentliche Psychopathen an die Seite, der eine pervers und dumm, der andere ein trauriges, großes Kind mit pyromanischem Drang.

Und dann sind da natürlich die großen Helden, wie der Autor sie kein zweites Mal schuf: der schweigsame All-American-Hero Stu Redman; sein späterer Weggefährte, der egoistische Rockstar Larry Underwood, der sich dann doch für das Gemeinwohl opfern wird; die schwangere Frances Goldsmith, die, Apokalypse und Virus hin oder her, fest an eine Zukunft ihres Kindes glaubt; das rührende Duo bestehend aus dem jungen, klugen, taubstummen Nick Andros und dem geistig zurückgebliebenen Tom Cullen; Nadine Cross, die ihr trauriges Schicksal erahnt; der unsympathische, aber Mitleid erregende Teenager Harold Lauder, der nur deshalb die Seiten wechselt, weil er bei Frauen niemals einen Stich landen kann. Selbst der Roman-Hund, Kojak, beschäftigt einen noch nach Ende des Buchs.

Was allerdings auch ab „The Stand“ zunehmend Einfluss in Kings Werk nehmen wird, ist der herausfordernde Humor des Autors. Vor allem der Galgenhumor. Die Selbstgespräche der Charaktere nehmen zu, und die Marotte des Schriftstellers, sie aufgrund ihrer Gedankenexperimente in den absurdesten, gefährlichsten Situationen kichern oder auflachen zu lassen, ist enervierend. Umso brenzliger die Situation, desto öfter müssen die Leute sich die Hand vor den Mund halten, um nicht loszuprusten oder hysterisch aufzulachen. Aber auch das Wordplay vor dem Sex, die Anzüglichkeiten unter der Bettdecke, sind kindlich arrangiert. Wortspiele und Fäkalsprache liebt King sehr – oder schiebt sie zumindest seinen Figuren in den Mund –, und es gibt nicht wenige Momente, die dadurch völlig entschärft bis ad absurdum geführt werden. Er ist einfach kein Humorist.

Aber auch was das Positive angeht, hat King an seinem frühen Meisterwerk heute noch zu tragen. Immer wieder, erzählte er, werde er auf Lesungen gefragt, was die Romanfiguren jetzt denn so treiben würden. Wie geht es Tom Cullen? Was macht das Kind von Frances? Eine Fortsetzung des „letzten Gefechts“ ergäbe keinen Sinn. Man wünscht es sich aber doch.

03. Different Seasons (1982, deutsch: „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“)

★★★★★

DIE Sammlung der besten Novellen. Voran gegangen waren Gespräche mit dem Verlag und Kings Agenten; man wollte ihn anfangs als den „Horror“-Autoren haben, nicht als Autoren, der sich mit irdischen Dramen auseinandersetzt. Acht Jahre nach seinem Debüt „Carrie“ verfügte King dann über ausreichend Macht, seine vier Geschichten zu veröffentlichen. Und was wäre uns da sonst entgangen!

„Rita Hayworth and Shawshank Redemption“ erzählt die Geschichte des Bankiers Andy Dufresne, der wegen Mordes an seiner Frau im Shawshank-Gefängnis sitzt, unschuldig. Andy, aufrichtig und blitzgescheit, ein Mensch, dem unser Herz sofort gehört – weil das Erleben von Ungerechtigkeit nun mal die stärksten Gefühle auslösen kann. Die Gefängnisausbruch-Story, in der es von korrupten und brutalen Beamten nur so wimmelt, erhält Gravitas durch den Erzähler namens Red. Daran, dass der Ausbruch gelingt, lässt King keinen Zweifel. Eine echte Gewinner-Geschichte unter den Gefängnisdramen, in der endlich einmal das Gute siegt.

