Kraftklub Keine Nacht für Niemand



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Vor drei Jahren eröffneten sie ihre Platte mit „Unsere Fans haben sich verändert/ Unsere Fans haben sich verkauft/ Unsere Fans sind jetzt Mainstream.“ Besser geht es nicht.

Dieses Mal starten sie so: „Die Menschen rufen unseren Namen/ Kniet nieder vor dem K/ Die Frage aller Fragen: Kommt das Album dieses Jahr?“ Und, tja, das hat weder den Witz noch die Intelligenz von „Unsere Fans“.

Keine Ahnung, was zwischen ihrem zweiten und dem neuen, dritten Album passiert ist, aber die federnde Drahtigkeit ist einer Muskulosität gewichen, die Kraftklub nicht guttut. Was die Band aus Chemnitz von so vielen anderen unterschied, war ja immer das Mehr an Smartness und Eleganz, sie waren eher deutsche Mods als deutsche Rocker, Poloshirt statt Lederjacke, ­eine Band, die sich zu inszenieren verstand, die ihre Musik perfekt timte, eine Balance hielt zwischen schlankem Gitarrenpop und Felix Brunners modulationsarmem, aber energischem Sprechgesang (und seinen sauguten Lyrics).

Bisweilen reaktionär und ranzig

„Keine Nacht für Niemand“ wirkt wie eine Jungshorde, die zu lange im Fitnesscenter gepumpt hat. Ein Lied wie „Am Ende“ ist mindestens so testosterongesättigt wie eine ländliche Großraumdisco (obwohl Sven Regener mitsingt), und das auf kontrovers getrimmte „Dein Lied“, in dem die Ex im geigenumflorten Bombast­refrain als „Du verdammte Hure“ bepöbelt wird, weil sie halt jetzt einen anderen hat, ist dann eben nicht lustig, scharf, provokant, sondern reaktionär und einigermaßen ranzig.

Es gibt aber auch tolle Songs. „Chemie Chemie Ya“ zum Beispiel, ein halbstarkes, euphorisches Drogenlied, ein Lied über die Magie der Nacht und darüber, sich überlebensgroß zu fühlen. Und es gibt Zeilen wie „Du hast ein Haus und Boot/ Ich hab Hausverbot.“ Es gibt wunderbare Harmonie­gesänge und knackige Riffs; das können sie ja.

Und dennoch, trotz ihrer neuen Breitbeinigkeit wirken Kraftklub ein bisschen ausgepowert. Schade, denn sie sind die gute unter den großen deutschen Bands. (Vertigo/Universal)


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