Kritik: „We Own This City“ – Rückkehr nach Bodymore



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Mit „The Wire“ schuf David Simon einst einen Klassiker des seriellen Erzählens. Vor knapp zwanzig Jahren bewiesen der Autor und sein Heimatsender HBO eindrucksvoll, wie facettenreich komplexe Themen im Medium „Serie“ ausgeleuchtet werden konnten. Basierend auf seinen eigenen Erfahrungen als Reporter der „Baltimore Sun“ und seinem Jahr an der Seite der Ermittler der Mordkommission boten Simon und sein Kreativteam über fünf Staffeln eine umfassende Diagnose der allgegenwärtigen Malaise der amerikanischen Großstadt zwischen Drogen und Gewalt, systemischem Rassismus und politischem Versagen. Die Balance zwischen der Wucht großer gesellschaftlichen Kräfte und den Einblicken in intime menschliche Dramen traf die Serie perfekt. „We Own This City“ wirkt nun wie eine Rückkehr zu den Wurzeln. Wie eine jener Serien-Reunions, in denen sich die Stars noch einmal für einen nostalgischen Blick zurück vor der Kamera versammeln. Die bekannten und markanten Figuren von einst fehlen bei dieser Rückkehr nach Baltimore alias Bodymore. Lediglich die Stadt selbst als Kulisse, Handlungsort und Hauptdarstellerin kehrt zurück.

Auch in „We Own This City“ dient die Wirklichkeit als Vorlage. Dieses Mal ist es jedoch nicht Simon selbst, der sein Ohr am Puls der Stadt hat. Justin Fenton, Investigativreporter der „Baltimore Sun“, recherchierte zu einem Korruptionsfall, der das Vertrauen in die Polizei tief erschütterte: Officer Wayne Jenkins (stark: Jon Bernthal) steigt dabei vom einfachen Streifenpolizisten zum Kopf der zunehmend mafiös agierenden Gun Trace Task Force auf. Von Beginn an bekommt er jene illegalen Praktiken und Kniffe eingebläut, mit denen Verhaftungsquoten hochgehalten werden, um den Anschein erfolgreicher Polizeiarbeit zu erwecken. Später dann erweitert die Gruppe um Jenkins ihr kriminelles Repertoire um Erpressung, Unterschlagung, Drogengeschäfte und Geldwäsche.

Eine Serie, die Arbeit macht

Simon und sein langjähriger True-Crime-Kollege George Pelecanos bereiteten den von Fenton ans Licht beförderten Fall nun als Miniserie auf. Dort wo „The Wire“ die Ursachen des komplexen Geflechts an urbanen Problemen freilegte, zeigt sich „We Own This City“ als Komplementärstück zu jener Mischung aus Übergriffen, Machtmissbrauch, Willkür und Misstrauen, die zwei Jahre nach dem Tode George Floyds die Nachrichten und große Teile des öffentlichen Diskurses rund um Polizeiarbeit dominieren. Das ernüchternde Ergebnis: Keines der Probleme, die „The Wire“ so umfassend aufdröselte und die in der Auseinandersetzung mit der Serie immer wieder diskutiert wurden, scheint auch nur im Ansatz gelöst.

Aus mehreren Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen seziert die Miniserie penibel politische Abhängigkeiten und institutionelle Dysfunktionalitäten, die Jenkins und seine Kollegen walten ließen. Die vergleichsweise kurze Laufzeit der Miniserie lässt jedoch leider wenig Raum für Charakterentwicklung und jene atmosphärische Momente, die für Nebenstränge wichtig sind. Im Dickicht aus Polizeijargon, ermittlungstechnischen Details und juristischen Feinheiten folgt „We Own This City“ zwar gekonnt dem verschlungenen Pfad der Korruptionsgeschichte und deren Aufdeckung, um den Blick mit fast dokumentarischer Schärfe auf die zentralen Probleme von Polizeiarbeit zu richten. Die Dichte des Stoffes lässt jedoch wenig Zeit zum Luftholen für das Publikum. Hierdurch wirken die sechs Stunden der Serie streckenweise wie Arbeit – und weniger wie entspanntes Vergnügen. Die tiefen und packenden Einblicke in die systemischen Probleme von Polizei und Politik, die „We Own This City“ liefert, macht diese Serienarbeit jedoch mehr als lohnenswert (Sky).


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