In „Apt Pupil“ widmet sich King den Themen Verführung, Altersvorsprung und im Allgemeinen der „Faszination des Bösen“. Der Schüler Todd ist sich sicher, im harmlos wirkenden Nachbarn Dussander einen untergetauchten Nazi-Verbrecher erkannt zu haben. Doch statt ihn öffentlich zu entlarven, setzt er den alten Mann unter Druck: Er soll ihn teilhaben lassen an seinem Wissen, und umso grausamer seine Geschichten aus dem Dritten Reich, desto besser. Die Kriegserlebnisse füttern die Fantasie des Jungen, beide gehen ein Zweckbündnis ein, eigentlich hassen sie sich schnell, aber sie blühen auch auf perverse Weise wieder auf. Dussander und Todd töten Obdachlose.

King schildert eine böse Moral: Dass Wissen in den falschen Händen zu neuen Gräueltaten führt, und es das abgrundtief Böse wirklich gibt. Während Dussander wie eine schlafende Bestie wirkt, bverstört Todd, der nichts Gutes in sich tragen scheint, sondern nur darauf gewartet hat, seiner Brutalität freien Lauf zu lassen – die stets planvoll, nie impulsiv wirkt. Weil er jung ist, verliert er am Ende dennoch die Kontrolle.

Stand By Me

„The Body“, die dritte Novelle, würde auch eine der meistgeliebten werden. Vordergründig eine Geschichte von vier Freunden, die sich auf der Suche nach einer Kinderleiche begeben, die angeblich in einem Flußbett versteckt liegt. Vor allem entwarf King mit der Figur des schriftstellerisch begabten, zwölfjährigen Gordie Lachance ein alter ego (beide haben auch denselben Jahrgang, die Handlung spielt sich 1960 ab). Die Auseinandersetzungen mit der Natur, deren Schönheit, aber auch die Gefahren, die sich beim Gang durch die Wälder bieten, atmen den abenteuerlichen Geist der Coming-Of-Age-Stories eines John Steinbeck. King läuft immer dann zu Hochform auf, wenn über die Freundschaft von Jugendlichen schreibt, vor allem auch dann, wenn sie sich gegen ältere Bullys wehren müssen und nur knapp dem Tod entrinnen. In „The Body“ rührt der Schlusssatz des mittlerweile erwachsenen Gordie zu Tränen.

„The Breathing Method“, die abschließende Geschichte, ist auch die magischste, glühendste – und irgendwie auch schönste der „vier Jahreszeiten“. New York in den 1920ern, ein Arzt verliebt sich in seine Patientin, die ihr uneheliches Kind unter allen Umständen zur Welt bringen will, auch wenn das ihren Ausschluss aus der Gesellschaft bedeuten würde; der Mediziner bringt ihr eine Atemtechnik bei, die nicht nur ihre Presswehen unterstützen, sondern auch ihr Kind retten wird.

„The Breathing Method“ erzählt aber nicht nur vom Leben und Überleben in einer strikten Gesellschaftsordnung, King zollt auch seinem Vorbildern Lovecraft und Poe Tribut: Selten schilderte er einen so bizarren wie geheimnisvollen Männer-Club wie denjenigen, in dem die Geschichte vom Arzt und seiner Patientin erzählt wird; die Leute trinken Tee und sind höflich, aber in anderen Räumen auf der Etage scheinen sich dunkle Dinge abzuspielen, über die gerade der Butler nicht berichten will. Ein faszinierendes Zwischenreich, von dem man sich wünscht, King würde in wieder dorthin zurückkehren (für die Short Story „The Man Who Would Not Shake Hands“ tat er das im selben Jahr auch).

„Different Seasons“ bot derart reichhaltiges Material, dass drei der vier Novellen verfilmt wurden – nur „The Breathing Method“ wartet noch auf die Umsetzung. Aus „The Body“ wurde 1986 Rob Reiners „Stand By Me“, und Frank Darabont verfilmte „Rita Hayworth …“ 1994 als „Shawshank Redemption“, laut imdb-Wertung der beste Film aller Zeiten. Nur „Apt Pupil“, 1998 von Bryan Singer mit Ian McKellen in der Rolle des Altnazi Dussander auf die Leinwand gebracht, blieb hinter den Erwartungen zurück.

