Kraftwerk 3-D Der Katalog


Warner


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Kraftwerk ist für Ralf Hütter kein Musikprojekt, sondern museales Gut: Im „Spacelab“-Clip landet sein Raumschiff in den Ausstellungsstätten der ­Erde, etwa dem MoMA in New York oder der Neuen Nationalgalerie Berlin. Deutliche Bildsprache: Der Gastgeber wird vom imposanteren Gast beehrt. Mit dem 3-D-Set ihres „Katalogs“, bei dem Kraftwerk acht Alben in den Museen aufführten, erscheint nun die Ver­sion „zum Anfassen“: als „Concert“-Blu-ray und auf Extra-Discs die „Films“, dazu die CD- und Vinyl-Box mit den nummerierten Alben.

Erstaunlich, wie austauschbar die improvisierten Museums­bühnen wirken, dass sie keine eigene Ankündigung erhalten und ihnen dadurch eine Würdigung versagt bleibt (ein Saal erinnert an Hamburgs Große Freiheit 36). Immerhin gelang es, viele emporgereckte Fan-Handys aus dem Bild zu halten – was jedoch paradox ist, da Kraftwerk ihre Platten stets den Entwicklungen weltweiter Vernetzung widmeten. Schade ist, dass das Publikum im Ton ausgeblendet wird. Wer das grandios preschende „Nummern“ live gehört hat, weiß, wie „Museumsbesucher“ dazu abgingen. Zuschauer sind für die Konservierung dieser Live-Musik wohl zweitrangig.

Schwierige House-Aufarbeitungen

Kraftwerk-Stücke sind dann wirkungsvoll, im Bild wie im Klang, wenn das Material unberührt bleibt oder zumindest in Retro­motiven aufgeht. Die Fahrt des „Autobahn“-Mercedes (Kennzeichen D‑KR 74) ist ein Genuss, ebenso die „Kometenmelodie“ mit Himmelskörper, ­unter dem eine in Form von Notenschlüsseln visualisierte Mini­sinfonie dahingleitet.

Problematisch sind die House-Aufarbeitungen vieler Songs: Hütter ist im Ibiza-Feeling seiner „The Mix“-CD von 1991 stecken geblieben. „Radioaktivität“ illustriert das Dilemma. Zunächst gibt es eine perfekte Balance von Damals und Heute: Auf der Leinwand spricht der Ralf von 1975 den Titel in sein Mikrofon, die Roboter­stimme gemahnt danach an „Fukushima“ und setzt ein „Stopp!“ vor die einst zelebrierte „Radioaktivität“ – Kraftwerk haben aus (politischen) Fehlern gelernt. In der Liedmitte aber setzt die Party mit Techno­bums plus Hi-Hat ein – und die Wirkung verpufft.

Ins Museum schaffen es gemeinhin originäre Werke, die den Zeitgeist überdauern (oder zumindest repräsentieren). Hütter will Kraftwerk „mit der Zeit gehen“ lassen und scheitert daran. Die Werke sind stark genug, sie bedürfen keiner Modernisierung, es macht sie nicht besser. Im Gegenteil.


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