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Mark Z. Danielewski Das Fünfzig Jahre Schwert


Tropen


von

Der New Yorker Schriftsteller Mark Z. Danielewski arrangiert seine Texte ein bisschen anders auf dem Papier als die meis­ten seiner Kollegen. Da ist man als Leser gefragt – man muss das Buch drehen, man muss entscheiden, welche Kolumne auf einer Seite man zuerst liest, man muss erkennen, welche Bedeutung die Typografien und Farben haben, in denen er seine Wörter drucken lässt. Daher hat man seine Werke schon dem vom norwegischen Computerspiel­forscher Espen J. Aarseth eingeführten Genre der ergodischen Literatur zugeordnet: (Hyper-)Texte, deren Lektüre mit einer gewissen Arbeit verbunden ist, die über das Verstehen des Inhalts hinausgeht.

Klingt anstrengend. Doch beim Lesen der formal anspruchsvollen Romane „House Of Leaves“ und „Only Revolutions“ konnte man bereits die interessante Erfahrung machen, dass aus all den vom Autor auf der Seite verstreuten Informationen im Kopf fast automatisch eine lineare Narration entstand (beim modernen Tristan-und-Isolde-in-Amerika-Epos „Only Revolutions“ blieb allerdings ein geheimnisvoller, nicht zu dechiffrierender Rest). Das zeigt vermutlich einerseits, wie unser Gehirn funktioniert, und andererseits, dass Danielewski im tiefsten Innern seines Herzens eben doch vor allem ein Geschichtenerzähler ist.

Besonders deutlich zeigt sich das nun in „Das Fünfzig Jahre Schwert“, einem 2005 zwischen den beiden Hauptwerken in kleiner Auflage bei einem niederländischen Verlag erschienenen Büchlein, das Danielewski 2012 für die US-Ausgabe noch einmal überarbeitete und das nun am 23. September in deutscher Übersetzung erscheint. Eigentlich erzählt der Autor hier eine recht konventio­nelle Gespenstergeschichte – allerdings selbstverständlich wiederum gewürzt mit ein paar postmodernen Kniffen und formalen Experimenten. „Vielleicht weil
die Geschichte einer jeden Gespenstergeschichte selber eine Gespens­tergeschichte ist, will sagen,
eine vollkommen andere Geschichte,
darf angenommen werden, das nun Folgende sei mit Fug und Recht
ebenso als Gespenstergeschichte zu
betrachten“, raunt der Erzähler gleich zu Anfang, nur um sich dann (fast) vollkommen zurückzunehmen. Denn im weiteren Verlauf erinnern sich die fünf Waisen Tarff, Eza­de, Iniedia, Sithiss und Micit, jeweils nur durch farbige Anführungszeichen voneinander getrennt und sich gegenseitig ins Wort fallend, an die schaurige Geschichte, die sich im Herrenhaus des 112-jährigen Moses Dettle­down ereignete.

Dort wurde eine Feier ausgerichtet, zu der auch die thailändische Näherin Chintana eingeladen war. Was diese nicht wusste: Anlass dieser Festivität war ein 50. Geburtstag zur Mitternachtsstunde. Und zwar der von Belinda Kite, einer drallen Dame, die Chintana einst den Ehemann ausgespannt hatte. Die Näherin hätte das Haus wohl am liebsten sofort wieder verlassen, hielt sich stattdessen aber an die Waisen, die von einer Sozial­arbeiterin beaufsichtigt wurden. Diese hatte zur Belustigung der fünf Kinder einen Geschichtenerzähler engagiert, der allerdings so lustig nicht war. Ein böser Mann, sei er, mit einem schwachen Herz, stellte er sich vor. „Und diese Bosheit war’s und diese Schwärze, die mich zwangen, auf die Suche mich zu machen nach dem, was ich/ Schon viele Jahre lang mit mir herumtrage und was ich euch heut Abend mitgebracht hab.“ Er offenbarte den Waisen eine schwarze Kiste mit einem ockerfarbenen Deckel. Darin befand sich, wonach er so lange gesucht hatte und was er schließlich auf einem unheimlichen Berg fand: Eine geheimnisvolle Waffe, geschmiedet von einem Mann ohne Arme, ein Schwert, dessen Klinge erst schnitt, nachdem das damit attackierte Opfer sein 50. Lebensjahr erreicht hatte. Dann bat der Geschichtenerzähler die fünf Waisen, die fünf Riegel der Kiste zu öffnen, um das Schwert herauszunehmen.

Sie können sich vielleicht denken, wie es weitergeht. Wenn nicht: umso besser. Das ist jedenfalls erst der Anfang der wahren Schauergeschichte. Die Magie dieses polyphonen Kunstmärchens offenbart sich schon beim ersten Lesen, wenn man noch ganz auf die Plotline und die sprachlichen Motive fixiert ist, und kaum auf die kunstvoll gestickten Ornamente achtet, die den Text säumen, oder den (wundervoll von Christa Schuenke ins Deutsche übertragenen) Sound der einzelnen, farbig gekennzeichneten erzählenden Personen. Doch „Das Fünfzig Jahre Schwert“ ist zugleich eine Graphic Novel im besten Sinne – die grafischen Elemente, das Layout und die Farbgebung offenbaren bei jeder weiteren Lektüre einen zusätzlichen erzählerischen Mehrwert. Und einen visuellen und haptischen noch dazu. Wie schon mit „House Of Leaves“ und „Only Revolutions“ inszeniert Danielewski hier das gute alte Buch als wunderschönes ästhetisches Objekt. Nicht umsonst hat er sich lange Zeit geweigert, seine Werke auch in E-Book-Versionen herauszugeben. Eine verlustfreie Übertragung ins Digitale sei zurzeit noch nicht möglich sagt er, dafür seien die Möglichkeiten der neuen Medien einfach noch zu begrenzt. Ein Hoch auf den altmodischen, bücherliebenden Erzähler Mark Z. Danielewski!


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