02. 11/22/63 (2011, deutsch: „Der Anschlag“)

★★★★★

In die Vergangenheit reisen um einen Mord zu verhindern, oder, das Gegenteil, um einen Mord zu vollstrecken – und damit in Kauf zu nehmen, dass sich die komplette Weltgeschichte verändert. Jeder hatte solche Gedanken schon mal. Was würde passieren, hätte man Hitler rechtzeitig gestoppt? Wie sähe unser Leben aus, wäre Jesus nicht am Kreuz gestorben?

In „11/22/63“ reist der Englischlehrer Jake Epping in die Zeit zurück, um die Ermordung John F. Kennedys zu verhindern. Auf Deutsch heißt der Roman „Der Anschlag“, besser gepasst hätte „Das Attentat“, aber der wurde für „The Dead Zone“ bereits vergeben – beide Bücher eint der Gedanke, für den höheren Zweck und eine bessere Zukunft jemanden umzubringen. Beide eint das Motiv vom Mann mit Gewehr, der von erhöhter Position aus einen Politiker ins Visier nimmt, ein Bild, das King nie ganz aus seinen Gedanken verbannen konnte.

Das Attentat zu verhindern ist auch der Traum des Demokraten Stephen King, der 16 war, als sein Präsident bei der Fahrt mit offener Limousine erschossen wurde, und in seinen Sachtexten immer wieder eine Linie von JFK zu Vietnam, Rassenunruhen, Nixon und Watergate zog. Das „We blew it“, das er seiner Generation im Roman „Atlantis“ attestierte, und das ihn mit einschloss, nahm nicht 1969, sondern hier, 1963, seinen Anfang. Ein Amerikaner erschoss einen Amerikaner, der eine Vision hatte.

Oswald, der Einzeltäter

King erspart uns die Oliver-Stone-Theorien, dass es ein Komplott zur Ermordung Kennedys gegeben habe, sei es durch den US-Geheimdienst, den Kommunisten, Castro oder sonst wen. Ziemlich schnell wird dem Lehrer Epping klar, dass der Schütze Lee Harvey Oswald ein ideologisch verwirrter Einzeltäter ist. Das ist auch die Meinung des Schriftstellers: zu „98, vielleicht sogar 99 Prozent.“

Es war jedenfalls ein monumentales Unterfangen für Stephen King, der mit Unterbrechungen ab 1973 an diesem Roman arbeitete, einen Thriller zu entwerfen, der gegenüber einer Checkliste der historischen Genauigkeiten im wesentlichen Bestand haben muss. Diese Leistung kann nicht überschätzt werden. Das betrifft nicht einfach nur Bier- und Automarken ab den späten 1950ern, sondern auch die biografischen Stationen real existierender Personen wie eben Oswald oder auch Jackie Kennedy. Dieser Roman würde auch funktionieren, hätte er nichts mit Zeitreisen-Fantasien zu tun, sondern eine Geschichte aus den Goldenen 1950ern erzählt. „Meistens habe ich mich an die Wahrheit gehalten“, schreibt King im Nachwort, räumt ein, dass er lediglich dem Erzählfluss zuliebe einige Tatsachen geändert habe, um seinem Roman, sein erster Versuch einer Art Doku-Fiction, einen Drive zu verpassen.

„Die Vergangenheit will nicht verändert werden – und wehrt sich“, dieses Mantra begegnet Epping, den das Zeitreiseportal ins Jahr 1958 zurückbringt, immer wieder. Fünf Jahre hat er von da an, Lee Harvey Oswald ausfindig zu machen. Dabei muss er nicht nur lernen, wie es ist, jemanden zu töten. Sondern auch, möglichst keine Spuren zu hinterlassen, die ihn als Zeitreisenden entlarven würden, so dass er selbst verantwortlich wäre für veränderte Biografien all jener Menschen, in deren Leben er tritt. Dass man den Mann, der mehr als 50 Jahre in die Vergangenheit gereist ist, an der Schule, wo er anheuert, für einen „Subversiven“ hält, ist noch die harmloseste Vermutung.

