Jonathan Franzen Unschuld

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Unschuld von Jonathan Franzen

Wenn man den Großen Amerikanischen Roman schon neu erfunden hat, kann man nur den Griffel zur Seite legen oder am Weltroman basteln. Jonathan Franzen hat sich für den Weltroman entschieden. In seinem neuen Meisterwerk lässt er die Figuren durch drei Kontinente und 35 Jahre Weltgeschichte mäandern, um eine Antwort auf die sie umtreibende Frage zu finden, ob es nicht doch ein moralisches Vergehen gebe, das aufgrund seiner Alternativlosigkeit Rechtfertigung finde.

In den turbulenten Zeiten von Frauenbewegung, friedlicher Revolution und Onlinespionage (durch-)leben Franzens Figuren die Katastrophe namens Familie sowie den erbitterten Kampf der Geschlechter. Sie haben dabei Schuld auf sich geladen und laufen nun ihrer Sehnsucht nach Unschuld ebenso verzweifelt wie verbissen hinterher. Die selbstironische Purity „Pip“ Tyler etwa hat sich des Vergehens schuldig gemacht, das eiserne Schweigen ihrer manisch-depressiven Mutter über ihre Herkunft mit dem Verlassen von deren Dunstkreis zu beantworten. Ein Praktikum beim Sunlight Project, der Enthüllungsfabrik des deutschen Whistleblowers Andreas Wolf, weckt die Hoffnung, die ihr bisher verwehrten Hinweise zu ihrem Vater und ihrer Familie zu finden. Andreas Wolf ist nicht nur der ruhmsüchtige König des Enthüllungsgeschäfts, sondern auch ein Neffe von Markus Wolf, dem letzten Chef des DDR-Auslandsgeheimdiensts. Als ehemaliger Dissident deckt dieser vermeintliche Saubermann „die unendliche Vielfalt der menschlichen Schlechtigkeit“ auf und stellt zugleich sicher, dass seine eigenen schmutzigen Geheimnisse zwischen den Bits und Bytes verborgen bleiben.

Tatsächlich könnte sich Wolf vollkommen sicher fühlen, wäre da nicht dieser eine schwache Moment im November 1989 gewesen, als er einem amerikanischen Reporter von dem unentdeckten Verbrechen erzählte, das er Jahre zuvor aus Liebe begangen hatte. Natürlich hat auch der Journalist Leichen im Keller, die ihm keine Ruhe lassen.

„Unschuld“ ist ein überwältigendes Leseerlebnis. Wie schon in „Die Korrekturen“ und „Freiheit“ führt uns der sprachgewaltigste amerikanische Gegenwartsautor hinab in die finsteren Verliese der menschlichen Seele, wo an der individuellen Unzulänglichkeit die größten Hoffnungen zerschellen und das eigene Schuldbewusstsein eine alles Vertrauen vernichtende Paranoia gebiert. „Nichts, was ein Mensch aus Liebe tut, kann falsch sein“, heißt es im Roman. Falsch vielleicht nicht, aber verheerend.

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