Joe Jackson The Duke


Ear/Edel VÖ: 22. Juni 2012


von

Es ist gar nicht so schlimm, dass es schlechte „Cover“-Alben gibt. Schlimmer ist, dass es so viele davon gibt. Die größte Schwierigkeit besteht oft darin, aus fremdem Material etwas Eigenes zu machen. Deshalb tritt im Jazz anstelle des platten „Cover“ das viel schönere, weil künstlerisch ambitionierter klingende Wort „Interpretation“. Und welcher Popmusiker eignet sich dafür besser als Joe Jackson? Schließlich liebäugelt er nicht erst seit seinem 82er-Erfolgsalbum „Night And Day“ mit Swing und Latin-Jazz. Schon auf „Beat Crazy“ und „Jumpin’ Jive“ war er als Musikgelehrter aufgetreten.

Circa 30 Jahre später lädt Jackson für sein Album „The Duke“ ein Dutzend befreundete Musiker in mindestens drei Studios auf zwei Kontinenten ein, um mit ihnen Stücke des großen Big-Band-Leaders und Komponisten Duke Ellington aufzunehmen und gibt die musikalische Order aus, sich so weit wie möglich vom Original zu entfernen. Das Ergebnis kann man demgemäß als buntes, multikulturelles Konglomerat bezeichnen, das die Natürlichkeit von Mischpulten und Dolby-Surround-Anlagen atmet. Man merkt, wie Jackson mit den Arrangements haderte, man hört, wie schwer es ihm gefallen sein muss, seine Mitstreiter für dieses Projekt zusammenzutrommeln – bis auf Roots-Drummer Questlove, der immerhin bei fünf Stücken dabei ist. Und man vermisst die entscheidenden Elemente, auf die Jackson bewusst verzichtet hat: Bläser. Kein geglücktes Wagnis in diesem Fall. Denn wo bei Ellington Posaune, Saxofon und Trompete mehr als nur der nötige Klebstoff sind, der Harmonie und Rhythmus zusammenhält, verläppern Jackson die Stücke zwischen Studio-Bombast und Virtuosität.

Die lyrische Schönheit von „Isfahan“ verschwimmt in zähflüssigen Synthie-Streichern und Steve Vais plätschernden Gitarren-Arpeggien. „Caravan“ mit Sängerin Sussan Deyhim klingt wie der späte Santana. Im Medley „I’m Beginning To See The Light/ Take The ‚A‘ Train/ Cotton Tail“ mit Bassist Cristian McBride hechelt Jackson der Verve früher Tage hinterher, „It Don’t Mean A Thing (If It Ain’t Got That Swing)“ mit Duettpartner Iggy Pop scheitert bereits am Titel. Im Vergleich zu Elvis Costello, der seine Karriere ähnlich begonnen hat, scheint Joe Jackson die Richtung jedes Mal ohne Kompass zu wechseln. Auch „The Duke“ wird ihn nicht als verkanntes Genie rehabilitieren. 


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