Epping spürt unerklärliche Hürden, die ihn von seinem Ziel abhalten, und er verliebt sich in eine Kollegin aus dem Lehrergremium und muss entscheiden, ob er sie über seine Identität aufklärt. Und King gelingt es, einen Satz wie „Mit schwacher Stimme fragte sie: ‚Bist du aus der Zukunft hierhergekommen‘“, nicht wie eine Heldengeschichte aus dem Groschenroman klingen zu lassen, sondern wie den Anfang eines ziemlich großen Problems zwischen zwei Liebenden.

King nutzt seine Geschichte für zwei wesentliche Kritikpunkte. Zum einen lag es ihm am Herzen, den Attentäter als das hinzustellen, was er vielleicht war: ein fehlgeleiteter Mensch, der glaubt, eine Offenbarung erlebt zu haben, und der sich am Ende, den Finger am Abzug des berühmtesten Gewehrs der amerikanischen Geschichte, tatsächlich in eine Art „Monster“ verwandelt hat, die nichts Menschliches mehr an sich habe. Hier spricht der Autor, der das Unbegreifliche nur mit dem Phantastischen zu erklären vermag.

Dann natürlich die Kritik an Justiz und Polizei. Der Anschlag hätte, davon ist King überzeugt, nie passieren dürfen. King macht auch die Stadt Dallas verantwortlich, die Unfähigkeit der Beamten, die Teilnahmslosigkeit seiner Bürger. Dallas ist für ihn Derry, jenes Nest, in das es Jake Epping zieht, und das in „Es“ eine unrühmliche Rolle spielt als Ort, aus dem nichts Gutes kommt. Auch die CIA kommt bei King nicht gut weg. Behördenchef Edgar J Hoovers Rolle in der Deeskalation des vereitelten Attentats bleibt unklar. Die Agenten, die den unerwarteten Helden Epping vernehmen, glauben nicht an den Präsidenten JFK. Kings bittere Pointe ist, dass Kennedy es für göttliche Vorhersehung gehalten haben könnte, nicht getötet worden zu sein. Ja, unsterblich zu sein. Und doch sind die Dialoge, die Epping mit John F. und Jackie führt, von großem Feingefühl.

„Rette Kennedy, und alles ändert sich, bitte“, lautete der Wunsch, der Jake mitgegeben wird, bevor er seine Reise antritt. Am Ende die Erkenntnis, sowohl Eppings, als auch Kings, dass man die Vergangenheit ruhen lassen muss. Egal, was es kostet, und welche Chancen man dadurch verpasst. Veränderte Zeitlinien, eine „Beatles-Reunion“? Warum nicht. Aber wenn sich dabei ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt und McCartney deshalb erblindet? Besser nicht.

01. Pet Sematary (1983, deutsch: „Friedhof der Kuscheltiere“)

★★★★★

Einmal auf dem „Friedhof der Kuscheltiere“ beerdigt, kommen die Toten wieder ins Leben zurück, um die Hinterbliebenen zu töten. Es ist Kings vielleicht gruseligster – laut Verlagsangaben jedenfalls auch meistverkaufter – Roman, entstanden auf dem Höhepunkt seiner Kokainabhängigkeit.

In der Geschichte zeigt sich die Angst davor, wegen der Sucht seine Familie zu verlieren – im Buch kehrt der totgefahrene Sohn als Zombie wieder. Und, darin liegt die Tragik dieser Story: Es geht auch darum, die Vergangenheit nicht zurückholen zu können. Sollten wir Gott spielen, wenn wir könnten?

