Julia Holter Have You In My Wilderness

Domino

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Julia-Holter-have.you-in-my-wilderness-01.jpgMan muss die Rätsel nicht lösen. Man darf sich einfach davontragen lassen, den Worten hinterherlauschen, in den Melodien tauchen wie in einem kristallklaren Bergsee. „Language is such a play“, heißt es in „Silhouette“, bevor sich der Song schließlich von einem Strom aus Streichern, Stimmen und Spinett­stakkato mitreißen lässt. Julia Holters Lyrik ist so präzise wie geheimnisvoll, sie tut es der Musik gleich.

„Have You In My Wilderness“ ist ein berückend schönes, unkitschiges, konzentriertes Album. Es fügt sich nicht wie die drei zuvor einer konzeptuellen Idee, weder folgt es griechischen Mythen, noch verweist es auf einen Alain-Resnais-Film, es beinhaltet tatsächlich eine eher lose zusammen­hängende Song-Sammlung. Ihr viertes ist bei aller Intellektualität und allen avantgardistischen Restspuren auch Julia Holters bislang eingängigstes Album. Hier entwickelt sich eine durch Elektronik und Digitalismus geprägte Künstlerin weg von ihren Ursprüngen, hin zu konventionelleren Songstrukturen und tradierten Produktionsweisen. Mehr noch als auf dem Vorgänger, „Loud City Song“, konzentriert sich die 30-Jährige auf ihre Interpretation dessen, was eine klassische Song-Architektur sein könnte. Holter gestaltet sie mit analogen Instrumenten, mit Geigen, Klarinetten, Kontrabass und Cembalo, mit Refrains und Chören und ihrer unverstellten, klaren Stimme. Sie führt die Melodie, die Instrumente wogen beständig.

Kaum etwas von dem, was Julia Holter singt, ist greifbar. Sie schreibt keine Erzählungen, Holters Lyrics sind fragmentarische Skizzen, Traumbilder. In meinem Lieblingslied, „Sea Calls Me Home“, wird sogar maritim gepfiffen und ein Saxofon spielt auf. Allein was der wie kalt gegen den Wind gerufene Refrain „I can’t swim/ It’s lucidity/ So clear“ bedeutet, bleibt unklar. Herrlich verweht und sehnsüchtig auch „Betsy On The Roof“, wo Holter ein „Uh-oh!“ entfährt, da oben auf dem Dach, und man nicht weiß, ob sie springen wird. Es regnet schon lange nicht mehr. Ein kalter Wind streicht ihr durch das Haar.

Man muss die Rätsel nicht lösen, die Bilder nicht erklären. „Have You In My Wilderness“ klingt in jedem Moment originär und erhaben, erfüllt von einer Tiefe und zugleich einer Leichtigkeit, die atemberaubend ist. Man kann Bezüge nennen: Lora Logic, Elizabeth Frazer, Judee Sill, Kate Bush. Auch Joni Mitchell, eine Joni Mitchell des digitalen Zeitalters. Vergleichspunkte, die vage bleiben – zu eigen ist diese Songwriterin aus Los Angeles, die mit jedem Album besser wird.
Sie habe eine Art Country-Album machen wollen, sagt Julia Holter. Das ist ihr zum Glück nicht gelungen.

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