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Ja, Panik DMD KIU LIT


Staatsakt / Rough Trade VÖ: 15. April 2011


von

Nach langem Grübeln weiß ich nun endlich, wofür die kryptischen Großbuchstaben des Titels stehen: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“. Das klingt melancholisch und theoretisch zugleich. Der Kapitalismus, einst Glücksversprechen und Motor des Pop, trägt nicht mehr. Die Kicks und Thrills, die uns so lange bei der Sache hielten, werden immer kleiner und billiger: „I was sleeping in a room with my soul left out“, singt Andreas Spechtl in „The Evening Sun“.

Dass das vierte Album von Ja, Panik noch einmal deutlich besser geworden ist als die tollen Vorgänger, liegt allerdings auch an der lockerer und lasziver gewordenen Musik. In nur zehn Tagen hat die schon vor einer Weile von Wien nach Berlin immigrierte Band die 15 Songs im Studio von Moses Schneider eingespielt. Oft muss man dabei an eine deutsche Version von Franz Ferdinand denken, etwa bei „Trouble“ oder „Surrender“. Der Roxy-Music-Klassiker „Bittersweet“ wird mit nervösem Lärm aufgeladen, und die Zweisprachigkeit des Originals kommt Spechtl sehr entgegen – er wechselt ja selber permanent zwischen Deutsch und Englisch. Etwa im typisch verrätselten „Nevermind“: „Vielleicht weil er dich nur als den einen liebt, hinter dem das Viele liegt, bist du fürchterlich verängstigt. Aber, Sebastian, nevermind, solang sich deine Situation in meine Richtung neigt.“ Diese Zeilen muss man hören, um sie zu begreifen, denn die Manieriertheit, die übercoole Pose, die der Sänger dabei einnimmt, potenziert die Bedeutung der Worte.

„Time Is On My Side“, „Mrs Jones & Norma Desmond“ und das wunderbar wienerische „Suicide“ sind mit großer Leichtigkeit hingerotzte Rocksongs, die einen an Tocotronic und den geistesverwandten Dirk von Lowtzow denken lassen. Das bereits erwähnte „The Evening Sun“ atmet geradezu klassisch den Geist von „Exile On Mainstreet“, ist also angenehm erschöpfter und wunderbar melodischer Junkie-Rock. Am Ende steht dann das über 14-minütige Titelstück „DMD KIU LIT“. Die kunstvolle Dekadenz von John Cales „Paris 1919“ vermischt sich hier mit dem stilisierten Schmäh des Angebers Falco. Andreas Spechtl dribbelt sich seinen Weg zwischen Großmäuligkeit und Ekel – und klingt dabei so sexy wie nur wenige deutschsprachige Sänger.

Nach „DMD KIU LIT“ gehören Ja, Panik zu den wichtigsten Wortführern im deutschen Pop – keine Ahnung, ob es in diesem Jahr hierzulande noch einmal ein so makelloses Album geben wird.

Ja, Panik werden ihr Album „DMD KIU LIT“ live vorstellen:
07.05.2011 AT Wien – Popfest
09.05.2011 DE Berlin – HAU 1
20.05.2011 AT Linz – Linzfest
29.05.2011 DE Hamburg – Uebel & Gefährlich
30.05.2011 DE Köln – Gebäude 9
31.05.2011 DE Offenbach – Hafen 2
01.06.2011 DE München – Feierwerk
02.06.2011 CH St. Gallen – Palace


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