Stephen King ist oft sehr gut darin, Vater-Sohn-Beziehungen darzustellen, natürlich solche, die scheitern: „The Shining“ ist ein treffendes, auch das Verhältnis zwischen Roland und seinem Ziehsohn Jake Chambers in der „Dunklen Turm“-Saga. Von tragischer Klarheit ist die Schilderung, in der Vater und Sohn Creed ein letztes Mal Drachen steigen gehen, während wir bereits erfahren haben, dass der Kleine sterben wird. Als der fünfjährige Gage von einem Truck überfahren wird, es ging um Zentimeter, macht sein Vater, der Arzt Louis Creed, das, was er zuvor schon mit seiner überfahrenen Katze getan hat: Er beerdigt ihn auf dem Indianer-Friedhof. Die Katze kam stinkend, torkelnd, faul, passiv-aggressiv in ihre Art von Leben zurück. Gage wird auch wiederkommen, und Familienfrieden hat er nicht im Sinn.

Kings eigener Erzählung nach ist „Pet Sematary“ ein „Schubladen-Roman“ gewesen, er trug die Geschichte mit sich rum, fand sie selbst zu hart, und veröffentlichte sie nur um seinen Vertrag mit dem Verlag Doubleday zu erfüllen, von dem er sich wenig später im Streit um Geld trennen würde.

Was wäre uns da entgangen! King warf in diese Geschichte alles, was er hatte. Die Untoten, allen voran der sinnlos in die Sonne starrende Timmy Baterman (er war der erste auf dem Indianer-Friedhof begrabene Mensch), sind weit effektiver als die „Classic Monster“-Armee aus „Es“. Die besten Szenen haben einen perfektes Timing: Der Sarg des kleinen Gage fällt nach einer Schlägerei unter den Angehörigen vom Podest, sein kleiner Arm wird unter dem hochgeklappten Deckel kurz sichtbar; und der eigentliche Horror, das ist die Pointe beim „Friedhof der Kuscheltiere“, lauert eben nicht auf dem Friedhof der Kuscheltiere, sondern in dem, was dahinter verborgen liegt – das heilige Gebiet der Indianer, wo der Winnebago im Nebel sein flüsterndes Unwesen treibt.

Schon von den ersten Seiten an geht es nur um den Tod: Wie geht man mit ihm um, was erzählt man den Kindern. Darf man auf eine Wiedergeburt hoffen? Louis Creed buddelt, gräbt, blutet und leidet wie wenige von Kings Helden, um an die Leiche des Sohnes zu kommen und dessen Auferstehung einzuleiten. Ausgerechnet Creeds skeptische Frau Rachel, die so vernunftbetont wie sonst niemand auftritt, wird von ihren Gefühlen überwältigt: Sie nimmt ihren toten Sohn, der zurückgekehrt ist, sofort in die Arme. Alle Zweifel sind weggewischt. Großer Fehler. Sie sieht nicht, was er hinter seinem Rücken versteckt hält. Es lässt sich als Kings zynischer Kommentar zu Religion und deren Wiederauferstehungsmythen lesen: Die Gläubigen sind blind vor lauter Optimismus und in Hoffnung auf ewiges Leben.

Rachels Mann wird später wissen, was zu tun ist. Es geht um die Frage, ob man die Toten und damit die Vergangenheit ruhen lässt. Was aber viel beunruhigender ist: Würden wir nicht alle die gleiche Entscheidung treffen wie Louis Creed?


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„Doctor Sleeps Erwachen“: Verleihfirma blamiert sich mit neuem Titel

Der deutsche Verleih der Stephen-King-Verfilmung hat den Titel der „Shining“-Fortsetzung, die am 21. November in den Kinos anläuft, geändert: Aus „Doctor Sleep“, wie in der Buchvorlage, als auch im amerikanisch-sprachigen Kino, wurde nun „Doctor Sleeps Erwachen“. Das klingt ja erstmal gut. Nicht so einschläfernd, sondern aktivierend: Jemand erwacht, das lockt die Leute vielleicht noch mehr ins Kino. Die jüngere Filmgeschichte ist voll von Power-Riegel-Titeln. „The Dark Knight Rises“, „The Force Awakens“, „Age of the Resistance“, „The Rise of Skywalker“ – alles Namen, die auf Bewegung bis Auferstehung hinweisen. Soll ja keiner die Gelegenheit für Wortspiele kriegen, sollte der „Doktor Schlaf“…
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