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Neil Young + Promise Of The Real Earth


Reprise/Warner


von

Ob sich der Chemiekonzern Neil Youngs Warnung hinter die Ohren schreibt? Durch das straight rockende „Seed Justice“ und die nur schwer erträgliche Anbetung von „Mother Earth“ am Harmonium rechtschaffen aufgewallt, stimmt Youngs junge Band Promise Of The Real nach 15 Minuten „The Monsanto Years“ an. Der Song, in dem Neil den gleichnamigen Agrar­multi anprangert, gleitet sämig dahin, und man ist ergriffen von der zweifelsfreien, direkten Ansprache: „The seeds of life are not what they once were/ Mother Nature and God don’t own them anymore.“ Oh yeah.

Zynismus ist ein Scheiß, Distinktion hilft nicht weiter, aber immer wenn Neils Mitstreiter den Namen Monsanto im Chor singen, zuckt man zusammen. Dabei sind die Harmoniegesänge der Willie-­Nelson-Söhne Lukas und Micah ausgesprochen hübsch, und ihre Gitarren perlen präzise. Man zuckt zusammen, weil die zweifelsfreie, direkte Ansprache fremder scheint als Suaheli. Doch Young hat dieses Live-Doppelalbum einem Thema unterstellt. „After The Gold Rush“, „My Country Home“, „Human Highway“: Jedes Lied handelt von der Zerstörung des Planeten durch den Menschen. Am Ende des „Vampire Blues“ ruft Young „Peace!“ ins Publikum. Doch der Song klingt ein bisschen gebisslos, auch wenn Neil das „Sucking blood from the earth“ schön überbetont. Vom großartigen 1974er Album „On The Beach“ hätte ich lieber den illusionslosen Titelsong gehört – aber der handelt nicht von der Umwelt-, sondern bloß von der Selbstzerstörung. Doch dann, toll zum Finale: 28 orgiastische Minuten „Love And Only Love“. Ohne Klimakatastrophenbezug.

Eine tolle Idee ist auch das Getier, das die Band begleitet. Pferde wiehern, Gänse schnattern, Grillen zirpen, Frösche quaken. Ihre ­Töne hat Young selbst aufgenommen und sie zwischen und in die Tracks montiert wie handgestrickte Elektronika. „ ,Earth‘ does not fit on ­iTunes“, triumphiert Young. „It breaks all their rules.“ Yeah. Mutter Erde wird’s ihm danken.


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