Joe Henry Reverie


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Man kann einen Hund jaulen hören, Vögel flattern und den Postmann klingeln, denn Joe Henry hat die Fenster seines Kellerstudios geöffnet bei den Sessions für dieses Album. Seine Songs waren ja schon immer offen. Für alle möglichen Referenzen aus Musik, Film und Literatur – von Hemingway bis Helmet. Henry ist – frei nach Cornel West – ein Bluesmann im Geiste und ein Jazzer im Reich der Ideen. Sein zwölftes Studioalbum sollte so spontan und tumultös, so dynamisch und rau klingen wie die legendäre, auf dem Album „Money Jungle“ dokumentierte Jamsession, die Duke Ellington, Charles Mingus und Max Roach am 17. September 1962 in New York entfachten.

„Reverie“ startet fast beiläufig. „Heavenly“ klingt, als  müssten sich die Musiker hier noch finden, Jay Bellerose schlägt Trommelwirbel, Keefus Ciancia scheint am Klavier nach den richtigen Akkorden zu suchen, David Pilch zupft zaghaft seinen Bass und Henry singt vom erhabenen Autokinomoment und der verrinnenden Zeit, „but how, my love, will we escape?“  Aus Geschnarre, Gerumpel und Geklimper ersteht anschließend „Odetta“, ein Song, der so alt und unheimlich, so unfertig und perfekt klingt, als stammte er aus den Basement-Sessions von Bob Dylan und The Band. Auch all die Lieder und Skizzen, die folgen, scheint Henry direkt aus der Ursuppe des amerikanischen Songs gezogen zu haben, so räudig und ungeschminkt kommen sie daher. Filigran wird es erst, wenn Marc Ribot seine feinnervige Gitarre über „Dark Tears“, „Tomorrow Is October“ und „Deathbed Version“ legt.

„Reverie“ scheint ein Gegenentwurf zu Henrys sublimem, wohlklingendem „Civilians“ von 2007 zu sein.  So wie man damals nach einiger Zeit unter der glatten Oberfläche scharfkantige Scherben der großen amerikanischen Erzählung fand, findet man hier unter all dem Dreck und Staub einige von Henrys größten Songs.

Beste Songs: „Odetta“, „Deathbed Version“


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